Zeitung Heute : Diplomatie unter Palmen

Die neue Vertretung der Vereinigten Arabischen Emirate in Tiergarten verbindet arabische Traditionen mit zeitgenössischer Architektur

Jürgen Tietz

DIE BOTSCHAFT DER VEREINIGTEN ARABISCHEN EMIRATE WIRD AM 27. APRIL 2004 ERÖFFNET

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) gelten – nicht nur was Städtebau und Architektur betrifft – derzeit international als Vorreiter im arabischen Raum. Die atemberaubende Dynamik etwa, die das Emirat Dubai beim Wachstum an den Tag legt, sucht ihresgleichen. Im Wettstreit um das höchste Hotel oder den höchsten Wohnturm der Welt hat Dubai fast immer die Nase vorne. Und noch ist kein Ende dieses gewaltigen Wachstumsbooms abzusehen. Damit bauen die VAE, deren ökonomischer Erfolg auf der Erdölförderung seit den fünfziger Jahren beruht, auch ihre Bedeutung als touristische Destination im arabischen Raum weiter aus.

Als eine Mischung aus zeitgenössischer Architektur und der bewussten Aufnahme traditioneller arabischer Formen, präsentiert sich die neue Botschaft der Vereinigten Arabischen Emirate in Berlin. Das führt zu einem spannungsvollen Ensemble an der Hiroshima Straße im Diplomatenviertel des Tiergartens, einer architektonischen Weltreise auf engstem Raum. Denn wie ein Traum aus tausendundeiner Nacht erhebt sich die kuppelbekrönte neue Botschaft des Landes zwischen den gotisch anmutenden Holzbögen der ansonsten gläsernen nordrheinwestfälischen Landesvertretung und den warmen roten Kuben der Bremer Dependance.

Entworfen wurde der Botschaftsneubau von Tom Krause und Astrid Bohne, die sich mit ihrem Projekt in einem eingeladenen Wettbewerb durchgesetzt haben. Weltweit vor allem im Bau von Hotels und Luxus-Ressorts erfolgreich, sind die Architekten auch in den VAE aktiv. Zu den Vorgaben beim Botschaftsbau gehörte es, nicht nur die notwendigen internationalen Standards zu erfüllen, die an ein solches Gebäude gestellt werden. Zugleich sollten regionale Elemente Verwendung finden, die für die Unverwechselbarkeit des Gebäudes sorgen.

Die Grundidee beschreiben die beiden Architekten daher als „eine neue Interpretation der traditionellen arabischen Architektur“. Diese bewusste Aufnahme von Architekturformen aus der arabischen Welt ist kennzeichnend für das Bemühen des erst 1971 aus sieben selbstständigen Emiraten gebildeten Landes, der eigenen Identität auch architektonischen Ausdruck zu verleihen. Größe und Pracht des Botschaftsneubaus sind dabei nicht zuletzt als eine freundschaftliche Geste gegenüber den Deutschen zu lesen. Schließlich versteht sich die Botschaft der VAE als ein Ort der Begegnung, des kulturellen und wirtschaftlichen Austauschs. Eine gebaute Visitenkarte, die einen Eindruck von dem arabischen Land vermittelt. Und das gelingt bereits mit der Sandsteinfassade: Sie zeigt keine glatten Steinblöcke, sondern kleinteilig strukturierte Wandflächen, die durch so genannte Mashrabiyas verziert werden. Dabei handelt es sich um geometrische Muster, zumeist in Sternform, die für eine lebendige Oberflächenstruktur sorgen. Ergänzt wird diese lebendige Fassadenwirkung durch die unterschiedlichen, teilweise ebenfalls arabische Vorbilder aufnehmenden Fenster, die Kielbögen, Säulenstellungen, Arkaden und Loggien.

Doch trotz seiner kleinteiligen Verzierungen und der Vielfalt unterschiedlicher Formen besitzt der Baukörper eine klare Gliederung. Seine Ecken sind turmartig betont und treten ebenso wie der repräsentative Mittelrisalit mit seiner hohen, zentralen Eingangsöffnung aus der Bauflucht hervor.

Dieser Formenreichtum setzt sich auch im nicht minder prachtvollen Inneren des Gebäudes fort. An den Seiten jeweils von einer Reihe echter – konservierter – Palmen flankiert, entsteht bereits in der Eingangshalle der Eindruck eines orientalischen Palastes. Wandnischen nehmen dabei die gitterartig durchbrochenen Dekorationen der Mashrabiyas auch in der Halle auf. Es ist ein Traumschloss mit Säulen, deren Schäfte im unteren Bereich mit schimmernden blauen und goldenen Mosaiksteinen verkleidet sind. Sie flankieren das Foyer und unterstreichen dessen Wirkung als einer gebauten Oase. Zusätzlich überqueren Brücken die Halle und verbinden dabei auf unterschiedlichen Höhen die Arbeitsbereiche der Botschaft miteinander, die sich rechts und links der Eingangshalle anschließen. In den Büros herrscht anstelle der fast märchenhaft anmutenden orientalischen Pracht die klare Funktionalität internationaler Standards.

Die lang gestreckte Empfangshalle mündet in einer runden Halle vor dem eigentlichen Festsaal. Auch sie ist von Palmen und Säulen flankiert. Bekrönt wird der Raum mit einer Kuppel aus farbigem Glas. Schwere Holzportale führen in den großen, quer gelagerten Festsaal, der den Abschluss der repräsentativen Raumflucht der Botschaft bildet. An drei Seiten durch ein zusätzliches Galeriegeschoss eingefasst, öffnet er sich mit weiten Fensterflächen zum Garten. Getragen wird die Galerie von Säulen mit vergoldeten Palmenkapitellen. Zusätzlich bilden zwei gewaltige Säulen mit abwechselnd goldenem und rotem Muster, das sich spiralförmig emporschraubt, den Blickfang des Raumes und rahmen dabei die Eingangsachse. Ergänzt wird die opulente Dekoration des Festsaales mit seinem gewaltigen farbigen Teppich durch die Wappen der VAE, die sich oberhalb jeder Säule finden. Sie zeigen in arabischer Tradition einen goldenen Falken, das Emblem des Kuraisch-Stammes, dem der Prophet Mohammed angehörte. Auf seiner Brust trägt der Falke ein rotes Medaillon mit einer arabischen Dhau, einem Segelschiff. Auch das ist eine Anlehnung an die Tradition, erinnert es doch an jene Zeit, als die Bewohner der heutigen VAE noch als Seefahrer und Perlenfischer lebten.

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