Zeitung Heute : DIHT: Ludwig G. Braun - fromm und polyglott

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Der Verbändestaat wandelt sich - zumindest personell. Gut einen Monat nach der Ablösung Hans-Olaf Henkels durch Michael Rogowski beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) wählt an diesem Dienstag auch der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) einen neuen Präsidenten. Der einzige Kandidat heißt Ludwig Georg Braun. Er verkörpert einen Typus des Unternehmers, wie er in der deutschen Wirtschaftswelt nicht alltäglich ist: technisch auf dem neuesten Stand, gebildet, bodenständig und ein wenig altmodisch; dabei zugleich weltgewandt und polyglott.

Ludwig Georg Braun führt seit über 20 Jahren ein Familienunternehmen: Die B. Braun Melsungen AG entstand vor 160 Jahren als Apotheke und Kräuterhandlung. Heute ist Braun ein globales Unternehmen der Medizintechnik, das weltweit 27 000 Mitarbeiter beschäftigt und vergangenes Jahr rund 4,7 Milliarden Mark umsetzte. Dass ein Unternehmen dieser Größenordnung öffentlich relativ unbekannt ist, hat mindestens drei Gründe: Eine Aktiengesellschaft in Familienbesitz kann auf die Publizität des üblichen Investor Relations-Lärms börsennotierter Unternehmen verzichten, weil sie nicht auf den Kapitalmarkt angewiesen ist. Die Produkte der Braun AG sind - obzwar für viele Menschen lebensnotwendig - wenig sexy in der New und Old Economy. Schließlich: Melsungen lag früher im Zonenrandgebiet. Der Ort ist auch heute nicht das Zentrum der deutschen Wirtchaftsgeographie.

Braun ist nicht nur Unternehmer, er ist auch ein frommer Bürger. Als Mitglied der FDP saß er lange Jahre im Stadtrat von Melsungen. Und als Synodaler der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ist er sich auch für lange und zähe Sitzungen nicht zu schade, die solche Ämter mit sich bringen. Das Christentum gibt er am Fabriktor nicht ab: Die Mitarbeiter seines Unternehmens erhalten täglich per E-Mail einen Bibelspruch. In Melsungen entspringt der Kapitalismus immer noch dem Geist des Protestantismus. Bei den Gewerkschaften hat Braun einen guten Ruf, obwohl er nicht gerade ein linientreuer Anhänger des Flächentarifs oder der 35-Stunden-Woche ist. Am Standort Tuttlingen hat er - mit Verweis auf die Arbeitskosten in Spanien - sogar die Zustimmung der Gewerkschaften zu einer Ausweitung der Arbeitszeit auf 40 Stunden ohne zusätzliche Bezahlung durchgesetzt.

Sinn für Originalität beweist Braun mit seinen Fabrikgebäuden und der Organisation der Arbeit. Anfang der 90-er Jahre hat er sich den Firmenhauptsitz in Melsungen von dem schottischen Architekten James Stirling bauen lassen, der in Deutschland zwar durch seine Neue Staatsgalerie in Stuttgart, aber nicht durch Industriebauten aufgefallen war. Einen Erweiterungsbau mit Büros, der zur Zeit im Entstehen ist, hat Braun beim Engländer Michael Wilford in Auftrag gegeben, der gerade durch die britische Botschaft in Berlin von sich reden machte. Das neue Gebädue, das im April eröffnet wird, soll als "mobile office" arbeiten: Die Mitarbeiter haben keine festen Büros und Schreibtische mehr, sondern Rollcontainer. Jeder sucht sich morgens den passenden Arbeitsplatz für die Aufgaben des Tages. Die Zeit, da Hierachien der Angestellten sich an der Anzahl der Fensterkreuze abbildet, soll damit ein für alle mal vorbei sein. Wie die neue mobile Bürowelt funktioniert, wie hoch die Transaktionskosten dafür sind, weiß heute in Melsungen noch niemand.

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