Zeitung Heute : Dönerbude des Geistes

Können Intellektuelle in schwierigen Zeiten für Orientierung sorgen? Ästhetik-Professor Bazon Brock versucht es. Mitten in Berlin-Kreuzberg hat er seine „Denkerei“ eröffnet. Er versteht sie als philosophische Lounge – und todernste Sache.

Kopfwerk. Als Büste ist Bazon Brock in der „Denkerei“ am Oranienplatz omnipräsent. Persönlich erscheint er bei Veranstaltungen, um einleitende Worte zu sprechen. Foto: Visum
Kopfwerk. Als Büste ist Bazon Brock in der „Denkerei“ am Oranienplatz omnipräsent. Persönlich erscheint er bei Veranstaltungen, um...Foto: Jens Gyarmaty / VISUM

Die Frühlingskartoffeln erblassen in der Schüssel. Der Schnittlauch erzittert. Der Quark bebt. Was eben noch ein friedliche Mahlzeit war, ist jetzt ... ja, was? Der Meister zürnt, nein richtiger, er rast. Die graue Andy-Warhol-Schüttelfrisur fliegt auf. Die Küche, plötzlich ist sie eine Agora, ein Kampfplatz. Und der Feind bin ich.

„Aber ich habe doch nur ...“

„Nur? Ich kann Ihnen genau sagen, was Sie ...“ Und Bazon Brock stellt die schlimmste aller Diagnosen: vorauseilende Komplizenschaft mit dem Vorfindlichen. Ergo erworbene Idiotie. Dabei hatte ich nur Verständnis für den Sachverhalt geäußert, dass das Gehalt der Bundeskanzlerin das eines Müllmanns – sagen wir – dramatisch übersteigt. Aber nach Bazon Brock kann man gar nicht mehr sein und werden als Müllmann. Schon um ganz auf der Höhe der Gegenwart zu sein.

Wenn wir in einer Zeit lebten, die eine Priesterschaft hervorbringen würde, dann wäre es wohl die der Müllmänner. Brock kann das auch begründen. Im Augenblick aber begründet er anhand einer hier nicht näher zu bezeichnenden Zeitung, den Gast scharf fixierend, warum Journalisten Idioten sind und warum das immer schlimmer werde. Überhaupt gebe es nur drei, die ihn, Brock, je verstanden hätten. Und auch die haben ihn nicht verstanden.

Bazon Brock ist in Berlin. Der Performance-Philosoph, Begründer der Polemosophie, Direktor der Natur, Gegen-Prophet, Erfinder des Agit-Pop, Orthopäde der Kultur, Theoretiker der Selbstfesselung hat die Stadt zu seinem neuen Denker- Hauptquartier erklärt, mit seiner „Denkerei“ am Oranienplatz in Kreuzberg. Es kommt darauf an, Bazon Brock zu verstehen. Der Anfangsverdacht lautet: Bazon Brock ist ein neuer Sokrates. Der hat das action teaching erfunden, damals auf dem Markt von Athen. Und er war der erste Denker ohne Werk.

Kreuzberg, Oranienplatz. Yakup Yildirim schärft seine Messer. Selbstvergessen, weltvergessen, kundenvergessen vorm Dönerspieß. Sein Blick fällt nun öfter auf das Haus gegenüber. Früher war da ein Italiener drin. Jede Bank könnte hier ihre Filiale eröffnen. Aber Yakup Yildirim liest: „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand“. Kapitale Lettern, ins Glas der Fensterfront graviert. Daneben steht: „Tapfer und theoretisch“ oder „Denker im Dienst“. Soll ein weltbekannter Philosoph sein, sagt der Dürüm-Spezialist.

Brock würde Yildirim seine Institution vermutlich so erklären: Irdisches Dasein ist ein Dasein im Zustand der Nichtsicherheit, es ist ein Patientendasein. Wir befinden uns bestenfalls im Zustand der Erwartung. Er würde Yildirim wohl auf die Schulter klopfen: Wir Handwerker! Eine Denkerei, ist sie nicht so natürlich wie eine Wäscherei oder eine Bäckerei? Ein Handwerk wie jedes andere, bloß als Kopfwerk. Seit Nietzsche gibt es keinen höheren Adel für einen Denker als den, den er mit dem Handwerker teilt: die Redlichkeit. Bazon Brock führt demnach am Kreuzberger Oranienplatz eine Dönerbude des Geistes, wenn wir unter einer Dönerbude einen Ort verstehen, den jeder aufsuchen kann, der Hunger hat. „Es ist ein Ort jenseits von Gericht und Orakel“, sagt Brock, „an dem jeder anklopfen und seinen Fall vortragen kann.“

Niemand kann unprätentiöser sein als der prätentiöse Bazon Brock.

