Zeitung Heute : Diskret grüßen

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Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner geht strammen Schritts die Greifswalder Straße Richtung Norden. Er ist früh aufgestanden, um vor der Arbeit noch ein Buch bei einem Freund vorbeizubringen, das dieser unbedingt braucht. Die Morgensonne wirft ihre Strahlen auf die zerzauste Greifswalder, als wollte sie ihr die Haare fönen. Der Neuberliner denkt, dass er wie die Karikatur eines Soldaten aussehen muss: Ein blaues elsässisches Winzerjäckchen, das an eine Mao-Jacke erinnert, die Tasche quer über dem Oberkörper wie ein Patronengürtel, dunkle Stiefel. In New York hat er einmal Heilsarmeeleute gesehen, die sahen so aus.

Als er noch über das pseudomilitärische Outfit vieler Generationsgenossen grübelt, bemerkt er einen uralten Rentner mit Rollator, der ihm mit winzigen Tippelschritten entgegenkommt. Als das Hutzelmännchen noch etwa drei Meter entfernt ist, hebt der Neuberliner seinen rechten Arm, um sich an seiner linken Schulter zu kratzen. Der Alte missdeutet die Geste, steht stramm, so weit das sein gebeugter Rücken zulässt, hält den rechten Arm kerzengrade in die Höhe: „Heil Hitler!“

Offenbar befindet sich das Männchen in einem Flashback oder in einer Parallelwelt. Der Neuberliner ist völlig verdattert und ihm entfährt intuitiv, während er sich an der Schulter kratzt, ein „Grüß Gott“. Dann hat der Neuberliner den Alten passiert, nach zehn Metern sieht er sich noch einmal um, und das Männchen schaut ihm nach. Vielleicht hat es ihn mit einem SS-Mann verwechselt, den es 1942 an eben dieser Stelle grüßte. Für einen Neonazi ist der Alte definitiv zu alt. Etwa Jahrgang 1913.

Der Neuberliner denkt über seine Reaktion nach, wie es sich von einen im Zeitalter der Vergangenheitsbewältigung Aufgewachsenen gehört. „Grüß Gott“ war nicht schlecht, weil es gegen die neopagane, pseudo-darwinistische Ideologie die transzendente Instanz setzt. Aber er hätte auch, wenige hundert Meter vom Thälmann-Denkmal entfernt, mit der Faust grüßen können… Marius Meller

Regeln Sie solche Begegnungen über die Generationen hinweg möglichst diskret.

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