Zeitung Heute : Diplom für Acker und Stall

Agrarökonomen freuen sich über Bio-Boom

Alexander Heinrich

Wer sich für ein Studium der Agrarwissenschaften entscheidet, braucht dafür nicht unbedingt einen Traktorführerschein. Begeisterung für Acker- und Stallgeruch gehört allerdings schon dazu, meint Heide Hoffmann von der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin. Seitdem die Deutschen im Supermarkt verstärkt zu Bioprodukten greifen, freut sich die Dozentin für ökologischen Landbau über regen Zulauf in ihren Veranstaltungen. Öko ist angesagt bei den angehenden Agraringenieuren und -ökonomen. Auch die anderen 20 deutschen Universitäten und Fachhochschulen mit agrarwissenschaftlich Fakultäten stellen sich auf den wachsenden Anteil des Ökolandbaus ein: Die Universitäten Kassel und Rostock bieten Masterstudiengänge zur Agrarökologie an, in Bonn, Kiel und Göttingen können Studenten das Fach vertiefen. Vor einem Jahr hob die Uni Stuttgart-Hohenheim das Fach „organic food managment“ auf den Lehrplan.

Rund 150 000 Menschen arbeiten in der Verwertungskette von Biolebensmitteln, schätzt Frank Wetterich vom Deutschen Bauernverband: als Ökobauer, als Vertriebsmanagerin oder als Bioladenbetreiber. 2006 verzeichnete der Biohandel ein kräftiges Umsatzsplus von 15% auf vier Milliarden Euro, rund vier Prozent aller Lebensmittel sind bio-zertifiziert. Mittlerweile aber steigt die Nachfrage viel stärker als die ökologisch bewirtschafteten Flächen in Deutschland wachsen. Die Folge: Immer mehr Ökoprodukte würden aus dem Ausland statt aus heimischen Betrieben geliefert, berichtet der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). In dem Moment, wo Bioprodukte ein Massenphänomen werden, entstehen nicht automatisch neue Arbeitsplätze, bestätigt Wetterich: „Wenn der Discounter um die Ecke jetzt auch Biogemüse ins Sortiment aufnimmt, wird dafür keine zusätzliche Verkäuferin eingestellt.“ Die Berufsaussichten für die Agrarwissenschaftler sind trotzdem gut. Den Absolventen stehen viele Berufe offen. Viele gehen in die Biolebensmittelbranche, sie sind dann verantwortlich für Einkauf- und Qualitätsmanagement bei Anbauverbänden. Andere zieht es als wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten, in die Lebensmittelüberwachung oder in Ministerien für Landwirtschaft und Verbraucherschutz. In den Unis von Halle und Berlin besteht zudem die Möglichkeit, sich als Agrar-Entwicklungshelfer zu spezialisieren.

Die wenigstens gehen nach dem Studium auf den Bauernhof, berichte Oliver Stellter, der in Berlin studierte und sich in einer Studie mit dem ökologischen Landbaus befasste. Für den Beruf des Landwirts sei das Studium zu theoretisch: „Wer nicht schon Stallgeruch mitbringt oder den elterlichen Hof übernimmt, hat es schwer.“ 2005 hat sich Steller selbständig gemacht, mit einer Geschäftsidee, die ihm im Seminar Ökologie und Marketing kam: In seiner Freiburger Naturkostbar bietet er Biosuppen für den Hunger zwischendurch an.

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