Zeitung Heute : Dirigieren ist ein mystischer Beruf

MUSIKFEST BERLIN 08 Mariss Jansons und das Concertgebouw Orkest präsentieren Werke von Messiaen, Poulenc und Bruckner

Uwe Friedrich

Die Orgel ist das Bindeglied im Konzertprogramm von Mariss Jansons, der in diesem Jahr das Musikfest Berlin eröffnet. Bruckner war ein großer Organist, ihm wurde aber auch vorgeworfen, das romantische Symphonieorchester wie eine Kirchenorgel zu behandeln. Olivier Messiaen schrieb ebenfalls viele Orgelwerke, und in der Mitte steht das Orgelkonzert von Francis Poulenc, der selbst in seinen geistlichen Werken immer wieder Raum für Humor und verblüffende Ironie fand. Gerade in seinem Orgelkonzert kann der Dirigent Mariss Jansons allerdings überhaupt keine Ironie entdecken: „Das ist sehr ernst. In dieser Zeit, Ende der dreißiger Jahre, haben auch nur wenige Komponisten Orgelkonzerte geschrieben. Dieses Konzert bildet die Brücke zwischen Messiaens geistlichem Werk und der weltlichen Symphonie Bruckners. Normalerweise spielt man Bruckner gerne mit Haydn oder Mozart, wir wollten einen anderen Zugang finden.“

Zum hundertsten Geburtstag von Olivier Messiaen stehen dessen Werke ohnehin im Mittelpunkt des Musikfestes und jedes Konzert muss mindestens ein Werk des katholischen Vogelstimmenliebhabers enthalten. Der wird momentan als Neutöner mit Wohlfühlatmosphäre entdeckt, nach einer längeren Gewöhnungsphase genießt nun auch ein konservatives Publikum die entspannende Wirkung seiner einfachen Harmonien zum Lob Gottes. „Einen Einfluss auf meine Bruckner-Interpretation hat das aber nicht. Bruckner ist immer Bruckner. Meine Liebe zu Bruckner kam viel später als die zu Mahler. Gustav Mahler ist für einen jungen Dirigenten viel attraktiver. Inzwischen bin ich nicht mehr ganz so jung und ich hoffe, dass ich die Tiefe Bruckners und die geistliche Dimension jetzt besser verstehe.“

Seit 2004 ist Mariss Jansons Chefdirigent des Amsterdamer Concertgebouw Orkest, bereits ein Jahr zuvor hatte er die Leitung des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks übernommen. Mit dem BR-Orchester war Jansons im vergangenen Jahr zu Gast beim Musikfest, diesmal tritt er mit seinem anderen Orchester auf. Als Jansons in Amsterdam antrat, begann in der Presse eine Diskussion, die auch in Berlin nicht unbekannt ist, hier allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Der alte Klang des Concertgebouw sei wieder da, der unter seinem Vorgänger Riccardo Chailly beinahe verloren gegangen sei. „Jedes Orchester hat seine eigene Individualität“, betont Jansons, „ein Dirigent sollte es nicht stören. Wenn sie überhaupt etwas ändern wollen, dann müssen sie es unmerklich tun, ohne Zwang und sehr weich. Der Klang des Concertgebouw hat mich immer fasziniert, er kommt aus einer langen Bruckner- und Mahler-Tradition. Gleichzeitig spielt das Orchester mit Originalklangexperten und versteht auch die französische Musik. Diese Musiker sind ungeheuer vielseitig, wir müssen einander einfach vertrauen. Vieles kommt dann von selber.“ Glaubhaft versichert Mariss Jansons, dass er die Arbeit mit beiden Orchestern liebt, gerade weil sie so verschieden sind. Dabei legt er großen Wert darauf, immer er selber zu sein, sich nicht zu verbiegen, um das Orchester oder das Publikum zu beeindrucken. „Wenn ich mir vornehmen würde, den Zuhörern krampfhaft etwas Neues vorzuführen, würde das der Musik nichts bringen. Es ist ungeheuer wichtig, ehrlich zu sein. Vielleicht mag nicht jeder meine Interpretationen, aber ich dirigiere so, wie ich bin, und gehe aufrichtig mit der Musik um. Ich verändere mich mit der Zeit, vielleicht mache ich im Konzert auch etwas falsch. Aber das Publikum spürt immer, ob ein Dirigent sich verstellt, um etwas zu beweisen, oder ob er ehrlich mit ihm kommunizieren will.“

Der Vater von Mariss Jansons war ebenfalls Dirigent und hat sein Handwerk bei Jewgeni Mrawinski in St. Petersburg gelernt, der auch den Sohn unterrichtete. Danach studierte er bei Hans Swarowsky in Wien und bei Herbert von Karajan, eine lange Traditionslinie, die Jansons jedoch nicht überbewerten will. „Dirigieren ist ein mystischer Beruf. Wir spielen selber kein Instrument. Wenn sie einen Dirigenten nur sehen und die Musik nicht dabei hören, ist das lächerlich. Bei dem einen Dirigenten spielt das Orchester plötzlich wunderbar, bei dem anderen ganz entsetzlich. Letztlich ist es eine Frage der inneren Energie. Ein guter Dirigent kommt auf die Bühne und hundert Musiker machen sofort, was er allein will. Das spüre ich auch ganz schnell, wenn mir Studenten vordirigieren. Einige können eigentlich gar nicht dirigieren, haben aber diese Energie, und es funktioniert. Die müssen dann noch viele andere Dinge lernen. Aber diese Energie kann man nicht erlernen, die muss man einfach mitbringen.“

Uwe Friedrich

Philharmonie, 5.9., 20 Uhr

19 Uhr Einführung

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