Zeitung Heute : Diesmal ohne Hitler

Der Tagesspiegel

Von Malte Lehming

Nur noch die klapprigen Knochen sind erkennbar. Als ernst zu nehmender Alliierter bei kriegsähnlichen Bedrohungen hat Europa sich blamiert. Seit dem 11. September darf der Begriff „Europäische Union“ in dieser Hinsicht nicht länger als Zustandsbeschreibung gelten. Eine halbe Ewigkeit hatte es damals gedauert, bevor die EU eine gemeinsame Haltung gegenüber dem global operierenden Terrorismus entwickeln konnte. Zuvor war ein Regierungschef nach dem anderen nach Washington gereist, um bilaterale Gespräche zu führen. Pekuniär mag der alte Kontinent inzwischen geeint sein, außen- und sicherheitspolitisch herrschen weiter die nationalen Traditionen vor. Ein Ende dieser Malaise ist nicht in Sicht.

Oder doch? Fast unbeachtet ist in den letzten Wochen und Monaten etwas Erstaunliches passiert. Ausgerechnet die europäischen Intellektuellen sprechen plötzlich mit einer Zunge. Wer in den Zeitungsarchiven gräbt, kommt automatisch zum Ergebnis: Es gab keine genuin deutsche, britische, französische oder italienische Reaktion auf den 11. September. Jeder Gedanke wurde auch anderswo gedacht.

Was sich an Philo- oder Anti-Amerikanismus artikulierte, war europäisch gefärbt. Ob verständnisvoll, solidarisch oder kritisch: Die Haltung der europäischen Intelligenz war von nationalstaatlichen Prägungen frei. Selbst in London war der Ton mitunter schärfer als in Paris oder Berlin. Die Riesenschlagzeile „Folter!“ über einem Bild, das Gefangene auf dem US-Marinestützpunkt Guantanamo Bay zeigte, stand zuerst in britischen Zeitungen.

Auch die Reaktionen in Deutschland waren diesmal nicht deutsch. Das überrascht am meisten. Von der Studentenrevolte bis zur Friedensbewegung, vom Streit über die Erinnerung und die eigene Identität bis zu den Stasi-Akten und den Kosovo-Krieg: Zu jeder wichtigen Debatte gehörte der Rekurs auf die deutsche Vergangenheit, auf Auschwitz und den Holocaust, früher fest dazu. Die Probleme, um die es ging, mochten andere Staaten teilen, doch die Diskussionen verliefen in Deutschland stets spezifisch. Seit dem 11. September ist von dieser Fixierung nichts mehr zu spüren. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik findet eine urpolitische Auseinandersetzung ohne urdeutsche Komponente statt. Die deutsche Vergangenheit spielt keine Rolle.

Auf jener geistigen Ebene, die der politischen Konkretion vorausgeht, sind die Europäer seit den Anschlägen in den USA enger zusammengerückt. Eine Mehrheit von ihnen würde folgenden Satz unterschreiben: Der Terrorismus ist etwas Böses, das bekämpft werden muss, aber um ihn nachhaltig einzudämmen, sollte er ebenfalls als Akt der Verzweiflung verstanden werden, die oft durch Armut und Ungerechtigkeiten verursacht wird.

Amerikaner dagegen befürworten mehrheitlich nur den ersten Teil dieses Satzes. Das liegt daran, dass Europäer eher bereit sind, nach politischen und sozialen Gründen für den Terrorismus zu suchen. Außerdem wittern sie schnell angebliche Übertreibungen und Obsessionen der Amerikaner – Stichwort: Irak, Guantanamo, Bürgerrechte, Propaganda. Das wiederum führt zu der Unterstellung, die Bush-Regierung würde den Kampf gegen den Terrorismus innenpolitisch ausnutzen, um eine erzkonservative Agenda durchzudrücken.

All das ist europäischer Commonsense. Er wird in Deutschland ebenso klug und dumm, befangen und unbefangen, verschämt und unverschämt vorgetragen wie in Italien, Frankreich, Spanien oder England. Wer glaubt, es gebe eine spezifisch deutsche Reaktion auf den 11. September, irrt. Die global operierenden Terroristen haben das Ende der vergangenheitsfixierten Introspektion in diesem Land eingeleitet. Wenigstens dafür gebührt Osama bin Laden neben unserer Verachtung ein Quäntchen Dank.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar