Zeitung Heute : Doktor Mogel

Plagiator Putin: Wie ein US-Forscher entdeckte, dass Russlands Präsident das zentrale Kapitel seiner Dissertation abgeschrieben hat

Christoph Marschall[Washington]

Das Zimmer verrät den Russlandfreund. Rechts neben der Tür hängt folkloristischer Wandschmuck aus Ischewsk, der Heimat des weltbekannten Waffenkonstrukteurs Michail Kalaschnikow. Über die Wände sind Zettel mit Sinnsprüchen in kyrillischer Schrift verteilt, darunter berühmte Leninzitate.

Den L-förmigen Schreibtisch bedecken Papierstapel, Schautafeln für Vorträge, Pappordner, aufgeschlagene Bücher – die Unterlagen, die den Namen Clifford Gaddy in diesen Tagen rund um die Welt bekannt machen werden. Sie beweisen: Russlands Präsident Wladimir Putin hat bei seiner Doktorarbeit gemogelt. Das zentrale Kapitel hat er aus einem amerikanischen Lehrbuch abgeschrieben, fast Wort für Wort. Mehrere Illustrationen hat er gleich mit kopiert, ohne die wahre Quelle anzugeben. Wladimir Putin – ein Plagiator. Das ist eine Sensation wenige Wochen vor dem G-8-Gipfel in St. Petersburg, den Gastgeber Putin, ausgerechnet, dem Thema Bildung widmen möchte.

Die Nachricht hat schnell ihren Weg um den Globus gefunden. Die Geschichte, wie Clifford Gaddy dem russischen Präsidenten auf die Schliche kam, ist allerdings ebenso spannend wie die Entdeckung selbst. Und sie ist zugleich die beste Antwort auf all die Spekulationen, die sich an die Nachricht knüpfen, vor allem in Russland: Wer ist dieser Amerikaner? Warum kommt diese Enthüllung gerade jetzt, will das Weiße Haus den G-8-Gipfel torpedieren? Steckt Gaddy mit der CIA unter einer Decke? Oder mit Putins innenpolitischen Gegnern in Russland? Und: Hat Putin womöglich gar nicht selbst abgeschrieben, sondern die ganze Doktorarbeit von einem bezahlten Ghostwriter anfertigen lassen?

Über die Verschwörungstheorien kann Gaddy nur lachen. Er in Diensten der CIA oder der Bush-Regierung? Wo doch ein Blick ins Internet reicht, um herauszufinden, dass er im Protest gegen den Vietnamkrieg aufgewachsen ist und schon seit Jahren bei Brookings, einer angesehenen, regierungsfernen Denkfabrik in Washington, als Russlandspezialist arbeitet.

Gaddy ist ein sportlich schlanker 59-Jähriger mit kurzen grauen Haaren und einer schmalrandigen Metallbrille. Er spricht ruhig, lächelt gerne, während er die mit Leuchtstift markierten Belegstellen in Putins Arbeit erläutert. Er kann es ja selbst kaum fassen, dass ausgerechnet er die verdeckten akademischen Methoden des ehemaligen KGB-Manns Putin enttarnt hat. Und fragt andersherum: „Warum erst ich?“ Ein Jahrzehnt ist es her, dass Putin mit der Arbeit über „Strategisches Planen bei der Nutzung der Rohstoffbasis einer Region in Zeiten der Entstehung von Marktmechanismen (St. Petersburg und Leningrader Gebiet)“ promovierte. 1997 wurde sie veröffentlicht. 44 Jahre alt war er da. Ungezählte Wissenschaftler und Publizisten haben Putin-Biografien geschrieben. Aber keiner scheint sich für die Doktorarbeit interessiert zu haben. Auch die Widersprüche, die sich um Putins Abschluss ranken, hatten niemanden neugierig gemacht. Auf Putins offizieller russischen Webseite steht, er habe ein abgeschlossenes Ökonomiestudium – „Kandidat ekonomitscheskich nauk“ liest Gaddy vor –, in der englischen Fassung aber heißt es, er habe einen Doktortitel. In seiner autorisierten Biografie „Ot pierwowo litsa“ (sinngemäß „Der Erste“) werde die Frage ausgespart. Das findet Gaddy erstaunlich. Schließlich wollte sich der damals weitgehend unbekannte Putin den Russen mit den vielen persönlichen Informationen in dem Buch für die Präsidentenwahl 2000 vorstellen.

Gaddy möchte keinen seiner Kollegen Russlandforscher direkt kritisieren. Aber man versteht: Seine Nachforschungen haben nicht nur den Glauben an die Gründlichkeit der akademischen Arbeitsweise Putins erschüttert. Von allen ihm bekannten Putin-Biografen hat offenbar nur „Washington-Post“-Reporter David Hoffman die Dissertation in der Hand gehabt: bei einem Besuch im Petersburger Bergbau-Institut. Rektor Wladimir Litwinenko, Putins Doktorvater und späterer Wahlkampfleiter, habe ihn das Buch durchblättern lassen, mehr nicht. Andere Biografen haben angedeutet, Putins Doktorarbeit sei „für Sterbliche nicht erreichbar“. Gemessen daran war es für Gaddy erstaunlich leicht, ein Exemplar aufzutreiben.

Klein, aber fein ist Gaddys Arbeitsplatz in Washington, nur etwa drei mal vier Meter. Er schiebt die Papierstapel auf der Schreibtischplatte zur Seite und zieht die 218 kopierten Seiten aus einem hellblauen Pappordner. Das Deckblatt trägt die handschriftliche Kennung 61:97-8/748-7. PUTIN, Wladimir Wladimirowitsch steht ganz oben, darunter die Unterschrift des Kandidaten.

