Digitalisierung der Mobilität : Autonome Bewegung

Er kommt aus dem 3-D-Drucker, hört auf Kommando und heißt so, wie eine Krake: Der autonome Kleinbus Olli soll von Berlin aus die Welt erobern.

"Olli", der autonome Kleinbus, soll schon in absehbarer Zeit in Betrieb gehen.
"Olli", der autonome Kleinbus, soll schon in absehbarer Zeit in Betrieb gehen.Illustration: Jens Bonnke für den Tagesspiegel.

Wenn Wolfgang Bern mit Olli über die Straße fährt, dann machen Passanten plötzlich seltsame Sachen. Manche laufen einfach auf die Fahrbahn, andere bleiben mitten in der Fahrspur stehen – als ob der Bus sie nicht überrollen könnte, nur weil kein Fahrer am Steuer sitzt. Dies ist nur eines der zahlreichen Phänomene, die Bern erforschen will, denn „beim autonomen Fahren geht es nicht allein um die Technik selbst, sondern die ganze Gesellschaft muss ein völlig neues Verhalten im Straßenverkehr lernen“, erklärt Bern – mit Olli will er zeigen, wie das gehen kann.

Olli ist nicht etwa Berns Assistent, sondern ein Roboter-Bus, entwickelt vom amerikanischen Start-up Local Motors, das Wolfgang Bern als Geschäftsführer in Europa, Afrika und im Nahen Osten vertritt. Benannt ist der Bus nach der Trickfilmfigur „Olly, the Octopus“, die in den USA so bekannt ist wie das Sandmännchen hier und seine Fans als schlauer Alleskönner begeistert. So einer soll auch Olli sein. Kein Fahrer, keine Abgase, kein Motorenlärm und seinem Fahrgast immer zu Befehl, wenn dieser beispielsweise wünscht: „Fahr mich zu meiner Arbeitsstelle.“ Möglich ist dies über ein Spracherkennungssystem, mit dem Olli ausgestattet ist. Zwölf Leute finden in dem Roboterauto Platz, das bis zu Tempo 20 schafft. Derzeit dreht Olli allerdings nur testweise seine Runden auf dem Euref-Campus in Berlin-Schöneberg, Ende November aber soll der Prototyp in Serie gehen. In Alt-Treptow hat Local Motors eine Fabrikhalle saniert, auf 3000 Quadratmetern sollen hier rund 30 Mitarbeiter Ollis bauen – beziehungsweise drucken.

Beim "micro manufacturing" soll je nach Bedarf für den jeweiligen lokalen Markt porduziert werden

Schon im Sommer 2014 hatte Local Motors das erste Auto aus dem 3-D-Drucker präsentiert, nach vier Monaten Entwicklungszeit. Längst haben nicht mehr die großen Konzerne in Wolfsburg, Stuttgart und Detroit das Monopol auf die Mobilität der Zukunft – sie wird ebenso in kleinen Denkfabriken entwickelt. In Ideenwettbewerben wie der Urban Mobility Challenge bringt Local Motors kreative Köpfe zusammen, um die Fahrzeugproduktion zu revolutionieren. Auch in Frankreich gibt es mit Navya und Easymile von Ligier Hersteller, die autonome Busse entwickeln. Local Motors setzt dabei auf „micro manufacturing“, also kleine Einheiten, in denen wie künftig in Berlin je nach Bedarf für den jeweiligen lokalen Markt produziert wird. „Das erlaubt uns die größtmögliche Schnelligkeit und Flexibilität“, erklärt Bern. „Und zwar auch dort, wo Unternehmen normalerweise keine Autofabriken hinstellen würden.“ Wie beispielsweise auf den Seychellen, wo es ebenfalls Interesse an Olli gebe.

Aus dem 3-D-Drucker kommen aber nicht nur Bauteile wie Radkasten, Trittschwellen, Sitzbank und Innenverkleidung, sondern auch die Werkzeuge, um Olli zusammenzubauen. Von Partnerunternehmen werden die Elektromotoren und Reifen geliefert, final zusammengebaut wird Olli in Berlin. Rund 50 Busse sind für 2017 geplant, je nach Nachfrage können es aber auch mehr oder weniger Fahrzeuge werden. Das weltweite Interesse an Olli sei groß, sagt Bern. Erst kürzlich war er in Abu Dhabi und Dubai, wo Olli testweise als Shuttle in Shoppingmalls und Freizeitparks eingesetzt werden soll. Genehmigungen für solche Testfahrten seien dort wesentlich leichter zu bekommen als in Deutschland, erläutert Bern: „Die entscheiden einfach, dass sie das machen wollen, und dann wird das auch von den Behörden gepusht.“ Hierzulande würden solche Vorhaben zwar „nicht gebremst, aber eben auch nicht aktiv unterstützt“. Im Rahmen eines Projekts der Deutschen Bahn soll Olli Anfang November probeweise im Linienverkehr auf dem halb-öffentlichen Euref-Campus starten. Drei Haltestellen soll der Bus auf dem rund 300 Meter langen Weg zwischen Pförtnerhaus und dem Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ) zurücklegen. Bis Ende 2017 will die Bahn den Bus gerne auch im Pendelverkehr zwischen Bahnhof Südkreuz und dem Euref-Campus einsetzen, aber dafür gibt es derzeit noch keine Genehmigung. Auch, weil es die Vorschrift gibt, dass bei autonomen Fahrzeugen trotzdem immer ein Fahrer hinter dem Lenkrad sitzen muss, um im Notfall eingreifen zu können – allerdings hat Olli kein Lenkrad. Dort, wo sich in normalen Bussen das Fahrerhäuschen befindet, ist eine Sitzbank angebracht.

Im Notfall drückt der "Steward" die Stopp-Taste

Ganz ohne menschliche Kontrolle fährt Olli dennoch nicht: Bei jeder Fahrt ist ein sogenannter „Steward“ dabei, der im Fall der Fälle den Stopp-Knopf drücken kann: Wenn beispielsweise ein Passant mitten auf der Straße stehen bleibt. Unfälle hat es bisher nicht gegeben. Einerseits ist auf dem Euref-Campus nicht so viel Verkehr wie auf dem Ku’damm, andererseits ist Olli auf dem Gelände nur mit einer Geschwindigkeit von sechs km/h unterwegs. Eingesetzt werden soll Olli später nicht nur auf vorab festgelegten Linien im öffentlichen Nahverkehr, sondern auch nach Bedarf. Über eine App soll der Fahrgast den Bus anfordern und seine Wunschstrecke angeben können. Wann es so weit ist, vermag Bern noch nicht zu sagen. „Wir wollen damit erst starten, wenn wir wirklich sicher auf der Straße unterwegs sind.“

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Noch könne Olli keine anderen Fahrzeuge überholen, weil er nicht nach hinten schauen kann. Solche technischen Dinge sind nicht die einzige Herausforderung. „Die komplette Verkehrsinfrastruktur muss so geändert werden, dass sie mit autonomen Fahrzeugen kommunizieren kann“, sagt Bern. Hinzu komme der Lernprozess im Alltag. „Wer heute einen Zebrastreifen überqueren will, nimmt Blickkontakt mit dem Fahrer auf. Das ist bei einem fahrerlosen Wagen nicht mehr möglich, auch dafür brauchen wir neue Lösungen“, sagt Bern. Bis dahin dürfte er noch einige Passanten treffen, die beim Anblick von Olli mitten auf der Straße stehen bleiben.

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