Zeitung Heute : Diplomatie auf iranisch

Birgit Cerha[Beirut]

Beim Treffen mit der Schanghai- Gruppe hat sich Irans Präsident als diplomatischer Staatsmann gegeben und das Angebot des Weltsicherheitsrats im Atomstreit „einen Schritt nach vorn“ genannt. Wird er nun auf internationalem Parkett salonfähig?


Auf dem Gipfel der Schanghai-Gruppe (SCO), der unter anderem China und Russland angehören, hat Mahmud Ahmadinedschad völlig neue, diplomatische Töne angeschlagen. Tat er sich bei seinen ersten zwei großen internationalen Auftritten, wie der Rede vor der UN-Generalversammlung im vergangenen September, vor allem durch heftige Verbalattacken gegen Israel und den Westen hervor, so präsentierte er sich nun als bedachter Staatsmann. Verantwortungsbewusst und fast schon verhandlungs- und kompromissbereit im Atomstreit. Hat sich also der radikale iranische Islamist gemäßigt? Oder haben ihn mächtigere Führer der Islamischen Republik zur Zurückhaltung gezwungen?

Eines ist zumindest klar: Persische Politik und Diplomatie zeichnen sich durch eine uralte Tradition der Vielschichtigkeit aus. So lautet ein bekannter Spruch im Orient: „Was ein persischer Führer sagt, entspricht nicht notwendiger Weise dem, was er denkt; was er denkt, muss nicht mit dem übereinstimmen, was er tut.“

Ahmadinedschad hat zwar, wie kein Präsident vor ihm, versucht, die Macht an sich zu reißen und zu kontrollieren. Doch in schwerwiegenden nationalen Fragen bleibt dem Geistlichen Führer, Ali Khamenei, immer noch das letzte Wort vorbehalten. In den vergangenen Monaten hatte sich Khamenei nach außen hin weitgehend aus dem Atomkonflikt herausgehalten und Ahmadinedschad die rhetorischen Attacken überlassen. Der wütete verbal gegen den Westen, insbesondere gegen die USA und Israel – um dadurch seine Position im eigenen Land zu stärken und die antiamerikanische Stimmung in der islamischen Welt für sich zu nutzen.

Doch mittlerweile hat sich die Lage verändert, Iran drohen internationale Sanktionen. Da bietet die SCO Ahmadinedschad einen Ausweg. Sie ist ein Bund von Staaten, der äußere Einmischung zurückweist und der sich unter Führung Chinas und Russlands gegen amerikanische Hegemonie stark zu machen sucht. Genau dies liegt im höchsten iranischen Interesse. Zudem ließe sich die SCO nach iranischen Vorstellungen in einen Block großer Öl- und Gasproduzenten mit beträchtlicher militärischer Macht ausbauen. Die könnte der Opec mächtig Konkurrenz machen und dem Iran nationale Sicherheit bieten. Um aber voll in den Schoß dieser Organisation aufgenommen zu werden, müssen sich die Iraner verantwortungsbewusst geben, das volle Vertrauen insbesondere der Russen und Chinesen gewinnen. Peking hat sich klar gegen Sanktionen oder gar einen Militärschlag ausgesprochen. Die Russen aber halten sich alle Optionen offen, wenn Teheran nicht auf das internationale Verhandlungsangebot positiv reagiert. Und Russland könnte dem massiven Druck der USA nachgeben und Iran die Aufnahme in die SCO verwehren.

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