Zeitung Heute : DivX: Die Musikbranche ist erst der Anfang

Kurt Sagatz

Für die großen Platten-Labels ist die Bedrohung längst Alltag. Im Internet werden seit geraumer Zeit die neuesten Hits kostenlos raubkopiert, was das Zeug hält. Ob nun Madonna, Britney Spears oder The Corrs. Kein aktueller Titel, der nicht Stunden nach der Veröffentlichung zum kostenlosen Download erscheint - allerdings ohne Beteiligung der Künstler, der Plattenfirmen oder des Handels. Vor allem in der Nähe amerikanischer Universitäten sind die Umsätze der Plattenläden in den letzten Jahren spürbar gesunken, also zeitgleich mit dem Aufkommen der MP3-Tauschbörsen. Der wohl bekannteste Vertreter, das Internet-Unternehmen Napster, muss nun auf richterliche Anordnung am Freitag abend vorläufig den Betrieb einstellen.

Zum Verständnis: Mit dem Komprimierungsstandard MP3 schrumpfen Musiktitel auf ein Zehntel ihrer vorherigen Größe und können so bequem über das Internet verschickt werden. Die Tauschbörsen regeln dabei Angebot und Nachfrage. Sie sorgen dafür, dass die College-Kids und ihre Altersgenossen auch in Deutschland die gesuchten Songs finden. Während die großen Plattenfirmen MP3 als Gefahr werten, sehen viele junge Künstler das Medium als Chance, sich einen Namen zu machen.

Längst geht es beim Thema Urheberrechte nicht um einen hinteren Tagungsordnungspunkt bei Unternehmen wie Sony, Warner, BMG, EMI oder Universal. Die unkontrollierte Verbreitung über das Netz in den Griff zu bekommen, ist vielmehr zur Existenzfrage geworden. Mit jedem neuen Internet-Surfer, der lieber Napster benutzt, geht schließlich ein Käufer verloren. Elf Millionen Amerikaner haben sich bereits mindestens einmal Musik unter Umgehung des Copyrights aus dem Netz geladen.

Das Hauptproblem sind Urheberschutzrechtsverletzungen. Da inzwischen so gut wie jedes geistige Eigentum digitalisiert wurde, ist es technisch kein Problem, davon beliebig viele Kopien in gleicher Qualität herzustellen. Und durch das weltumspannende Datennetz werden dafür nicht einmal Waren bewegt, da es sich erübrigt, eine Diskette oder CD per Post zu versenden. Die Betreiber von Napster und Co hatten bislang ihre Tätigkeit recht erfolgreich damit verteidigt, dass sie nur die Plattform zur Verfügung stellten, mit den Transaktionen aber nichts zu tun hätten.

"Wir sind nur die Ersten, die es trifft", hatte die Musikindustrie schon seit einiger Zeit immer wieder gewarnt. Damit scheinen die Bedenkenträger recht zu haben, denn inzwischen wiederholt sich der Vorgang in der Filmbranche. Auch hier hat der technische Fortschritt zu einer grundlegend veränderten Situation geführt, denn technisch ist die illegale Verbreitung inzwischen ähnlich einfach wie das Versenden einer E-Mail. Einmal im Umlauf, reicht ein Computer mit CD-Brenner aus, um ganze Hollywood-Filme wie Mission Impossible, Matrix oder Star Wars Episode 1 zu kopieren. Der Kopierschutz der DVDs wurde schließlich bereits zuvor geknackt.

Genau wie das Schreckgespenst der Musikwirtschaft kurz mit dem Begriff MP3 zusammengefasst werden kann, haben auch die Sorgen der Filmfirmen einen Namen: DivX. Mit diesem Format ist es möglich, den Inhalt einer DVD auf eine einfache CD-ROM zu schreiben. Damit ist DivX erheblich effektiver als die alte Komprimierungstechnik MPEG2, die bei den DVDs eingesetzt wird. Von der Homepage der DivX-Entwickler lassen sich diverse Trailer bekannter Kassenschlager wie Matrix laden, die auf anschauliche Weise unterstreichen, dass die Qualität von Bild und Ton durch das neuerliche Schrumpfen kaum gelitten hat. Selbst im Vollbildmodus kommt es nicht zu den unschönen pixeligen Verzeichnungen, die bislang den Abspielgenuss solcher Kopien beeinträchtigten. Es ist somit nur eine Frage der Zeit, bis DivX im Netz genauso die Runde macht wie jetzt die Musik-Technologie MP3 mit allen ihren anrüchigen Verbreitungswegen.

Während die Musik-Interpreten bereits heute damit klar kommen müssen, dass ihre neuesten Songs spätestens mit dem Datum der Veröffentlichtung, mitunter - wie bei Madonnas "Music" - sogar schon vorher, durch die Internet-Gemeinde geistern, ist es bei Filmen zumindest momentan noch erheblich schwieriger, an die Schwarz-Kopien heran zu kommen. Zwar befinden sich auf diversen Websites Trailer zu den großen Megasellern und auch für neue Filme wie den zweiten Teil der zweiten Star-Wars-Reihe wird schon mit Digital-Videos Werbung gemacht. Um jedoch an ganze Filme zu kommen, benötigt es doch etwas mehr Aufwand, sich über Suchmaschinen, Newsgroups oder Internet-Chats die illegalen Download-Adressen zu besorgen. Allerdings spricht viel dafür, dass die florienden Tauschbörsen künftig auch diese Orte verraten werden, denn die Zahl der Internet-Standleitungen mit Kapazitäten über zwei Megabits pro Sekunde (ein 90 Minuten-Film kann damit fast in Echtzeit übermittelt werden) nimmt zu.

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