Dirigent Otmar Suitner : Klassisch war nur die Musik

Er war Österreicher in der DDR, „Maestro“ der Staatsoper, hatte zwei Frauen in Ost- und West-Berlin. Otmar Suitner lebte ein unlebbar-kompliziertes, kaum wahrgenommenes Leben. Das hat sein Sohn nun verfilmt.

Kerstin Decker
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Ost-Vater, West-Sohn. Otmar Suitner und Sohn Igor Heitzmann, der auch sein Dokumentarist ist. Der Film „Nach der Musik“ läuft...

In Rollstühlen, mit und ohne Gehstock sind sie gekommen, lange vor Beginn. Das Thema des geselligen Abends lautet: „Tannhäuser im Venusberg“. Nicht in jedem Altersheim könnte man mit Wagners folgenschwer verirrtem Ritter ein so zahlreiches Publikum locken. Aber was heißt Altersheim? Dies hier ist eine „Residenz“, eine Seniorenresidenz in Berlin.

Nach den ersten Klavierakkorden leiser Unglaube: Ist das wirklich „Tannhäuser?“, flüsternd weitergegeben an den einzigen Nichtsenioren ringsum. Der hat unlängst einen der großen Dirigenten des 20. Jahrhunderts filmisch porträtiert und dafür viele Preise bekommen, ihn kann man fragen. Aber Igor Heitzmanns bald 40-jähriges Jungengesicht nimmt einen Ausdruck fröhlichster Unbekümmertheit an: „O, das weiß ich auch nicht!“

Der es wüsste, ist oben auf seinem Zimmer geblieben. Er verlässt es kaum noch. Der große Dirigent, der Maestro wohnt jetzt hier. Mit dem „Tannhäuser“ begann einst sein Erfolg in Bayreuth. Otmar Suitner hat noch immer den ganzen Wagner im Kopf, er könnte den vollständigen „Ring“ von seinem Zimmer aus dirigieren und müsste kaum in die Partitur sehen. Aber der ganze Venusberg seniorengerecht auf einem Flügel? Und wenn nun ein Ton nicht stimmt, zu schnell kommt oder zu langsam, zu laut ist oder zu leise? Nein, lieber nicht runtergehen. Doch die Töne fragen nicht, ob sie willkommen sind. Sie dringen durch seine Tür im dritten Stock. Unten steht der Regisseur des Dirigentenfilms leise auf. „Ich geh’ lieber wieder hoch!“, sagt er.

Igor Heitzmann ist Otmar Suitners Sohn.

Sein Film „Nach der Musik“ ist jetzt im Kino. Jede Musik handelt im Grunde von Ankunft und Abschied, jede Musik ist Preisgabe. „Nach der Musik“ ist es auch. Ein Erinnerungsstrom in Bild und Ton. Auch Filme sind Kompositionen und klingen, wenn sie gut sind. Dieser klingt.

Es geschieht nicht oft, dass ein West-Sohn einen Ost-Vater hat. Igor Heitzmann, Jahrgang 1970, ist ein ganz normales West-Berliner Kind. Sein Vater kam meist am Sonnabendnachmittag über die Grenze, am Sonntag um 16 Uhr ging er wieder. Manchmal kam er über Monate gar nicht. Da reiste Otmar Suitner mit seiner Ost-Berliner Staatskapelle durch die Welt. Nur um Westdeutschland und West-Berlin machte er meist einen Bogen. Allerdings kommt der Mann, der das älteste Orchester Berlins länger leitete als Richard Strauss, nicht aus dem Osten. Otmar Suitner ist Innsbrucker.

Fast 30 Jahre lang war der Österreicher Generalmusikdirektor in Ost-Berlin.

Seltsam, dass das Einheitsdeutschland ihn nach 1990 nicht gefragt hat, was er sich wohl dabei gedacht hat. Es konnte in diesen Dingen ungemein unnachsichtig sein. Diente er nicht, wie man sagt, einem Unrechtsstaat? Und rede sich kein Musiker mit der Musik heraus, befinden die Nichtmusiker aller Zeiten.

