Zeitung Heute : Dominos Jagdgründe

Torsten Hampel

Sie ahnte nun, was möglicherweise auf sie zukommen würde, gerade entlassen aus der Untersuchungshaft im Metropolitan Detention Center, 535 North Alameda Street, Downtown Los Angeles, die Zelle geteilt mit einer Frau, die ihren Mann getötet und in Teile zerschnitten hatte. Das Gerichtsverfahren würde bald beginnen, noch ein paar Tage, dann würde sie nach Gulfport, Mississippi reisen müssen und dem Richter dabei zuhören, wie er die Anklage vorliest und die erste Frage stellt, „schuldig oder nicht schuldig?“. Sie hatte vor, „nicht schuldig“ zu antworten und dann die Geschworenen davon zu überzeugen, dass es auch so ist. Dass sie das Opfer einer Verschwörung ist.

Sie war sehr in Sorge, sagen die, die ihr in jenen Tagen begegneten, sie hatte Angst vor dem Gefängnis. Aber sie machte endlich auch wieder Pläne.

Domino Harvey, 35, draußen auf Kaution, rief alte Freunde an. Irgendetwas sollte anfangen, eine Art von Zukunft, die mit dem Gesetz vereinbar ist. Vom Heroin und dem Koks und den Tabletten wollte sie nun endgültig loskommen und wieder das tun, was sie am besten konnte: Verbrecher fangen. Sie rief Steve Jones an, ehemals Gitarrist der Punkrockband The Sex Pistols, Junkie, Alkoholiker, aber schon 20 Jahre lang drogenfrei. Sie sagte, sie sei auch endlich clean, ob sie sich nicht wieder einmal treffen wollten, ob er sie nicht begleiten wolle zum nächsten Treffen einer Anonyme-Alkoholiker-Selbsthilfegruppe. Sie rief Ed Martinez an, ihren alten Partner, ein Kopfgeldjäger wie sie, ob er gerade an einem neuen Fall arbeiten würde und vielleicht Verwendung für sie hätte. Beide hörten zu und antworteten mit Ja.

Jones vier Tage, Martinez ein paar Stunden vor Harveys Tod.

Domino Harvey ist auf einem Friedhof in Los Angeles begraben, geboren wurde sie in London. Ihr Leben, die Jahre zwischen dem 7. August 1969 und dem 27. Juni 2005, verlief eigentlich wie das der meisten Leute, es war die dauernde Abfolge von ein wenig Glück, vor allem aber von Zusammenbrüchen und wieder etwas Linderung, nur begann es vielversprechender als üblich, und es endete auch schneller. Und – vielleicht besteht da ein Zusammenhang – es war dazwischen, an manchen Stellen, mehr los.

Es war ein sehr amerikanisches Leben, so, wie man es kaum noch für möglich hält: in den Westen gehen, dahin, wo er noch wild ist, und für Recht und Ordnung sorgen. Und dann irgendwann die Grenze zum Unrecht und zur Unordnung übertreten, weil man sie gar nicht mehr sieht. Weil man immer viel zu nah dran war.

Aus der Anklageschrift: „Die Angeklagten Eric D. Pae alias Mike Lee alias Eric Liu alias Eric Dongkul Pac und Domino Harvey haben von Februar 2004 bis April 2005 wissentlich und vorsätzlich 500 Gramm einer Methamphetamin-Mischung und 50 Gramm reines Methamphetamin besessen, um es wissentlich und vorsätzlich zu verkaufen.“

Methamphetamin: Auf dem Schwarzmarkt erhältlich als Crystal oder Crystal Meth, fünfmal stärker als Speed, es wird in der Regel geschnupft, kann aber auch geschluckt werden. Wirkungseintritt nach drei bis 30 Minuten, es führt zur Freisetzung von körpereigenem Adrenalin und Dopamin, daher: erhöhte Aufmerksamkeit, gesteigerte Leistungsfähigkeit, unterdrücktes Hunger- und Schlafbedürfnis, Wohlbefinden, Zufriedenheit, gesteigertes Selbstbewusstsein. Bei hoher Dosierung kann es zu Sinnestäuschungen kommen.