Ein flirrend warmer Maisommerabend. An Tagen wie diesem wird jeder zum Zimmerflüchtling, aber die Denkerei ist dicht gefüllt. Die großen Glasscheiben lassen das Innen fast zu einem Teil des Außen werden, der Platz fließt in den Raum. Das hier ist das Gegenteil einer geschlossenen Gesellschaft.

Angekündigt ist eine Einführung in die Metaphysik. Die Metaphysik ist die älteste philosophische Disziplin und doch die meistgeschmähte der Gegenwart. An den philosophischen Fakultäten der Universitäten lernen die Studenten, dass der moderne Mensch, also jemand, der auf die Klarheit seines Denkens hält, weiß, dass er nicht wissen kann, was meta physika – nach der Physik, dem Reich der sichtbaren Dinge – kommt. Auf diese Selbstgenügsamkeit gründet er seine Überlegenheit und bemerkt nicht, dass sie wie jede Selbstgenügsamkeit fast schon wieder eine Dummheit ist.

Das Publikum, das sind junge und werdende Alte, bürgerliche Damen mit Perlenketten und bekehrte Flegel, Alternative und Konservative. Sie hören Brocks Vortrag, alte und neueste Nachrichten aus den Spiegelwelten des Denkens und von der spekulativen Erkenntnis. Was machen die Spekulanten jetzt schon in der Erkenntnis?, fragt flüsternd der Kunstgreis in Reihe vier eine Dame mit Hut. Sie müsste ihm sagen, dass das Spekulum der Spiegel ist, dass es sich mit den Spekulanten aber ungefähr so verhält wie mit den Vampiren. Sie können sich nie in einem Spiegel erblicken, sie erkennen das Einfachste nicht: ihr Spiegelbild; denn sie erscheinen nie als sie selbst darin.

Bazon Brock beobachtet die Wirkung der Aussage, ein spekulativer Satz sei ein Satz, der auf dem Spiegelverhältnis des Denkens beruhe, und streicht sich den Denkerpony aus der Stirn. Draußen sitzen drei alte Türkinnen, umschrien von ihren spielenden Kindern. Sie lesen „Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen“ auf der spiegelnden Glasfassade, ihre Blicke werden lang, sie wiegen die Köpfe. Von Unlösbarkeiten wissen sie viel. Das ist der Stoff, aus dem ihr Leben gemacht ist.

Die Denkerei unterscheidet sich doch von einer Dönerbude, denn es gibt keine apokalyptischen Dönerbuden. Wer aber an der Metaphysik festhält, hält fest am Bezug auf die ersten und die letzten Dinge. Brock ist ein gut getarnter Apokalyptiker. Man hat noch nie von witzigen Apokalyptikern gehört: Brock ist einer. Seine Predigten des Jüngsten Gerichts klingen etwa so: „Der Schnee von gestern ist die Lawine von morgen.“ Ein Bonmot, nur Spaß?

Brock kennt keinen größeren Ernst. Er hat sich um dieses Ernstes willen schon mit alten Freunden überworfen. Na hör mal, ich löse täglich Probleme, teilte ihm eine Zahnärztin mit und fühlte sich persönlich angegriffen. Aber nur Probleme, die tendenziell unlösbar sind, sind nach Brock wirklich Probleme. Wir können nicht mehr tun, als möglichst intelligent mit ihnen umzugehen. Vielleicht war noch nie eine Gesellschaft so sehr auf die Ewigkeit bezogen. Ja, mehr noch: „Wir stehen unter dem Ewigkeitsgebot“, sagt Brock. Wir, die Produzenten einer neuen Ewigkeit: des atomar strahlenden Mülls.

Bevor Bazon Brock ein paar Tage zuvor in seiner weißen Berliner Arbeitsküche so zornig wurde, stellte er den bündigen Bezug zwischen jenem alten und dem neuen Gott her: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs habe es auf durchschnittlich 3000 Jahre Verehrungsdauer gebracht, erklärte er, während sein großer Löffel quer über den Tisch in die Zucchini-mit-Frühlingszwiebeln-Schüssel zielte. 3000 Jahre, das sei ein guter Mittelwert gewesen. Die Fürsorgepflicht für den neuen Gott sei ungleich länger, sprach Brock, legte Messer und Gabel auf den Tisch zurück und wischte sich den Mund wie nach einem letzten Abendmahl: „15 000 Jahre Halbwertszeit!“ Das sei die absolute Autorität des strahlenden Mülls. Für den will Brock auf dem nahe gelegenen Moritzplatz die erste Kathedrale errichten. Denn Götter versteckt man nicht, schon gar nicht unter der Erde. Und diesen allermächtigsten gar?

Die Architekturmodelle existieren, sie übernehmen das Proportionsschema des Kölner Doms oder der großen Al-Aksa- Moschee. Ein Tempelbezirk war immer ein ausgegrenzter Bezirk. In diesem wären wir eingedenk dessen, dass die Schöpferkraft des Menschen erstmals jedes Maß der Beherrschbarkeit übersteigt. Brock meint es ganz ernst. Vielleicht gibt es keinen ernsteren Menschen als Brock.

