Zeitung Heute : Dioxin am Flughafen stammt aus russischen Desinfektionsmitteln

Der Tagesspiegel

Der Dioxinfund auf dem Flughafengelände in Schönefeld hat die Planer überrascht. Er sei aber noch das geringste Problem, das man habe, sagte dazu gestern der Sprecher der Projektplanungsgesellschaft Schönefeld, Burkhard Kieker. Nach Ansicht des Bürgervereins Brandenburg-Berlin (BVBB) bestätigt der Fund die Befürchtungen einer fortdauernden Grundwasser- und Bodenvergiftung auf dem Flughafengelände. Im vergangenen Jahr hatten die Anwälte der Flughafen–Ausbaugegner deshalb eine Strafanzeige gegen Verantwortliche des Flughafens angekündigt. Sie wurde von der Staatsanwaltschaft nicht verfolgt, weil die Bürgerinitiative nicht direkt betroffen war, wie deren Sprecher Kristian-Peter Strange sagte.

Dass das Gelände in Schönefeld verunreinigt ist, sei längst bekannt, sagte Kieker. Für die Sanierung des Bodens haben die Planer Kosten in Höhe von 32,5 Millionen Euro veranschlagt. Eine akute Gefährdung sei nicht vorhanden, deshalb war vorgesehen, die Entsorgungsarbeiten mit dem Ausbau des FLughafens zu verbinden, der nach derzeitigem Stand etwa 2004 beginnen soll.

Auch die Dioxin-Fundstelle war, so Kieker, den Planern bekannt. Dabei handele es sich um ein ehemaliges Becken eines Klärwerkes bei Diepensee. Neu für die Planer war aber, dass es nicht nur im Becken Schadstoffe gibt, sondern auch im benachbarten Boden. Dies hätten neue Untersuchungen ergeben, die die Flughafengesellschaft veranlasst hatte.

Das Dioxin stamme aus einem russischen Desinfektionsmittel für die Toiletten in den Flugzeugen aus den Zeiten vor der Wende, sagte Kieker weiter. Das Mittel habe auch das Gift enthalten. Verwendet worden sei das Desinfektionsmittel von allen osteuropäischen Fluggesellschaften. Beim Entsorgen der Flugzeuge sei es zur Kläranlage gebracht worden, wo sich das Dioxin am Beckengrund abgesetzt habe. Weil das Becken zu DDR-Zeiten nach Regenfällen häufig übergelaufen sei, habe sich das Gift auch im Boden ringsum ausgebreitet. Das Becken selbst sei Anfang der 90er Jahre „fachgerecht“ entsorgt worden, so Kieker.

Die Flughafengesellschaft habe den Landkreis Dahme-Sreewald umgehend informiert, der vorsichtshalber einen Zaun um die Fläche ziehen ließ. Ob der Boden jetzt noch vor der Aufnahme der Ausbau-Arbeiten ausgetauscht werden müsse, werde nun geprüft, sagte Kieker.

Insgesamt gibt es über 100 erkannte und mutmaßliche Stellen mit Bodenverunreinigungen auf dem Flughafengelände. „Dies ist kein Wunder bei einer Fläche, die jahrelang industriell genutzt worden ist“, sagte Kieker. Die Liste reiche von Flugzeugwrackteilen aus dem Krieg über Munition und Lösungsmittel bis zu ausgelaufenem Flugbenzin, das ins Grundwasser vorgedrungen ist. Hier werde die Fließgeschwindigkeit ständig überwacht, so Kieker. Da sich die Schicht jährlich nur zentimeterweise bewege, bestehe auch hier keine akute Gefahr. Eine regelrechte Müllhalde hätten russische Soldaten nach dem Krieg in einem ehemaligen Unterwasserschießstand hinterlassen, in dem Torpedos erprobt worden waren.

Während Kristian-Peter Stange vom Bürgerverein das Schönefelder Flughafengelände als „gigantische Giftmülldeponie“ bezeichnet, sind die Verunreinigungen für Kieker nicht verwunderlich. In Sperenberg oder Jüterbog, den verworfenen Alternativstandorten zu Schönefeld seien die Verunreinigungen viel größer. In Sperenberg gebe es bis zu einer Tiefe von 17 Meter Munitionsreste aus Eisenbahngeschützen und in Jüterbog hätte man den gesamten Flughafenbereich um vier Meter abbaggern müssen. Klaus kurpjuweit

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar