Zeitung Heute : Diplomaten des Abschieds

Walter Schmidt

Manchmal nutzt alle Routine nichts. Ingwart Jung erinnert sich: Zweieinhalb Jahre alt war das Mädchen, bei dessen Begräbnis er die Rede halten sollte. Das Kind war im Garten der Eltern in ein Schwimmbecken gestürzt und ertrunken. Als der Trauerredner aus Ratingen in der Friedhofskapelle eintraf, "standen die Eltern über den weißen, mit Teddybären bemalten Sarg gebeugt und alles heulte". Das hat Jung nicht ausgehalten: "Ich habe den Organisten gebeten etwas zu spielen, ich müsse draußen eine Runde drehen." Nachdem er sich gefangen hatte, betrat Jung die Kapelle und versuchte, "den Sarg nicht mehr wahrzunehmen", erinnert sich der 46-Jährige. Es klappte.

Am Sarg selber zu weinen, müssen sich die etwa 400 bis 500 in Deutschland tätigen Redner verkneifen. Man müsse mit der eigenen Trauer vertraut sein, "sie selber bearbeitet haben", sagt Rudolf Knoche. Der gelernte Priester aus Flintbek bei Kiel ist Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerfeier (BATF), einem Zusammenschluss von derzeit 65 Männern und Frauen, die oft als Grabredner bezeichnet werden, obwohl sie meist in der Friedhofskapelle sprechen. Als weitere Qualifikationsmerkmale zählt Knoche auf: Echtheit, Ehrlichkeit, Einfühlungsvermögen und nicht zuletzt Belastbarkeit. Schließlich erfahre ein Trauerredner "so ziemlich alles an menschlichem Leid, was denkbar ist". Wer vor der Trauergemeinde selber losheult, "stürzt leicht 150 Leute in Verzweiflung".

So etwas ist Ingwart Jung noch nie passiert. Der gelernte Bürokaufmann wurde bei einem Ratinger Mode-Unternehmen zum Trauerredner. Zuvor war der heute 46-Jährige Zeuge einer "erbärmlichen Rede" geworden, die ein Pfarrer bei der Beerdigung seiner Tante hielt. "Ihre Gutmütigkeit und die entbehrungsreiche Pflege ihrer kurz zuvor verstorbenen Mutter hat er mit keinem Wort erwähnt", empört er sich noch elf Jahre später. Jung beschloss, es selber besser zu machen.

Zum Redner schulen ließ sich Jung von einer Ex-Theologin, selber eine Abschiedsbegleiterin. Schon im Deutschunterricht in der Schule schrieb er gerne Aufsätze, später trug er eigene Gedichte öffentlich vor. "In meinem alten Beruf konnte ich diese Neigungen gar nicht einbringen, da habe ich Zahlen von links nach rechts geschrieben". Heute nennt Jung die Unterhaltungen mit Trauernden "ein Glück und eine Gnade". Seine individuellen Reden flicht er rings um Gedichte, die den Trauernden eine "emotionale Hülle" sein könnten.

Die Rede-Honorare schwanken nach Region und Aufwand beträchtlich. Kein Trauerredner in der BATF gehöre zu den Preisverderbern, die auf einen Hausbesuch verzichten und wenige Telefonnotizen in ihre Standardreden einbauen, sagt der Verbandsvorsitzende Rudolf Knoche. "Unsere Mitglieder haben früher oft für einen Hungerlohn gearbeitet, doch die Billigredner werden allmählich verdrängt". 350 bis 550 Mark, je nach Aufwand, gelten als angemessen.

Wenn Bestatter den BATF-Verbandsvorsitzenden Knoche anrufen, erfährt er oft nur den Namen des Toten, das Geburtsdatum, manchmal auch besondere Umstände des Todes. "Aber ich will das alles auch lieber am Ort selber hören und spüren", beteuert der geweihte Priester, der allerdings 1992 aus der Kirche ausgetreten ist, weil sie zu dienen verlernt habe. Zu den Familien gehe er "nur mit Schreibblock und zwei offenen Ohren".

Nicht jedes Leben war ein Quell sagenhafter Leistungen, eine misslungenes Dasein auf Erden in wärmende Worte zu fassen, ist harte Arbeit. "Es geht bei der Trauerfeier nicht um eine Wertung, geschweige denn um ein Urteil", sagt der Bonner Trauerbegleiter Jochen Jülicher, gelernter Deutschlehrer und Theologe. "Es geht um Verständnis, Würdigung, Wertschätzung." Das heiße nicht, dass er das Blaue vom Himmel herunterbete. "Wenn sich einer kaputt gesoffen hat, dann spreche ich eben von einer Alkoholkrankheit." Das lässt sich Jülicher von der Familie absegnen, fragt eigens nach Dingen, vor deren Erwähnung die Trauernden Angst hätten, denn um ihren Abschied gehe es.

Die Ausbildung zum Trauerredner ist ungeregelt, der Beruf ein freier. Nach Ansicht des BATF-Vorsitzenden Knoche wäre zwar ein Gütesiegel für Trauerredner "sinnvoll", doch bisher gibt es nur die Aufnahmekriterien seines Verbandes, dem längst nicht alle Redner angehören. "Wir lassen uns Referenzen, Ansprachen und Lebenslauf vorlegen", sagt Knoche. Er rät Interessenten zum Erwerb geisteswissenschaftlicher und therapeutischer Kenntnisse sowie entsprechender Lebenserfahrung. Auch Rolf Lichner, Geschäftsführer beim Bundesverband Deutscher Bestatter (BDB), bezeichnet Qualifikationsnachweise der Trauerredner als "schwierige Frage". Sein Verband bietet Fachliteratur und einen dreimal zwei Tage dauernden Kurs zur Trauerrede an.

Wenn ab 2005 deutlich mehr Menschen sterben werden, weil die vom Krieg verschonten Jahrgänge ins kritische Alter kommen, dürften die Trauerredner noch gefragter sein. Dass sich die Menschen in Massen wieder der Kirche zuwenden und auf einen Priester am Grab bestehen, ist kaum zu erwarten. Gleichzeitig weicht laut Knoche die "Entsorgungsmentalität" dem Wunsch, den Verstorbenen "einen persönlichen Abschied zu gestalten". Dazu kann gehören, eine Kindersarg mit Blumen zu bemalen.

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