Und wenn ihn etwas böse macht, sehr böse, dann, dass die Menschen sich nicht ernst genug nehmen. Denn sonst müssten sie doch schon selbst zu seinen Einsichten gelangt sein. Das ist seine Art von Bescheidenheit.

Denken ist das, was vor der Katastrophe kommt. Ja, dieser Mann, der keiner Pointe aus dem Weg geht, ist ein Apokalyptiker. Schon weil sich ernst zu nehmen, nicht zuletzt bedeutet, die eigenen Anfänge ernst zu nehmen.

Bazon Brock wurde in den größtmöglichen Untergang hineingeboren: Mit neun Jahren Flucht vor der Roten Armee aus Pommern. Bomben auf Danzig. Hinrichtung des Vaters. Dänemark, aber kein rettendes Ufer. Flüchtlingslager. Geschwister verhungern. Tod der Großmutter bei dem Versuch, sich eines Übergriffs zu erwehren. Schleswig-Holstein. Wieder Lager, denn anders kann er diese Flüchtlings-Barackenstädte nicht nennen. Dann endlich diese Kleinstwohnung für seine Familie, die vor allem eins bedeutete: eine Adresse zu haben, eine Adresse im Leben.

Und immer wieder die Frage: Warum? Sechs Gleise führten nach Auschwitz. Warum, fragt Brock, hat niemand diese sechs Gleise bombardiert? Er verstand es damals nicht. Er versteht es noch immer nicht. Damals spürte er, dass Menschen die Begabung fehlt, das Nächstliegende zu fragen. Er würde ein Frager nach dem Nächstliegenden werden. „Ich war ein Reaktionsbündel“, sagt er. Es ist die Grunderfahrung seiner Generation.

Vielleicht rührt daher sein Begriff menschlicher Gleichheit. Vielleicht ist das der Kommunismus eines Denkers der Ungleichheit: Auch das, worin wir uns unterscheiden, ist begrenzt. Man verkennt es nicht ungestraft. Wenn Menschen 800-mal mehr verdienen als andere, ist dieses Wissen längst unterlaufen. Brock glaubt, dass der Unterschied zwischen einem Professor und einem Straßenkehrer nicht so groß ist wie allgemein angenommen. Wahrscheinlich würde er den Straßenkehrer vorziehen, auch weil sich unter denen weniger Idioten befinden. Im Übrigen hält er am klassischen Begriff des Idioten fest. Für die Griechen war das einer, der sich um die Belange der Polis nicht bekümmert, der Privatmann.

Die Gremien- und Kommissionsphilosophen, die Verantwortungsethiker mit den ernsten Gesichtern mögen ihn für einen intellektuellen Spaßmacher halten, für einen Theorieclown. Überhaupt all jene, die meinen, der Witz sei nur eine Erholungspause des Denkens. Witzig, also unernst? An Bazon Brock lässt sich nicht zuletzt lernen, dass das Gegenteil der Fall ist. Der Spaß als Indikator für den Ernst der Sache. Der Brock’sche Witz ist ein sokratischer Witz.

Wahrscheinlich war es noch nie einfach, sich mit Sokrates zu unterhalten.

Müsste er mit seinem Anspruch auf die Wirklichkeit nicht einer Partei beitreten?

„Ja, natürlich“, antwortet Bazon Brock, „aber mich nimmt keine.“ Er habe es schon bei allen versucht. Bei der CDU. Bei der FDP, sehr lange bei der FDP. Wahrscheinlich ist Brock der Meinung, wo er ist, ist die Vernunft, also sei es egal, in welche Partei er und die Vernunft eintreten. Aber er schafft es nicht. Überhaupt sei es ihm in seinem ganzen Leben lediglich gelungen, Mitglied eines Tennisklubs zu werden. Und auch das nur auf Fürsprache seiner damaligen Frau, die sei achtfache deutsche Tennismeisterin gewesen.

Nicht die Spur eines Lächelns, als er das sagt. Es ist ihm wirklich ernst. Wenn eine Bazon Brock’sche Klage vorstellbar wäre, dann würde dies eine werden. 2800 öffentliche Auftritte habe er absolviert. Brock rechnet aus, wie oft er hätte ausgezeichnet werden müssen, rein statistisch gesehen. In seinem Blick steht nicht der Anflug von Ironie, als er die Bilanz verkündet: „In meinem ganzen Leben habe ich nie auch nur einen Preis bekommen!“ Vollkommen klar, kein Sokrates wird ausgezeichnet, der andere wurde noch zum Tode verurteilt, aber was ist mit dem Bundesverdienstkreuz?

„Das kann ich erklären“, sagt Brock. „Das hat mir Rau eingebrockt. Einem deutschen Intellektuellen, der das Bundesverdienstkreuz bekommt, glaubt man kein Wort mehr. Das war Absicht!“

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