Zeitung Heute : Doch kein Heiliger Abbé Pierre und

die Last des Zölibats

Hans-Hagen Bremer[Paris]

Schon zu Lebzeiten wird der 93-Jährige von seinen Landsleuten wie ein Heiliger verehrt. Und angesichts der absehbaren Nähe des Todes mögen viele seiner Bewunderer sogar die Hoffnung hegen, Rom werde ihr Idol eines Tages heilig sprechen. Doch damit ist es jetzt vorbei. Abbé Pierre, als Fürsprecher der Armen und Obdachlosen das soziale Gewissen Frankreichs, hat bekannt, in seinem Leben gegen eine der ehernen Regeln der katholischen Kirche verstoßen zu haben – das Keuschheitsgebot für Priester.

Das Eingeständnis findet sich in einem Buch, in dem sich der zurückgezogen in einer kargen Unterkunft in einem Pariser Vorort lebende Geistliche zu Fragen des Glaubens äußert. Als „spirituelles Testament“ hat der Verlag den schmalen Band mit dem Titel „Mon Dieu…pourquoi?“ angekündigt. Doch was der Priester darin über das Evangelium oder die Heilige Dreifaltigkeit sagt, dürfte die Käufer, die den Buchhändlern die erste Auflage aus den Händen rissen, wohl weniger interessiert haben als die bewegende Enthüllung der einst aus seinem sexuellen Verlangen resultierenden Konflikte.

„In gewisser Weise habe ich das Leben eines Gefangenen geführt“, erklärt er im Rückblick auf sein im Alter von 26 Jahren geleistetes Gelübde. Die Einwilligung in einen Zwang nennt er es. „Doch das hat die Macht des Verlangens nicht aufgehoben, und es kam vor, dass ich ihr auf vorübergehende Weise nachgab“, schreibt er. „Eine regelmäßige Beziehung habe ich aber nie unterhalten“, fährt er fort. „Denn ich wollte nicht, dass mein sexuelles Verlangen Wurzeln schlägt. Das hätte bedeutet, mit einer Frau in einer dauerhaften Beziehung zu leben, was jedoch im Gegensatz zu meiner Lebensentscheidung gewesen wäre.“ Das Gefühl, sich im siebten Himmel zu befinden, hat der fromme Mann bei seinen sexuellen Begegnungen wohl erfahren, doch er konnte es nicht recht genießen. „Die Befriedigung war mir eine echte Quelle der Unzufriedenheit, weil ich mich als unwahrhaftig empfand.“ Sein Bekenntnis verbindet Abbé Pierre mit einer Kritik am Eheverbot für Priester, mit einem Plädoyer für die Weihe weiblicher Priester, die Anerkennung homosexueller Lebensbünde und die Adoption von Kindern durch gleichgeschlechtliche Paare.

Was Abbé Pierre ausbreitet, ist eigentlich nichts Überraschendes. Jeder katholische Geistliche kann die gleichen Nöte erleben. Aufsehen erregt vielmehr die Tatsache, dass ausgerechnet er es ist, der dieses freimütige Bekenntnis ablegt – der Franzose, den seine Landsleute vor Persönlichkeiten wie dem Schauspieler Jean-Paul Belmondo oder dem Fußballgott Zinedine Zidane auf den Sockel des beliebtesten Franzosen stellten. Aus Rücksicht auf sein hohes Alter hat er um ein Ende des Rummels um seine Person gebeten. Doch das hat seine Verehrer nicht entmutigt. In einer Fernsehumfrage erhoben ihn die Zuschauer kürzlich neben Marie Curie und Charles de Gaulle zu einem der bedeutendsten Franzosen der Geschichte.

Henri Grouès, wie der bürgerliche Name des 1912 in Lyon geborenen Sohns einer wohlhabenden Familie lautet, hat in seinem Leben stets rebelliert, ob gegen Armut, schwerfällige Bürokratien oder weltliche und kirchliche Autoritäten. Er verzichtete auf sein Erbe, entschloss sich zum Priesterberuf und verhalf in der Résistance verfolgten Juden zur Flucht in die Schweiz. Seine Stunde schlug im strengen Winter 1954, als er angesichts der schreienden Wohnungsnot zu einem „Aufstand der Güte“ aufrief. Er gründete die Stiftung Emmaus, die heute in 40 Ländern präsent ist, und machte den Kampf für die Obdachlosen zu seiner Lebensaufgabe.

Abbé Pierres Ansehen macht es der katholischen Hierarchie jetzt schwer, ihn anzugreifen. Also übt sie sich im Abwiegeln: „Er ist über 90 Jahre alt und hat ein bisschen seinen Kopf verloren“, sagte Kardinal Lustiger, der frühere Erzbischof von Paris.

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