Gaddy stammt aus Winston-Salem, einer Stadt mit 185 000 Einwohnern in North Carolina. An der dortigen Hochschule hat er studiert, später an der Duke-University. Die Sowjetunion besuchte er 1967 erstmals als Tourist. Er war gerade Austauschstudent in Wien und begann dort, Russisch zu lernen. Nach der Rückkehr in die USA baute er die Spezialisierung aus. 1991 kam er zu Brookings, direkt von einem Forschungsaufenthalt in Moskau.

Wie er genau an die Kopien kam, möchte Gaddy nicht veröffentlicht sehen – damit seine russischen Helfer nicht in Gefahr kommen. „Sehen Sie es wie beim Rugby oder Fußball. Ich ziehe die Fouls auf mich, damit die Mitspieler unbehelligt bleiben.“ Hat er keine Angst, dass jemand ihm drohen oder die Unterlagen verschwinden lassen könnte? „Zu spät. Ich habe elektronische Kopien an Freunde verschickt.“

Nennen wir seine russischen Helfer in Washington und Moskau einfach „Sascha“ und „Sergej“. Sie machten eine Kopie der Arbeit in einer öffentlichen Moskauer Bibliothek ausfindig. „Sascha“ schickte „Sergej“ hin, der ließ sich Kopien anfertigen – was „weniger als den Preis einer Flasche Bourbon“ kostete –, scannte sie in seinen Computer ein und schickte die Datei per E-Mail nach Washington. „Keine 24 Stunden vergingen von unserer telefonischen Bitte nach Moskau, bis wir die Kopien hier ausdrucken konnten.“

„Todlangweilig“ fand Gaddy die Lektüre zunächst, „kein einziger origineller Gedanke.“ Doch Kapitel zwei sticht erkennbar heraus, im Stil wie im Gedankengang. Es fehlten jedoch konkrete Verweise. „Die Dissertation hat nicht eine Fußnote. Das ganze Werk ist erkennbar die Arbeit eines Mannes, der nicht mit akademischen Regeln vertraut ist.“ Eine Fährte jedoch gab es: am Ende des dritten Absatzes, Seite 61, den in eckige Klammern gesetzten Verweis auf die Literaturliste. Dort findet sich die russische Übersetzung eines amerikanischen Lehrbuchs: „Strategic Planning and Policy“ von William R. King und David I. Cleland, University of Pittsburgh 1978. Für drei Dollar erwarb Gaddy eine antiquarische Kopie der englischen Ausgabe – und fand beim Blättern ziemlich schnell die Passagen. Heute ist Gaddy sicher: „Dieses Buch hat Putin zu seinem Verständnis von Führung gebracht.“

Nun ging es aber noch um die Frage: Hat der Autor einen Gedankengang, der ihn offenbar faszinierte, paraphrasierend nacherzählt – oder richtiggehend abgeschrieben? Für die Antwort brauchte Gaddy die russische Übersetzung des amerikanischen Buches. Wieder wurde die Verbindung „Sascha“ und „Sergej“genutzt. Als Gaddy die Kopien des russischen Lehrbuchs neben die von Putins Doktorarbeit legte, war rasch klar: Der Autor hat ganze Passagen Wort für Wort übernommen, insgesamt mehr als 16 Seiten und dazu sechs Diagramme. „Das ist ein Plagiat, er verschweigt die wahren Autoren.“ Wenn Gaddy das Ausmaß demonstriert, hebt er inzwischen die Passagen hervor, die nicht abgeschrieben sind. Das sei der geringere Teil von Kapitel zwei.

Gaddy ist sich inzwischen sicher, dass Putin selbst der Täter war. Dass er jemand anderen für die Abfassung seiner Doktorarbeit bezahlte, hält er für wenig glaubwürdig. „Eine Auftragsarbeit hätte eine höhere Qualität gehabt.“ Und ein professioneller Plagiator hätte die Spuren verwischt. „Ohne den Buchverweis hätte es niemand gemerkt.“ Putin sei das Ausmaß seines Betrugs vielleicht gar nicht bewusst gewesen. „Er ist kein Wissenschaftler.“

Allerdings glaubt Gaddy, dass Putin ein schlechtes Gewissen plage. Diesen Eindruck hat er im September 2005 bei einer Konferenz in Moskau gewonnen, zu deren Programm eine Diskussion mit Putin im Kreml gehörte. Gaddy fragte Putin nach der Bedeutung des strategischen Planens in seinem Denken. „Als ich seine Dissertation erwähnte, wurde er steif. Erst dachte ich, ich bilde mir das ein. Aber später wollten andere Teilnehmer wissen: Was ist denn da los?“ Putin habe ausweichend geantwortet.

Über die politischen Folgen seiner Entdeckung möchte Gaddy nicht spekulieren. „Die Russen haben ihn nicht wegen seiner wissenschaftlichen Leistung gewählt.“ Ob der erschwindelte Titel Putins Integrität in Frage stelle, „auch das müssen die Russen entscheiden“. Er will nicht zu den überheblichen Russlandkritikern im Westen gehören. In den USA betätigen sich Politiker ebenfalls als Plagiatoren. Der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden, zum Beispiel, wurde 1988 ertappt, dass er Redepassagen von John F. Kennedy und dem Briten Neil Kinnock übernahm. „Das war zwar das Ende seiner Präsidentschaftsambitionen. Aber er ist immer noch Senator.“

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