Zeitung Heute : Domink Grafs TV-Thriller weckt leise Zweifel am Idyll

Michael Burucker

Wenn Dominik Graf einen Film wie einen Werbespot für Frühstücksmargarine beginnen lässt, ist klar, dass die Harmonie nicht lange andauern wird. Allzu fürsorglich liest Manfred Kemp (Tobias Moretti) seiner Gattin die Wünsche von den Augen ab, allzu harmonisch beginnt ihr 36. Geburtstag - "Deine besten Jahre" (Arte, 20 Uhr 45) - im Kreis der Familie. Unruhiger Schnitt, unvermittelte Wechsel der Perspektiven und Tempi: Leise sät Graf die Zweifel am Idyll.

Noch glaubt Vera Kemp (Martina Gedeck), Erbin des Unternehmens ihres tödlich verunglückten Vaters, glücklich zu sein. Während ihr Mann die Geschäfte führt, zieht sie sich am liebsten in den Elfenbeinturm der Kunst zurück. Das gegenwärtige Thema der Kunsthistorikerin, "Kinderbildnisse im Mittelalter", scheint den heraufziehenden Albtraum bereits anzukündigen. Ist nicht auch ihr der eigene Sohn so fremd wie Kinder den Menschen im Mittelalter, die ihr in deren Darstellungen als "kleine Greise" erscheinen? Wie fern sie der mit ihr scheinbar so innig verbundenen Familie steht, wird ihr jäh bewusst, als sich eine Fremde ihr gegenüber als die Geliebte ihres Mannes ausgibt. Sie reagiert ungläubig, stellt ihren Mann aber nicht zur Rede, sondern versucht, die eingerostete Liebe neu zu entfachen. Noch bevor sie jedoch ihre Eheprobleme klären kann, verliert sie Mann und Sohn wie einst die Eltern durch einen Autounfall. Danach ist nichts mehr wie zuvor. Auch vom Rest der Kemp-Dynastie entfremdet sie sich nun; die innere Einsamkeit wird schließlich zur Realität.

Lange schwelende Familienkonflikte brechen auf, ein verbissenes Ringen um das Erbe beginnt. Wie auch für Dominik Grafs letzten Fernsehfilm "Bittere Unschuld", schrieb wieder Markus Busch das Drehbuch. Doch stehen hier weniger die Handlung als die inneren Konflikte der Hauptfigur im Mittelpunkt. So bemerkenswert wie Grafs suggestive Bilderwelt, die mit den Ängsten der Hauptfigur korrespondiert, ist Martina Gedecks filigranes Psychogramm der Frau, der - mitten im Leben stehend - allmählich der Boden entgleitet.

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