Zeitung Heute : Domino Day

Markus Ehrenberg

Mal ehrlich: Nach dem 11. September haben die meisten beim Einstieg ins Flugzeug ein mulmiges Gefühl. Sieht der arabische Passagier, der mit den beiden Gipsarmen, nicht verdächtig aus? Komme ich heil wieder herunter? Die reale Welt - ein einziges Bedrohungsszenario. Die Computerwelt dagegen - wie schön, wie körperlos, alles von zu Hause aus. Keine Entführungen. Kein Spiel um Leben und Tod. Sicher, hin und wieder gibt es einen Computervirus, der Bilder von der Festplatte fegt. Doch geht das als privater Spaß durch, meistens jedenfalls. Terror fängt woanders an. Wie bedrohlich wäre es, wenn Osama bin Laden am Ende seiner Kräfte noch eine Cyber-Attacke aus dem Ärmel schüttelt? Fällt nach Sabotageakten der Strom aus? Danach das Telefonnetz, die Flugsicherung? Oder ist das alles Panikmache von überdrehten Sicherheitsberatern? Fragen über Fragen. Um Antworten zu bekommen, schlüpfen Vertreter von Banken, Verbänden und Ministerien nächste Woche in die Haut von Cyberterroristen.

Eine filmreife Vorstellung für einen Internet-Krieg. Tatort ist das Zentrum für Europäische Strategieforschung in Ottobrunn bei München, vom 12. bis 14. November. Waffen sind ein paar Computer und Telefonkabel. Angreifer Vertreter von rund 40 staatlichen und privaten Organisationen und Unternehmen - Siemens, Lufthansa, Deutsche Bahn -, die sich in dem Arbeitskreis "Schutz kritischer IT-Infrastrukturen" (AKSIS) zusammengeschlossen haben.

Die mehrtägige Simulation unter den Augen von Polizei, Flughäfen, Stromversorgern und Bundesministerien ist schon seit geraumer Zeit geplant, hat aber seit dem Terroranschlag auf Amerika eine neue Dimension erhalten. Wenn Menschen mit Passagierflugzeugen in Wolkenkratzer fliegen und Milzbranderreger verschicken können, sollte ein Mausklick, der ein ganzes Land lahm legt, kein moralisches Problem sein. Ein technisches schon gar nicht. Die Horrorszenarien des so genannten Cyberwars klingen nach dem 11. September nicht mehr so abwegig wie noch zu Jahresbeginn.

Das Szenario geht davon aus, dass eine "mafiose, international operierende Gruppe" Deutschland erpressen will - per Kabel und Internet. Die Gruppe hackt sich in die Rechner eines Berliner Stromversorgers ein. Der Strom fällt aus. Um das Krisenmanagement auszuschalten, blockieren die Terroristen durch automatische Wiederwahl das Telefonnetz. Schließlich lässt ein eingeschleuster Saboteur die Rechner einer Großbank abstürzen. Ähnlich ergeht es der Flugsicherung und dem Rechenzentrum einer Großbank. Das wirtschaftliche und öffentliche Leben ist zusammengebrochen. Der klassische Domino-Effekt.

Verschlossene Türen

Wie diese Sabotage, eine Mischung aus virtuellen und reellen Elementen, und wie die Abwehrmechanismen konkret aussehen, darüber lassen sich die Teilnehmer nicht aus. Die Öffentlichkeit wird ausgeschlossen. Der geprobte Cyberwar findet hinter verschlossenen Türen statt. Es gilt strikte Geheimhaltung, fast so wie bei den amerikanschen Operationen in Afghanistan. Unklar bleibt, ob bei diesem Krieg die deutsche Hauptstadt angegriffen werden soll. Wahrscheinlich ist es. "Wir simulieren den Angriff in einem großen Ballungszentrum. Die beteiligten Großfirmen haben ein Interesse daran, dass nicht gleich alle Schwachstellen über die Medien nach draußen dringen, sonst könnten die Firmen ja gleich dicht machen", sagt Reinhard Hutter, Leiter Informationstechnik bei der Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH in Ottobrunn.

Hutter ist Initiator der Livesimulation. Seine Stimme klingt etwas gereizt - nach dem 11. September haben ihm die Medien die Türen eingerannt. Der allgegenwärtige Terror. Plötzlich scheint alles möglich. Über den Cyberwar berichten Nachrichtensendungen. Wir schalten von New York nach Ottobrunn. Gut gegen Böse, nun auch im Internet. Schnell ist die Rede von der Fortsetzung des Terrorismus mit elektronischen Mitteln. Zu schnell? Sollten wir vielleicht gar nicht mehr in den Himmel nach Flugzeugen und Sky Marshalls schauen, kommt die terroristische Gefahr demnächst aus dem Internet? Stehen wir kurz vor einem Cyberwar? "Nein, das glaube ich nicht", sagt Reinhard Hutter. "Die Bewusstseinslage in Sachen IT-Sicherheit hat sich in den vergangenen Wochen nicht grundlegend geändert. Natürlich hat sich die Bedeutung unseres Szenarios seit der Katastrophe in New York verschoben, aber wir betreiben keine Panikmache. Das Szenario war auch schon vor dem 11. September kritisch genug." Der Bundesregierung ist das Bedrohungspotenzial bereits seit Jahren bekannt. Es gibt Arbeitsgruppen. Außerdem kämen für solche Cyberattacken auch militante Globalisierungsgegner als Täter in Frage, in Zukunft wohl auch Rechtsextreme, so Hutter.

Ob nun islamische Terrorgruppen tatsächlich über das Know-how verfügen, das Internet und kritische Infrastrukturen lahm zu legen? Experten halten das für unwahrscheinlich. Sicher ist die Variante von außen: Wie auf jedes Atomkraftwerk kann auch auf den Internet-Knotenpunkt Decix in Frankfurt eine Bombe geworfen werden. Dann würde im deutschen Teil des Internet gar nichts mehr laufen. Innerhalb der Computernetze rechnet Klaus Brunnstein, IT-Sicherheitsexperte und Informatikprofessor an der Uni Hamburg, nicht mit einer solchen Durchschlagskraft . Noch nicht. "Es gibt keinerlei Hinweis, dass die Attentäter in den USA, die durchaus E-Mail und Internet benutzt haben, auch nur ansatzweise die Kompetenz gehabt hätten, einen nachhaltigen Schaden in Netzen anzurichten. Höchstens Ansätze für Techniken, mit denen das Internet sowie Firmen-Intranets geflutet und massiv gestört werden könnten."

Vielleicht sind die Cyber-Terroristen von Ottobrunn schon kompetenter. Aber die werden ja auch von IT-Experten gespielt. Die AKSIS will die Öffentlichkeit über den Stand der Dinge informieren, nach dem Gefahrenspiel in der nächsten Woche, sagt Reinhard Hutter. "Wenn es gut läuft."

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