Zeitung Heute : Dieses eine Mal noch

Axel Vornbäumen

Wenn Gerhard Schröder heute aus dem Flugzeug steigt, das ihn aus Washington zurückbringt, geht’s los: Der Countdown zur Vertrauensfrage beginnt. Wird das die Woche des Kanzlers?

Selbstverständlich wird sie das – mit allen Paradoxen übrigens, die heutzutage zur Politik dazugehören. Denn natürlich ist die Kanzlerdämmerung in ihre Endphase getreten, wenn Gerhard Schröder am heutigen Dienstag auf dem Flughafen Berlin-Tegel, militärischer Teil, aus dem Luftwaffenairbus steigt. Und doch ist es so, dass niemand anders als er, Schröder, die Lichtverhältnisse bestimmt. Dieses eine Mal noch. Eine halbe Woche lang.

Das wird insbesondere am kommenden Donnerstag so sein, wenn noch einmal die Spitzen der rot-grünen Koalition zusammenkommen, denen Schröder seinen Weg zu Neuwahlen skizzieren wird. Grobkörnig wird das sein, schmallippig womöglich, eher Vortrags- denn Überzeugungsarbeit. Das gemeinsame Ende ist schließlich auch ein Ende der Gemeinsamkeiten. Schröder sieht das längst so, und die Grünen mussten es, nach einer kurzen Phase des Schocks, auch einsehen. Wer aufmerksam liest, und auch in der Grünen-Spitze wird aufmerksam gelesen, der konnte neulich der „Zeit“ entnehmen, dass Schröder in den sieben Jahren seiner Regentschaft mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt war, dass es sich bei Rot-Grün um ein „Zeitgeistbündnis“ gehandelt habe, das zur Unzeit kam. Mit einer Avantgarde aus der „alten Bundesrepublik“ habe er den Kabinettstisch geteilt, die den radikal veränderten Verhältnissen hinterherregiert habe. Es ist ein nüchternes Fazit, ein ernüchterndes Fazit, das der Kanzler da zieht. Es ist kein „Es geht nicht mehr“, es ist ein „Ich will nicht mehr“.

Dabei hätten doch noch so viele gewollt, auch in der eigenen Fraktion, die der Kanzler möglicherweise ebenfalls aufsuchen wird. Seine schärfsten Kritiker sitzen hier, gefangen nun in einem Korsett eigentümlicher Loyalität, Genossen, die hinter vorgehaltener Hand von „Vergewaltigung“ sprechen, von „Amoklauf“, vom „Strick“, an dem man sich nun aufhängen könne. Viele werden nicht wiederkommen, wenn, was sehr wahrscheinlich ist, am 18. September gewählt werden sollte. Und die, die wiederkommen, werden es mit einer anderen Körpersprache tun. Kaum vorstellbar, dass sich die Einsichtsfähigkeit der SPD-Fraktion gewaltig steigern wird, wenn Schröder erst am Freitag vor dem Parlamentsplenum öffentlich seine Gründe für die Vertrauensfrage darlegen wird – aus „Respekt vor dem Parlament“, wie die dafür gefundene Formel lautet.

Vorher, am Mittwoch, informiert er seine Minister. Die reguläre Kabinettssitzung fällt aus, so ist es ein überschaubarer Kreis, nur die Ressortchefs, nicht die Staatssekretäre. Man könnte meinen, die Minister wissen alles Wesentliche längst, schließlich gilt als Modell, dass sie sich enthalten. Weit gefehlt. Es gibt altgediente Kämpen, beileibe nicht nur für „Gedöns“ zuständig, die haben mit Schröder seit dem Neuwahl-Coup vom 22. Mai in besagter Sache kein Wort gewechselt. Einsam habe der Chef entschieden, nach dem Motto: Jetzt habe ich die Schnauze voll, heißt es, einsam gehe er nun seines Wegs.

Am 1. Juli, so sieht es nun aus, erreicht er sein Etappenziel. Die nötigen Formalien sind erfüllt. Am Montag ging der Antrag beim Bundestagspräsidenten ein, am Freitag die Vertrauensfrage stellen zu dürfen. Noch einmal wird Gerhard Schröder dann die Rolle spielen, die er mittlerweile am besten kann. Ernster Staatsmann in ernsten Zeiten. Seine Hände werden links und rechts am Redemanuskript ruhen. Das macht er so, wenn’s wichtig wird. Ein stilvoller Abgang ist ihm wichtig.

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