Dominoeffekt : Stolpern im Spinnennetz

Helmut Schümann

Weil so was immer von so was kommt, dürfte es in Kürze eine Menge Rechtsstreitigkeiten geben. Wenn B auf A auffährt, ist die Schuldfrage eindeutig, dann hat B schlechte Karten. Was aber, wenn B geschoben worden ist von C, und C wiederum von D und D von E? Und was, wenn am Ende Z wohl Ypsilon auf X gedrückt hat, aber seinerseits von einem Nachfolger auf der A 2 zwischen Hannover und Braunschweig angeschubst wurde, für den wir nur keinen Buchstaben mehr finden, weil unser Alphabet davon nur 26 hat (plus der drei Umlaute) und nicht, wie es erforderlich gewesen wäre, 259? Oder anders gefragt: Wann reißt so eine Kausalitätskette?

In Karlsruhe nun hat eine Frau das Prinzip, wonach man nicht reingetreten wäre, wenn der Hund kein Häufchen gemacht hätte, vorangetrieben und auf das große Reich der Insekten übertragen. Wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings schon auf der anderen Seite der Erde einen Tsunami auslösen kann, was vermag dann erst eine Spinne mit ihren vielen Beinen und der Fähigkeit zum Netzbau?

Im Einzelnen: Die Frau wollte mit ihrem Auto fahren. Dazu ging sie in die Tiefgarage. Beim Einsteigen erblickte sie in Kopfhöhe ein Spinnennetz mitsamt seiner Bewohnerin. Weil sie keine Spinne in ihrer Tiefgarage vermutete, erschrak sie (und bitte jetzt keine dummen Bemerkungen, es hat auch schon Männer gegeben, die Spinnen nicht mögen). Weil die Frau erschrak, stürzte sie. Weil sie stürzte, brach sie sich das Handgelenk. Mit dem gebrochenen Handgelenk konnte sie den weiteren Sturz nicht abfangen. Deswegen zog sie sich eine Beckenprellung zu. So geschwächt, krachte sie mit dem Gesicht auf den Boden, was eine Prellung der rechten Gesichtshälfte zur Folge hatte. So was kommt von so was.

Aber wer oder was ist so was? Was war am Anfang, die Spinne? Und wenn, sind Spinnen satisfaktionsfähig? Ist Gott schuldig, weil der die Spinne so erschreckend erschaffen hat? Auch der ist nicht vor den Kadi zu ziehen. Also verklagte die Frau den Hausmeisterservice, weil der die fiese Spinne mit ihrem Netz nicht beseitigt hatte. 6000 Euro Schmerzensgeld wollte sie und Schadenersatz. Keine Spinne, kein Schrecken, kein Sturz, keine Verletzung. Die Klage wurde abgewiesen. Woran man sieht, dass es zum Zerreißen einer Kausalitätskette mitunter lediglich eines klugen und vernunftbegabten Richters bedarf.Helmut Schümann

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