Zeitung Heute : Disziplin und Hingabe

Übung macht den Meister: Ein Tag im Leben der Balletttänzer Leonard Jakovina und Nadja Saidakova

LEONARD JAKOVINA[Solotänzer]

Gelassen die Dinge anzugehen, sagt Leonard Jakovina, sei für ihn wichtig. Für den Tagesablauf eines Solotänzers mit seinen Herausforderungen ist das die denkbar beste Überschrift. Um acht steht er auf, selbst im Urlaub, weil er sonst das Gefühl hätte, etwas vom Tag zu verpassen. Frühstück nimmt er gern stressfrei zu Hause, liest im Internet eine kroatische Zeitung, damit er weiß, was in der Heimat läuft. Zwischen 9.15 und 9.30 Uhr ist er in der Oper, bereitet sich auf das Training vor: ab 10.30 physische und mentale Einstimmung, 75 Minuten Konzentration auf sich selbst. Hatte er am Vorabend Vorstellung, geht er das Training behutsam an. Er sei kein Risikomensch, wolle den Körper nicht schon zu Beginn eines Arbeitstages „vergewaltigen“. Das Aufwärmen beginnt dann beim Training mit den Übungen an der Stange. War der Abend vorher frei, legt er mehr Akzent auf Kraft. Mit 18 wollte er ständig Grenzen sprengen, im Lauf seiner Karriere hat er gelernt, ökonomisch mit seiner Energie umzugehen.

Nach Trainigsende um 11.45 Uhr bleiben 15 Minuten Pause bis zu den Proben laut Dienstplan. In seiner zehnten Spielzeit in Berlin kann er einschätzen, wann er eine Probe mehr oder weniger benötigt. Oft probt er die Auftritte einen Monat im Voraus. Um 14 Uhr endet die erste Probenphase für 30 Minuten Mittagspause. Viel darf er nicht essen, sonst ermüdet der Körper. Der zweite Probenkomplex geht bis 18 Uhr. Wenn er erst ab 16 Uhr probt, bleiben freie Stunden – Gelegenheit, im neu eingerichteten Tänzerruheraum zu entspannen. Gibt es am Abend Vorstellung, sieht der Nachmittag anders aus. Dann enden die Proben um 13.30 für die tariflich vorgeschriebene Ruhepause von viereinhalb Stunden. Abschalten will er zunächst, eine gute halbe Stunden schlafen, mehr nicht, sonst kommt er schwer in Schwung. Leonard vermeidet, schon zu Hause an den Abend zu denken und was alles passieren kann. Erst im Theater geht er die Korrekturen aus den letzten Proben durch, während er sich an der Stange eintrainiert, in die Psyche der Rolle einstimmt.

„Caravaggio“ und der Prinz in „Schneewittchen“ seien seine Lieblingsparts, schwärmt er. Er genieße die Schritte, die Musik, die fließenden Formen. Als schwerste Rolle sieht er den Drosselmeier in Patrice Barts „Nussknacker“: Der erzählt die Geschichte, steckt voll Magie. Die Vorbereitung kostet Kraft, erfordert anderes Essen: Fleisch, Salate. Auch in der Ernährung hört Leo, wie die Kollegen ihn nennen, in sich hinein, der Winter ist „Fleischzeit“, im Sommer braucht es leichte Kost.

Intelligent an die Rolle heranzugehen, das bedeutet, da zu sein für die Partnerin, sie zu unterstützen, wo sie es schwer hat, aber auch den Charakter einer Rolle zu erfassen. Der Rotbart etwa in Patrice Barts „Schwanensee“ hat innere Ruhe, Drosselmeier lebt von seiner Mystik. Nach Vorstellungen kann er bis zwei oder drei Uhr früh nicht schlafen, Adrenalin strömt auf Hochtouren, milder Tee beruhigt und Lesen als Eintauchen in eine andere Welt. Er sei ein politischer Mensch, sagt er, und ein Einzelgänger, der viel Zeit für sich braucht. Sauna hält ihm Seele und Körper im Gleichgewicht, einmal pro Jahr lässt er sein Blut auf Defizite untersuchen. Das schwierigste Problem: beständig zu sein, sich noch zu steigern, obwohl der Körper sich verändert.

Volkmar Draeger

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