Zeitung Heute : Döblin hören

Lars Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Den besten Blick auf die Inschrift hat man vom Eingang des Park-Inn- Hotels am Alexanderplatz aus. „Eine Hand voll Menschen um den Alex“, beginnt das Zitat, das da in mannshohen Lettern an der Wand des gegenüberliegenden Umweltministeriums steht. Es endet mit den Worten: „Wiedersehen auf dem Alex, Hundekälte. Nächstes Jahr, 1929, wird’s noch kälter.“

Als die Buchstaben vor vier Jahren an der Fassade auftauchten, wurde ich neugierig und beschloss, Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, aus dem das Zitat stammt, noch mal eine Chance zu geben. Ein paar Jahre zuvor hatte ich die Lektüre aufgegeben, weil ich das Buch langweilig, konfus und zu verschachtelt fand. Leider ging es mir beim zweiten Versuch ähnlich. Vor kurzem unternahm ich nun einen dritten Anlauf, mich dem Werk zu nähern. Diesmal mit Erfolg – und mit Hilfe von Ben Becker.

Der Schauspieler hat sich letztes Jahr eine stark gekürzte Bühnenfassung von Döblins Werk vorgenommen und gelesen, kürzlich ist das Ganze als Hörbuch erschienen. Das Ergebnis ist phänomenal. Man kann ja über Beckers persönliche Allüren streiten – aber als Leser dramatischer Texte ist er genial. Wie er den Franz Biberkopf spielt, dessen innere Monologe wiedergibt, wie er in unterschiedlichen Stimmlagen einfühlsam die anderen Personen des Buches zum Leben erweckt und sogar die Frauenfiguren vielschichtig vermittelt, das ist eine Meisterleistung. Die innere Zerrissenheit des entlassenen Sträflings, die beunruhigende Atemlosigkeit der späten 20er Jahre, die düsteren Kneipen rund um den Alex, die tragischen Ereignisse, die Biberkopf immer wieder den Boden unter den Füßen wegreißen – wenn Becker mit seiner kräftigen, rauchigen Stimme liest, sieht man die Geschichte wie einen Film vor dem inneren Auge ablaufen. Er grummelt und schreit, flüstert und schmeichelt und klingt zugleich so stark und zerbrechlich, dass es eine Freude ist. Und es macht Lust auf mehr: Jetzt werde ich mir das Buch noch einmal vornehmen.

Ben Becker liest am 26. August um 20 Uhr im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die Bühnenfassung von „Berlin Alexanderplatz“. Karten (19-29 Euro plus Gebühr) im Konzerthaus sowie an den üblichen Vorverkaufsstellen. Die CD ist im Patmos-Verlag erschienen (174 Minuten, 19,95 Euro, auch als Kassette erhältlich).

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