Vielleicht hatte Suitner damals keine Lust zu antworten. Er machte 1990 dasselbe wie die DDR: Er verschwand einfach. Und da über Nacht so vieles verschwunden war, merkten viele das erst später. Und da fiel ihnen auf, dass sie im Grunde nichts über ihn wussten.

„Das ging mir genauso!“, hat sein Sohn vorhin gesagt, auf dem Weg zum Vater in der „Residenz“. „Darum musste ich diesen Film machen.“

Bis vor kurzem hat Otmar Suitner mit seiner Frau in der „Residenz“ gewohnt. Im Film ist die Österreicherin Marita Suitner noch zu sehen. Sie ist, Jahrgang 1924, im vergangenen Jahr gestorben. Igor Heitzmann ist nicht ihr Sohn. Er ist der Sohn der Frau, die gerade am Fenster steht, die Marita und Otmar Suitner vor vier Jahren daran hinderte, weiterzuleben wie immer: pendelnd zwischen Ost-Berlin und Wien. Ihr braucht Hilfe!, hat Renate Heitzmann, Igors Mutter, gesagt. Denn Otmar und Marita Suitner waren beide krank.

Auch Renate Heitzmann gehört schon seit fast einem halben Jahrhundert zu Otmar Suitners Leben, und darum gehörte sie auch zu dem seiner Frau Marita. Nach seinem Bayreuther „Tannhäuser“ hatte er sie kennengelernt. Eine Germanistikstudentin, Praktikantin im Festspielbüro. Die beiden Frauen wussten von Anfang an voneinander. Dieses Zweipluszwei-Leben, das vielen so unlebbar-kompliziert scheint, hat einen einfachen Grund. Im Film passt er in einen einzigen Satz: Otmar Suitner verlässt niemanden. Keine Frau, eigentlich nicht mal ein Orchester.

Er wirkt noch immer wie ein Repräsentant, ist von einer fast sanften Autorität. Die wenigen Schritte vom Sessel zum Esstisch in dem sparsam möblierten Zimmer fallen ihm schwer. Seine hellen großen Augen unter den starken Brauen haben noch immer den aufmerksamen Blick des Allesüberschauers. Schließlich muss man notfalls ein ganzes Orchester nur mit den Augen dirigieren können. Ja, man dirigiert vor allem mit den Augen.

„Natürlich habe ich ja gesagt zu diesem Film, sofort!“ Otmar Suitner hebt kurz die rechte Hand, und noch immer erwartet man, dass bei dieser Bewegung die Instrumente einsetzen. Aber es bleibt still. Und seine Hand zittert. Und dann hält er sie schnell mit der anderen fest.

„Als ich in den Osten ging, sagte meine Familie: Jetzt hoat er sich mit dem Teufel verbündet.“ Suitner lacht, es ist kein feindseliges Lachen. Es ist ein Tiroler-bleibt-Tiroler-Lachen. Der Westen schrieb dasselbe, nur mit etwas anderen Worten. Über die lachte er nicht. Vor denen fürchtete er sich manchmal.

Als Otmar Suitner – bis eben Generalmusikdirektor der Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz – 1960 in die DDR kam, war es in dem Deutschland, aus dem er kam, noch nicht einmal legitim, diese drei Buchstaben in Anführungsstrichen zu schreiben. Der Absolvent des Salzburger Mozarteums hätte damals überall hingehen können. Er ging an einen Ort, den es gar nicht gab, an einen Nicht-Ort, einen Un-Ort. Wo er viel weniger verdienen würde. Wo seine Chancen auf eine Weltkarriere dramatisch gering waren.

Das zu rechtfertigen, versucht er nicht einmal. Heimat ist dort, wo du dich nicht rechtfertigen musst. Die Deutschen, vor allem die kleinere Hälfte, machen eigentlich nichts anderes. Woher kommt überhaupt der Gedanke, Suitner müsse irgendetwas rechtfertigen?

