Zeitung Heute : Digital-TV: Erlebniswelt Fernseher

Asch

Radikal könnte die Digitalisierung unser Fernsehverhalten verändern: Aus passiven Zuschauern sollen wir zu interaktiven Teilnehmern werden. Vor allem von der multimedialen Kombination aus Internet, E-Mail und herkömmlichen Sendeformaten versprechen sich die Anbieter viel. Die bisher getrennten Medien sollen zu einer neuen Unterhaltungs- und Erlebniswelt verschmelzen. So ließen sich zum Beispiel Kommentare zu politischen Magazinen oder zur Nachmittagstalkshow als E-Mail mit der Fernbedienung tippen, direkt vor dem Fernsehapparat von der Wohnzimmercouch aus. Auf gleichem Weg könnte während einer Dokumentation auf Hintergrundinfos im Internet zurückgegriffen oder das Begleitbuch zur Sendung online bestellt werden. Auch Rezepte, nach denen ein prominenter Fernsehkoch seine Gerichte zubereitet, könnten dann live zum Abruf zur Verfügung stehen.

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IFA 2001 - Technik, Tipps und Trends Dass sich die digitale Fernsehwelt bislang eher schleppend anließ, lag vor allem daran, dass ein allgemein verbindlicher Standard fehlte. Die meisten Angebote waren mit einer jeweils eigenen Technik verknüpft, wie zum Beispiel das Pay-TV von Leo Kirch mit dem d-Box-Empfangssystem. Doch das soll mit der Funkausstellung 2001 anders werden: Hier hat die Multimedia Home Plattform, kurz MHP, Premiere. MHP sorgt dafür, dass heutige und künftige Inhalte sämtlicher Anbieter mit ein und demselben Digital-Receiver empfangen werden können, und zwar unabhängig davon, ob die Programme über Kabel, Satellit oder terrestrisch ausgestrahlt werden.

Receiver mit Rückkanal

So präsentieren sich Philips und Panasonic mit digitalen Universalempfängern nach dem MHP-Standard in Form separater Set-Top-Boxen. Sony hat das Multitalent direkt in einen Fernseher eingebaut. MHP-Receiver verfügen für die Kommunikation in beiden Richtungen über einen so genannten Rückkanal. Zudem schafft wie beim PC ein integriertes Modem die Verbindung des Fernsehers mit dem Internet. MHP-Empfänger sollen nach der Ifa in den Fachhandel kommen und 600 bis 1000 Mark kosten.

Dass die unabhängige Zugangstechnologie MHP auch die inhaltlichen Angebotspalette verbreitert, dokumentiert die Ifa ebenfalls: RTL Newmedia, der Online-Ableger von RTL, will pünktlich zum IFA-Beginn sein interaktives Digitalangebot starten. Angehende Millionäre können dann auch ohne PC, allein mit ihrer Fernbedienung für die beliebte Quizshow üben oder per E-Mail und den Short Message Service SMS an einem Chat des Senders teilnehmen.

Noch einen Schritt weiter geht das Internetportal "enjayaa" der Satup Databroadcasting AG. Den Angaben des Betreibers zufolge ermöglicht das ebenfalls auf der Ifa vorgestellte Portal eine besonders einfache, sozusagen Wohnzimmer konforme Bedienung für praktisch jede Internetanwendung am Fernsehbildschirm. Zudem ist die Plattform als virtuelle Videothek konzipiert: Per Klick im Bildschirmmenü kann der Wunschfilm via Satellit direkt auf die Festplatte der Set-Top-Box oder des PC geladen werden.

Genau besehen handelt es sich bei MHP um Richtlinien für die Betriebsoftware von Digital-Receivern. Damit ist der neue Standard auch prinzipiell offen für viele bereits verkaufte Set-Top-Boxen - auch für die d-Box, das mit rund 1,5 Millionen Stück derzeit in Deutschland meist verbreitete digitale Empfangssystem. Deren Besitzer können aufatmen: BetaResearch, das Technologieunternehmen der Kirch-Gruppe und Hersteller der d-Box-Betriebssoftware, kündigt zur Ifa die Öffnung der d-Box für interaktive TV-Angebote auf der Basis von MHP an.

In diesem Jahr kommen entscheidende Ergänzungen hinzu, die das Internet auf den Fernsehbildschirm bringen. Damit, so hoffen die Anbieter, öffnet das Digitalfernsehen dem elektronischen Internethandel die Türen zu Haushalten ohne PC. Technologisch steht mit MHP beispielsweise der Kombination von Tele- und Internet-Shopping oder TV-Homebanking nichts im Wege. Fragt sich nur, ob und wann es günstige Angebote gibt, die auch den Kunden einen echten Mehrwert bringen.

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