DIE WEINE DES MONATS : DIE WEINE DES MONATS

WÜRTTEMBERG

Gipskeuper-Riesling aus dem

jungen Schwaben

Württemberg gilt vielen noch immer als das Trollinger-Land, als Quelle seltsamer dünner Weine, die von den Einheimischen geliebt und von allen anderen ignoriert werden. Doch wie überall sonst im deutschen Weinbau ist diese Traditionen von der jungen Winzergeneration kritisch geprüft worden, und das Ergebnis war: Es geht auch anders. Jochen Beurer aus dem Remstal am Rande Stuttgarts ist einer von fünf „Wengertern“, die sich zum Bund „jungesschwaben“ zusammengeschlossen haben - um zu zeigen, was sonst noch so geht.

Das Remstal ist eine geologisch interessante Formation, die auf nur einem Kilometer Luftlinie sämtliche Schichten des Mittel- und Ober-Keupers zeigt. Das Weingut Beurer liegt auf einer Hangkante in 380 Metern Höhe. Kultiviert werden dort oben nur Riesling-Reben, die auf den tiefgründigen Gipskeuper-Böden beste Bedingungen vorfinden; Beurer hat der Versuchung widerstanden, mehr marktkonforme Rotweinreben zu setzen und gilt deshalb auch als Riesling-Spezialist. Konsequent stellt er daher auch diesen Boden in den Vordergrund bei seinem 2009 Stettener Häder Riesling vom Gipskeuper. Dieser trockene Wein wurde spontan ohne Reinzuchthefen vergoren, was jegliche aromatische Uniformität verhindert. Die Gärung erfolgte sehr langsam, um die Fruchtaromen optimal herauszuholen, und der Wein lag schließlich zur Abrundung noch lange auf der Feinhefe.

Wer nach dieser Beschreibung ein vielschichtiges Fruchtbukett erwartet, liegt richtig: sofort nach dem Öffnen verströmt der Wein Anklänge von Limetten, Grapefruit, Äpfeln, Pfirsichen und Aprikosen, besticht am Gaumen mit Mineralität und rassig-saftiger Säure - trinkreif, aber mit Perspektive, und ein Tipp für alle, die dem Jahrgang 2010 aus Deutschland eher skeptisch entgegen sehen. Die Flasche kostet 11,50 Euro bei der Wein&Glas Compagnie, Prinzregentenstraße 2 in Wilmersdorf.

MONTSANT

Mediterranes Feuerwerk aus sehr alten Reben

Die unglaublich differenzierte spanische Weinlandschaft bietet Platz für nahezu alles: Massenwein aus Großgenossenschaften, exportfähige Mittelklasse zum günstigen Preis – und rare Spezialitäten bis rauf zum legendären „Pingus“, der je nach Jahrgang bis zu 900 Euro kosten kann, pro Flasche selbstverständlich. Und gerade bei diesen teuren Raritäten spielt der biodynamische Anbau eine immer größere Rolle - das volle Programm ohne chemische Dünger und Insektizide, mit Kräuterpräparaten, Mondphasen und Mist im Kuhhorn. Niemand weiß genau, was da wie funktioniert, viel mag Suggestion sein, Ausdruck der höheren Zuwendung des Winzers zur Rebe. Doch die Methode bekommt den Böden gut, und die Weine werden ohne jeden Zweifel vielschichtiger, ausdrucksstärker und langlebiger.

Einer dieser Winzer ist Josep Anguera, dem die Bodega Vinyes d´ en Gabriel in der kleinen nordspanischen Region Montsant gehört. Dort wachsen überwiegend sehr alte Reben auf einer Fläche von nur 1800 Hektar; die einst vollkommen vergessene Gegend rückte erst um 1995 wieder ins Blickfeld, nachdem der Winzerguru Alvaro Palacios im benachbarten Priorat Weltklasseweine erzeugt hatte. Seither gilt Montsant als das „Priorat des kleinen Mannes“, und die dort erzeugten Weine sind tatsächlich im Durchschnitt wesentlich preisgünstiger.

Der von uns ausgesuchte 2008 L´ Heravi Seleccio zeigt, was das im besten Fall bedeuten kann. Es handelt sich um einen ausgeprägt mediterranen Wein aus den Rebsorten Carinena, Garnacha und Syrah, der nach eingekochten Früchten und südlichen Kräutern duftet und in seiner fulminanten Konzentration deutlich auf die Herkunft aus sehr alten Reben verweist. Ein Feuerwerk am Gaumen löst die Versprechungen des Buketts in vollem Umfang ein – ein Wein mit Kraft, Nachhaltigkeit und fülligem Alkohol-Rückgrat, garantiert nichts für Light-Trinker. Die Flasche kostet 11,90 Euro beim Rioja-Weinspezialisten, Akazienstr.13 Schöneberg, Savignyplatz 3 in Charlottenburg und Reichenhaller Str. 1 in Wilmersdorf - angesichts der Qualität und des Produktionsaufwands ein günstiges Angebot. Bernd Matthies

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!