Er versucht es gar nicht erst, vielleicht weil er längst weiß, dass niemand sich selbst verteidigen kann. Außerdem ist es vertane Zeit. Otmar Suitner erzählt lieber Geschichten, solche mit Pointen, selbst wenn es eine Walter-Ulbricht- und-ich-Geschichte ist, oder vielleicht genau deshalb.

„Als Walter Ulbricht in den ,Tristan‘ kam …“

„Was, Ulbricht wollte Wagner hören?“

„Aber natürlich. Er war in seiner Jugend ein großer Stehplatzbesucher der Leipziger Oper.“

Suitner sagt es mit einem gewissen Respekt, wahrscheinlich, weil sie beide keine Kinder von Leuten waren, die Opernplätze bezahlen konnten. Weil für sie beide im Grunde die Stehplätze des Lebens vorgesehen waren. Mag sein, Suitner fühlte sich auch darum nie ganz fremd im Kleine-Leute-Staat DDR.

Dass er zur Musik kam, lag am Vater, einem von durchdringender Erfolglosigkeit verfolgten Innsbrucker Kaufmann, der doch nur ,Rosen aus dem Süden‘ hören wollte. Heute hätte er sich eine Walzer-CD gekauft, damals bekam Sohn Otmar einen billigen Klavierlehrer. Aber der war gut genug, zu erkennen, dass diesem Jungen möglicherweise mehr Menschen zuhören würden als sein Vater und seine Tanten.

„Walter Ulbricht kam also zum ‚Tristan‘, und als er seine Loge betrat, musste die Nationalhymne erklingen.“

Dass er sie einmal und nie wieder dirigiert hat, erwähnt Suitner nicht. Auch nicht, dass es nicht irgendein „Tristan“ war, sondern ein Kult-„Tristan“, ein Höhepunkt seiner Laufbahn, über den selbst seine Musiker sagen, da seien im dritten Akt Dinge passiert, die würden sie heute nicht verstehen. Dabei haben sie die gespielt.

Eigentlich konnte man dem real existierenden Sozialismus nirgends ferner sein als im ‚Tristan‘. Und Walter Ulbricht hat das auch gehört? Suitner will sich da nicht festlegen, aber er ahnt etwas. Wahrscheinlich hat Ulbricht während des „Tristan“ über die Nationalhymne nachgedacht, sie haben sich nämlich in der Pause getroffen: „Und er sagte auf Sächsisch zu mir: ‚Verehrtester, den ‚Tristan‘ können Sie dirigieren, aber unsere Nationalhymne nicht!‘“ Suitner macht eine Pause, dann sagt er: „Und er hatte recht. – Womit geht die DDR-Nationalhymne los, Renate?“

Die bisher stumme Frau am Fenster antwortet: „Mit ‚Goodbye, Johnny‘, Otmar!“

„Genau“, bestätigt Suitner, „der Anfang ist ‚Goodbye, Johnny!‘, und danach kommt ein Marsch. Und ich habe beide Tempi verfehlt!“ Er lässt keinen Zweifel daran, dass das nicht Dissidententum am Pult, sondern Unvermögen war. Otmar Suitner erzählt grundsätzlich keine Geschichten, die ihn glänzen lassen. Zum Beispiel die Geschichte, wie er Träger des päpstlichen Gregoriusordens wurde.

Inhaber päpstlicher Orden waren in der DDR selten und tief beargwöhnt.

Es gibt wohl noch eine Eigenschaft von großgewordenen Kindern kleiner Leute: Sie machen, was sie für richtig halten. Irgendeine innere Stimme befahl dem mehrfachen Nationalpreisträger der DDR, das Geld dieser Nationalpreise der Kirche zu stiften. Zum Wiederaufbau der Dresdner Silbermannorgel. Und außerdem hat der sächsische König seine Staatskapelle nicht zuletzt deshalb begründet, damit sie Gottesdienste begleitet. Also sagte Suitner zum Chordirigenten: „Sie müssen wieder die Pontifikalämter in der Hofkirche spielen, ich geb’ Ihnen’s Geld.“ Die Kapellknaben haben auch was abbekommen von Suitners Nationalpreisen. So wurde er 1973 von Paul VI. zur Privataudienz gebeten, und die SED mag es noch öfter bereut haben, dass sie ihn einst nicht verhindert hat. Vielleicht hat er beiden dasselbe gesagt: „I bin hoalt a Tiroler Bauernbuab.“

