Zeitung Heute : "Digitale Unzufriedenheit": Die Leere hinter den bunten Bildern

Kurt Sagatz

Je mehr Menschen auch daheim einen Computer mit Internet-Anschluss besitzen, desto größer wird der Wunsch, sich mittels moderner Techniken unnötige Wege einzusparen. Zum Beispiel mit Homebanking: Millionen Konten werden in Deutschland bereits online geführt. Genau diesen Komfort wünschen sich die Internet-Nutzer auch vom Staat oder von den kommunalen Verwaltungen. Doch so einfach ist das nicht, wie eine Podiumsdiskussion zum Thema eGoverment auf der IT-Fachmesse Exponet in Köln zeigte.

Die digitale Unzufriedenheit der Bürger mit ihren Verwaltungen hat aus Sicht von Peter te Reh vom Städtetag in Nordrhein-Westfalen einen einfachen Grund. Es finde in fahrlässiger Weise eine unzulässige Verwechselung der Begriffe Information und Transaktion statt. Bereits heute böten alle großen Städte über das Internet ein mitunter gewaltiges Informationsangebot an. Dort könne man sich schon jetzt über die Öffnungszeiten der verschiedenen Behörden informieren und erfahre zugleich, welche Papiere man für die verschiedenen Anträge benötige. Anders sehe jedoch die Situation aus, wenn es um Transaktionen gehe, wenn also über das Netz Anträge gestellt und bearbeitet werden sollen.

Zum Beispiel beim Wohngeld. Je nach Stadt müssten bis zu 20 Dienststellen an der Bearbeitung eines Wohngeldantrages beteiligt werden, so te Reh. Die dafür notwendigen Backoffice-Techniken fehlten jedoch noch und auch die Entwicklung des Workflows zwischen den einzelnen Abteilungen sei äußerst komplex. Den Stadtvätern rät der Referent darum auch, erst die strukturelle Organisation auf die neuen Techniken umzustellen und erst dann in bunten Bildern das Informationszeitalter zu bewerben.

Doch nicht nur kommunale Behörden stehen bei der Einführung der Digitaltechnik in den Verwaltungen vor großen Problemen. Auch im zwischenstaatlichen Bereich liegt viels noch im Argen, zum Beispiel bei der Frage, in welchen Formaten Dokumente auszutauschen sind. Darf sich ein Staat vorschreiben lassen, mit welchen Programmen gearbeitet werden muss, nur weil ein amerikanischer Software-Konzern derzeit Marktführer bei Büroprogrammen ist? Eine Frage, die auch für die Anbieter von Verwaltungslösungen von entscheidender Bedeutung ist.

Doch es müssen nicht nur technologische Hürden aus dem Weg geräumt werden. Um ausländischen Ausstellern bei der Verlängerung abgelaufener Anträge behilflich zu sein, wurde ein Düsseldorfer Behördenmitarbeiter mit Laptop bewaffnet auf eine Messe geschickt. Mit im Gepäck: Eine fünfseitige Arbeitsplatzschutzordnung, die ihn darüber aufklärt, in welchen Räumen und mit welchem Licht er tätig werden darf und wann nicht.

So verständlich die Schwierigkeiten auch sein mögen, der geneigte Homebanker versteht nur schwer, warum er per Internet Geldbewegungen steuern, aber nicht seine Amtsgänge erledigen kann. Ein Grund dafür ist, dass Behörden keinen Ermessensspielraum kennen. Eine Unterschrift muss hundertprozentig stimmen, ob geschrieben oder als digitale Signatur, so te Reh. Über dies seien Verwaltungen dazu verpflichtet, ihre Daten 30 Jahr (Bauwesen) lang aufzubewahren. Da kann die Überführung der Verwaltung ins Informationszeitalter schon etwas länger dauern.

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