Es war das zweite Mal, dass Harvey von der Polizei mit Methamphetamin-Besitz in Verbindung gebracht worden war. Zwei Jahre zuvor hatte das Gericht sie noch gehen lassen, sie war Ersttäterin, jetzt aber wäre es ernst geworden. Wiederholungstat, eine solch große Rauschgiftmenge, bis zu zehn Jahre Gefängnis stehen darauf. Eric D. Pae ist bis heute auf der Flucht.

Domino Harvey war das Kind von Paulene Stone und Laurence Harvey, reiche und berühmte Leute, Mutter wunderschön und Fotomodell, mehrmals auf der Titelseite der „Vogue“, Vater ein großer Schauspieler, eine Oscar-Nominierung, er drehte Filme mit Elizabeth Taylor, Simone Signoret, John Wayne, Frank Sinatra. Gestorben ist ihre Tochter, als Drogenhändlerin angeklagt, in der Badewanne an einer Überdosis Schmerzmittel.

Der Gerichtsmediziner von Los Angeles County kann nicht genau sagen, ob es ein Unfall war oder Selbstmord, aber vieles – bis auf die Frage, wie die Schmerzmittel ins Haus kamen – spreche für einen Unfall. Paulene Stone, die Mutter, berichtet von einer Nachricht auf ihrem Anrufbeantworter, hinterlassen von Domino an ihrem Todestag. Es gehe ihr gut, sagt sie da. Sie hatte gerade vier Leute eingestellt, die abwechselnd bei ihr wohnten und darauf achten sollten, dass sie kein Rauschgift nimmt. „Ich bin begeistert von denen, alles ist gut, sie sind sehr, sehr nett. Mami, mach dir keine Sorgen.“

Harveys Anwalt Michael Mayock sagt, sie hätte schon Vorbereitungen dafür getroffen, dass ihr Pitbullterrier Blue mit nach Gulfport zum Prozess kommen könnte. Mayock sagt: „Sie sah nicht gut aus in der letzten Zeit, raspelkurzes Haar, im Gefängnisbesuchsraum trug sie schmutzigbraune T-Shirts und braune Hosen. Aber jemand, der sich so um seinen Hund sorgt, der tötet sich nicht.“ Mayock ist 61, er hat Erfahrung, es klingt so, als meine er es ernst.

London in den 70er Jahren. Der Vater ist selten da, er fährt um die Welt und dreht Kinofilme. Er stirbt, als Domino vier Jahre alt ist. Die Mutter heiratet erneut, wieder einen reichen Mann, und zieht nach Beverly Hills, das Kind bleibt zurück in England, geht auf Internate, eins nach dem anderen. Es ist 15, als auch der Direktor des vierten sagt, Domino, du musst gehen, du machst zu viel Ärger. Domino hat Kampfkünste trainiert und sie auch angewandt. Später sagt sie einmal: „Wenn du jung bist und die Eltern weg, musst du selbst für dich sorgen.“ Ein Satz, der gut in den Dschungel passt, oder nach Amerika.

Sie bezieht eine Wohnung im Londoner Stadtteil Notting Hill, bedruckt T-Shirts mit der Aufschrift „Love“ und verkauft sie auf Flohmärkten, besucht eine Kunstschule, betreibt einen Nachtklub und erzählt Reportern gelegentlich die Geschichte, sie sei Fotomodell wie ihre Mutter. Angestellt bei der berühmten Ford-Fotomodellagentur. Freunde aus der damaligen Zeit sagen, das stimme nicht, und bei Ford kann sich niemand an eine Domino Harvey erinnern.