Und über all das, die Musik, den weltberühmten Dirigenten zwischen zwei Deutschländern und zwei Frauen, hat Igor Heitzmann einen Film gemacht, und der Vater hat es zugelassen. Er, der ein Leben lang gewohnt war, die Einsätze vorzugeben, lieferte sich ganz dem Dirigat des Jüngeren aus. Wer aus dem weltweit nicht eben großen Personenkreis, dessen Mitglieder man mit „Maestro“ anspricht, wäre je so uneitel gewesen?

Suitner hält noch immer seine zitternde Hand fest.

Zum ersten Mal, wird sein Sohn nachher sagen, hat er dieses Zittern in einer japanischen Aufnahme Mitte der 80er Jahre bemerkt. Suitner dirigierte das Symphonieorchester Tokio, und dann sah sein Sohn die später so typische Bewegung: die im Sinken des Arms schon sichtbar unruhige Hand schnell mit der anderen festzuhalten. So früh fing das also an, hat Igor Heitzmann gedacht. Ein Dirigent mit Parkinsonsyndrom seit 25 Jahren, was für ein Hohn.

Was für eine Prüfung. Und gerade bei ihm, der statt großer Gesten die kleinen Bewegungen, die Kaum-Bewegungen bevorzugte, der nie auf den längst aus der Dirigentenmode gekommenen Stab verzichten wollte. Die zeitgenössische Musikwissenschaft drückt das in ihrer zeitgenössischen Sprache so aus: „Otmar Suitner repräsentiert den aussterbenden Typus des soliden ‚deutschen‘, spätromantisch geprägten Kapellmeisters. Mit klarer, effektiver Dirigierweise (…) stellte er seine Person nie in den Vordergrund und zielte nicht primär auf Erfolg.“

Vielleicht muss man heute erklären, was das ist: ein „deutscher, spätromantisch geprägter Kapellmeister“. Nach der Definition eines anderen berühmten deutschen spätromantischen Kapellmeisters ist ein deutscher spätromantischer Kapellmeister ein Kapellmeister, der einen Ton zur rechten Zeit beginnt, ihn hält, unterwegs nicht fallen lässt und zur rechten Zeit beendet. Aber mit zitternden Händen?

Und wenn Suitner 1990 nicht viel mehr zu verbergen hatte als diese Hand? Oder nein: Damals entschloss er sich, es nicht länger zu tun. Mit der alten Hand in die neue Zeit, dafür, wusste er, würde seine Kraft nicht mehr reichen. Die Alterskarriere, fraglos fast bei Dirigenten seines Ranges, blieb ihm verwehrt.

Man sieht ihn an und weiß sofort, dieser Mann hadert nicht mit dem Schicksal. Vielleicht, weil er nie aufgehört hat sich zu wundern, wie viel es ihm gegeben hat.

Über manche Dinge dachte Suitner genau wie die Partei- und Staatsführung. Über „Republikflucht“ zum Beispiel. Als die Mauer gebaut wurde, gastierte die Dresdner Staatskapelle gerade bei den Salzburger Festspielen. „Ich bitte Sie“, sagte der Kapellmeister da zu seinem Orchester, „bleiben Sie beisammen! Das geht nicht, dass da einige Leute weggeh’n. Sie zerschlagen einen der edelsten Klangkörper!“ Sie sind geschlossen wieder zurückgekommen.

Was soll man dazu sagen, heute? Vielleicht: Bei Menschen wie Suitner ist Hoffnung. Weil er Menschen ernst nahm. Weil er sich nie überreden ließ zu glauben, was heute schon jedes Kind weiß: dass jeder austauschbar ist.

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