Zeitung Heute : „Dieser Teil der Welt ist wichtig für Deutschland“

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Die Deutschen zeigen großes Mitgefühl für die Flutopfer. Die Bundesregierung stockte die Hilfe auf 500 Millionen Euro auf. Ist diese Entscheidung auch außenpolitisch vernünftig, Herr Bertram?

Sie ist innen und außenpolitisch vernünftig. Denn in dieser Katastrophe wird deutlich, dass dieser Teil der Welt für uns wichtig ist. Und wir zeigen jetzt, dass wir uns darum kümmern, was dort passiert.

Warum ist Südasien für uns von strategischer Bedeutung?

Asien ist die Region, die in den kommenden Jahren weltweit den größten Zuwachs von Macht erleben wird, das betrifft vor allem China und Indien. Wir müssen diesem Kontinent in Zukunft viel mehr Aufmerksamkeit widmen.

Denken Sie dabei an die wirtschaftliche Dynamik dieser Region?

Bis in die Spitzen der deutschen Politik hinein herrscht das Missverständnis, es gehe bei dieser Entwicklung hauptsächlich um kommerzielle Fragen. Das ist aber nicht der Fall. Es ist wichtig, dass die deutsche Außenpolitik auch die strategische Herausforderung erkennt. Ich hoffe, dass diese Katastrophe dazu beiträgt.

Ist die deutsche Hilfszusage hilfreich für das Bemühen um einen Sitz im UN-Sicherheitsrat?

Ich glaube nicht, dass die Hilfszusage darüber entscheiden wird, ob Deutschland in den Sicherheitsrat kommt. Die Bundesregierung hat eine gute Figur gemacht. Sie hätte nicht anders entschieden, wenn die Frage des Sicherheitsrats nun nicht anstünde. Sie hat deutlich gemacht, dass Deutschland ein großes Land ist, das sich seiner Verantwortung bewusst ist und eine wichtige Rolle in der internationalen Ordnungspolitik spielen will. Das sollte sie in Zukunft öfter tun, auch wenn sie nicht durch eine Naturkatastrophe dazu herausgefordert wird.

Hat sich die EU in der Krise als handlungsfähig erwiesen?

Die Vertreter der EU-Kommission waren frühzeitig vor Ort. Aber die nationalen Regierungen wollten die Hilfe nicht allein der Kommission überlassen. Und dann dauerte es, bis sich die Hauptstädte zusammengerauft hatten. Berlin hätte die Initiative ergreifen sollen, statt zu warten, bis der neue EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker eine Sitzung einberief. Dem Bild der EU als handlungsfähiger Organisation hat das nicht geholfen.

Während die USA schon Lebensmittel aus Hubschraubern abwarfen, stritten EU-Politiker noch über Entscheidungen.

Das zeigt in erster Linie den Unterschied zwischen den militärischen Fähigkeiten der Weltmacht USA und denen Europas. Die USA waren in der Lage, in kurzer Zeit Gerät und Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, die Europäer nicht. Insbesondere hinsichtlich der Frage, wie es schnell Transportkapazität bereitstellen kann, muss sich Europa noch besser koordinieren, als es das bisher tut.

Ist die Krise eine Chance für die UN, durch eine überzeugende Koordination der Hilfe andere Schwächen zu kompensieren?

Jetzt geht es nicht mehr nur um Nothilfe, sondern um langfristigen Wiederaufbau. Die Frage lautet, welche internationale Institution einen sinnvollen, effektiven Einsatz der Hilfsgelder garantieren kann. In dieser Hinsicht hat sich bisher kaum eine internationale Einrichtung mit Ruhm bekleckert. Das wird eine ganz schwierige Aufgabe, egal, ob das die UN, die Weltbank oder die EU leisten will. Die wirkliche Herausforderung besteht darin, die gemachten Zusagen auch einzuholen und so zu verteilen, dass der Wiederaufbau gelingt.

Verbessert die Hilfe Europas und der USA insbesondere für Indonesien, die größte islamische Nation der Welt, das Verhältnis von Muslimen in anderen Weltregionen zum Westen?

Man sollte nicht zu viel Signalwirkung erwarten. Die Erinnerung an die Gesten des Mitleids und der Sympathie des Westens für die Opfer wird sehr schnell verblassen. Wichtiger ist, dass diese Hilfe kein Strohfeuer bleibt, sondern tatsächlich auf lange Zeit geleistet wird. Wenn uns das gelingt, wird das auch in der muslimischen Welt Eindruck machen.

Christoph Bertram ist Direktor des Forschungsinstituts der Stiftung Wissenschaft und Politik.

Das Gespräch führte Hans Monath.

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