Zeitung Heute : Diplomaten kicken nicht

Fußball – kein Thema für Ankaras Außenminister

Jan Dirk Herbermann[Susanne Güsten] Albre

Ganz am Schluss, in seiner politischen Nachspielzeit sozusagen, da hätte es noch einmal klappen können mit der Verquickung von Sport und Politik, die bei solchen Gelegenheiten ja durchaus üblich ist. Doch dieser allerletzte offizielle Termin in der außenpolitischen Vita Joschka Fischers blieb an diesem Freitag gänzlich ohne das geliebte Thema Fußball. Dabei lag der Ball quasi im politischen Spielfeld. Denn Fischers letzter Gast war der türkische Außenminister Abdullah Gül.

Die Türken und ihr heikles Verhältnis zum Fußball – über dieses große Thema hat Gül wohl auch am Morgen nicht mit Angela Merkel gesprochen, bevor die ein paar Meter weiter im Paul-Löbe-Haus zur Unterzeichnung des Vertrages schritt, der sie demnächst zur Bundeskanzlerin macht.

Es ist einer dieser Tage, an denen im politischen Berlin viel kreuz und quer läuft und ein Gast auf die Schnelle protokollarisch eingepasst werden muss, auch wenn die Gelegenheit so ideal nicht ist. Die Türkei hat sich gerade auf sportlichem Terrain ins Aus gekickt – durch die Istanbuler Krawalle beim WM-Qualifikationsspiel gegen die Schweiz. Da liegt für Kurzentschlossene der Gedanke nah, ob man sie möglicherweise auch europapolitisch nun leichter zur persona non grata erklären kann.

Gül ist vor allem daran gelegen, das Verhältnis mit der designierten Kanzlerin Angela Merkel zu entkrampfen, und da sind die Ausfälle seiner Landsleute gegen die Schweizer Nationalmannschaft in Istanbul am Mittwoch kaum das rechte, entspannende Thema. Als „sehr schön“ bezeichnete Gül das Gespräch mit der designierten deutschen Kanzlerin, das er am Vormittag geführt hatte. Zwar äußerte er die Hoffnung, dass Merkel demnächst mehr Verständnis für den türkischen Beitrittswunsch äußere, aber blieb doch sehr bescheiden. Ankara, so sagte er, sei sich durchaus bewusst, dass es „keinen Automatismus“ für einen EU-Beitritt der Türkei gebe.

Auch beim folgenden Treffen Güls mit dem künftigen deutschen Außenminister spielte der Fußballstreit keine Rolle. „Welcome to the club“, begrüßte Gül seinen neuen Kollegen – Frank-Walter Steinmeier. Statt über Schiedsrichterentscheidungen, Tritte gegen gegnerische Spieler und das angeblich unfaire Schweizer Publikum im Hinspiel sprachen die beiden Politiker über den EU-Beitritt der Türkei, eine gemeinsame Iran-Politik und Anstrengungen zur Lösung des Zypern-Problems. Steinmeier selbst betrachtete den Fußball-Krieg offenbar nicht als politisches Problem. Als er nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags von Journalisten darauf angesprochen wurde, sagte er: „Die Frage habe ich in der Tat nicht aufgeworfen.“

Strategie ist am Nachmittag eines von Güls Themen, als er vor erlesenem Publikum im „Ritz Carlton Hotel“ spricht. Es geht ihm aber nicht um die richtige Strategie für ein Playoff-Spiel vor einer Fußballweltmeisterschaft, sondern um die Weltpolitik. Der einstige Außenminister Hans-Dietrich Genscher ist da, und der ehemalige britische Chefdiplomat Douglas Hurd betrachtet während Güls Vortrag eingehend die Beschaffenheit der in Deutschland zirkulierenden Cent-Münzen. Es ist schon eine seltsame Sache mit diesem Europa.

Sinnigerweise ging es diesem „Europaforum Berlin 2005“ um die „Identität Europas“. In den Augen des türkischen Außenministers darf sich die EU in den nächsten Jahren nicht darauf beschränken, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Vielmehr müsse sie aktiv an der weltweiten Sicherung des Friedens mitarbeiten – und zwar mit dem Vollmitglied Türkei. „Der 3. Oktober ist ein großes Geschenk für den Weltfrieden“, sagt Gül. Den Europaexperten, die hier versammelt sind, ist klar, welcher 3. Oktober gemeint ist: nicht der deutsche Nationalfeiertag, sondern der Start der Beitrittsgespräche zwischen Brüssel und Ankara, der nun schon sieben Wochen zurückliegt.

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