Zeitung Heute : Disney expandiert mit dem längsten Passagierschiff der Welt in den Tourismus

Olaf Krohn

Von den beiden mächtigen roten Schornsteinen grüßt Micky Maus. Und am Heck scheint Donald Duck gerade damit fertig geworden zu sein, den Schiffsnamen auf die Bordwand zu pinseln: Disney Wonder. Micky und Donald haben Schwimmen gelernt. Im englischen Southampton stellte sich die funkelnagelneue Disney Wonder kürzlich mit einem spektakulären Feuerwerk der Weltöffentlichkeit vor, auf dem Weg von der Werft in Triest zum Einsatzhafen Port Canaveral in Florida.

Mit seinem zweiten Vergnügungsdampfer, der im September zur ersten kommerziellen Kreuzfahrt ausläuft, hat Disney gleich einen 37 Jahre alten Weltrekord der Passagierschifffahrt gebrochen: Die Disney Wonder misst zwischen Bug und Heck 316 Meter und ist damit einen Meter länger als die 1962 vom Stapel gelaufene Norway (früher France). An Bord finden bis zu 2500 Passagiere Platz. Die meisten Kabinen verfügen über vier Betten, denn die Disney Wonder und ihr ein Jahr älteres Schwesterschiff Disney Magic sind für Familien konzipiert.

Während der Kurzkreuzfahrten nehmen 40 geschulte Besatzungsmitglieder den Eltern die Kinder ab und beschäftigen sie mit Gameshows, Poolpartys, interaktiven Computerspielen und weiteren Amüsements, für die der Disney-Konzern weltberühmt ist. Andererseits sind bestimmte Bereiche des Schiffs wie die Schönheitsfarm und ein Restaurant für Erwachsene reserviert. Von den Trimmgeräten des Fitness-Studios schaut man auf Kapitän und Steuermann herab, deren Kommandobrücke konsequent in die bordeigenen Attraktionen einbezogen ist und im Design an "Raumschiff Enterprise" erinnert. "Wir standen vor der Frage, wie wir mit der Marke Disney in der Welt des Tourismus expandieren können", sagt Judson Green, Präsident von "Walt Disney Attractions". "Und die Kreuzfahrtbranche hat sich in letzter Zeit enorm entwickelt und wird in den kommenden Jahrzehnten noch unglaublich wachsen." Die beiden Disney-Dampfer sind unverkennbar für den nordamerikanischen Markt konzipiert und nicht für den typischen deutschen Kreuzfahrer traditioneller Prägung: An Bord geht es laut und lustig zu, als wäre man im Disneyland.

Ein Kino zeigt die neuesten Filmproduktionen des Hauses und das laut Firmenangaben modernste schwimmende Theater der Welt präsentiert die Disney-Helden von Peter Pan bis Cinderella in Musical-Potpourris. Das Interieur spiegelt die für Disney typische Detailbesessenheit wider: Wer sich die Mühe macht, alle "hidden Mickies", die im Schiffsdesign versteckten Mäuse, zu finden, ist für die ganze Kreuzfahrt beschäftigt. Abgerundet wird das Borderlebnis durch andauernde Kostümwechsel der Besetzungsmitglieder, die Disneys Philosophie vom "Land des Lächelns" mit Präzision in die Tat umsetzen. Es wird aber nicht erwartet, dass man auf die täglich etwa 500 Anfragen "How are you today?" jedesmal antwortet.

Wer befürchtet, sich an Bord der beiden Mäuseschiffe eine Überdosis Disney einzuhandeln, sei beruhigt: Nach drei Tagen und vier Nächten ist der Spaß schon vorüber. Die Route von Port Canaveral bei Orlando ist immer dieselbe und geographisch belanglos: ein Tag Nassau/Bahamas für Shopping und Glücksspiel, ein Tag Disneys Privatinsel Castaway Cay für Sandkastenspiele unter Palmen, ein Tag auf See und wieder zurück. Anders als in den USA üblich haben die Disney Magic und die neue Disney Wonder weder ein Casino noch "einarmige Banditen" an Bord. Die Bordsprache ist Englisch, dennoch stammen nach Angaben von Disney zehn Prozent der Passagiere aus anderen Ländern. In Deutschland kann man diese Touren bei TUI buchen.

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