1989 folgt sie ihrer Mutter, geht nach Los Angeles. Zwei Jahre später lebt sie 100 Meilen weiter südlich, in den Bergen bei San Diego, auf einer Ranch. Zu Hause erzählt sie, sie sei dort Erntehelferin. Auf die Frage, warum sie weggegangen sei aus dem wunderschönen Haus der Mutter und raus aufs Land, sagt sie einer britischen Zeitung: „Eines Nachts wusste ich, mein Leben ist ohne Sinn.“ Sie habe endlich etwas Nützliches tun wollen.

Harvey wird in ihrem Leben noch sehr viel Nützliches tun, auch für andere, der Aufenthalt auf der Ranch aber dient erst einmal ihr selbst. Die Ranch heißt Flying-Cloud-Ranch, und es ist kein Landwirtschaftsbetrieb, sondern eine Drogenentzugsanstalt. Die Therapeutin ist mittlerweile weggezogen, nach Alabama. Man kann sie anrufen, sie ist sehr freundlich, doch erzählen will sie nichts, Schweigepflicht.

Harvey zieht weiter, 60 Meilen ostwärts, in das Kaff Boulevard, mitten in der Wüste, die Grenze zu Mexiko ist nicht weit. Sie arbeitet bei der Feuerwehr, ein Jahr bleibt sie dort. An Boulevard führt ein Highway vorbei. Immer dann, wenn es dort einen Unfall gibt, fahren sie und ihre Kollegen raus und schneiden Verletzte aus den eingedrückten Autos. Sie sieht viel Blut.

Es gibt einen Schnapsladen in Boulevard, einen kleinen Supermarkt, einen umzäunten Parkplatz, auf dem die Geländewagen der Grenzpolizei verstauben, und ein Motel. Vor dem Gemeindezentrum, wo das Büro des Sheriffs und ein Gebetsraum untergebracht sind, steht ein roter Jeep, an der hinteren Stoßstange ein Aufkleber: „Gott, Knarren und Eier – lasst uns das bewahren“.

Der Mann im Schnapsladen warnt Fremde vor dem Ort, es leben viele nur deshalb hier in dieser gottverlassenen Wüste, sagt er, weil sie mit anderen Menschen nicht klarkämen. Leute, die woanders Ärger gehabt haben und hergezogen sind, damit sie niemandem mehr begegnen müssen. „Kranke Köpfe, die Hitze tut ein Übriges.“ An Harvey erinnert er sich nicht. „Hier bleibt ja keiner lange“, sagt er, doch es gibt zwei, die damals, 1992, auch bei der Feuerwehr gearbeitet haben und immer noch hier sind.

Der eine, heute Marshall bei der Grenzpolizei, ist gerade im Urlaub und nicht zu erreichen, er ist zum Schießen in die Berge gefahren. Der andere, damals Feuerwehrchef, braucht keine Berge dafür, und reden mag er auch nicht. Er wartet auf der Veranda seines Hauses mit einem Gewehr in der rechten Hand und schießt in die Luft, sobald ein Fremder sein Grundstück betritt.

Man kann nicht mehr sagen, warum Domino Harvey Boulevard so schnell verlassen hat und wieder nach Los Angeles zog, jeden Tag Sonne und 40 Grad machen die Birne weich, vielleicht mochte sie das nicht. Die Sache mit den Waffen muss ihr aber gefallen haben. Ihr Spitzname bei der Feuerwehr war Dagger – Dolch –, weil sie immer einen bei sich trug. In den Häusern und Zimmern, die sie in Kalifornien bewohnte, sollen überall Messer an den Wänden gehangen haben.

Die Sache mit den Waffen: Es gibt keinen ihrer Bekannten, der nicht davon spricht, und es gibt nur wenige, die mehr von Harvey preisgeben als das.

Los Angeles 1994, eine Anzeige in der „L. A. Times“. Bail Enforcement Agents, Kopfgeldjäger gesucht. Zwei-Wochen- Einführungskurs, 300 Dollar Gebühr, bitte melden bei der King Bail Bond Agency.

Harvey, die sich gerade erfolglos bei der Feuerwehr von Los Angeles beworben hat, kennt den Namen. Die Agentur ist berühmt in der Stadt. Celes King III., ihr Gründer, ist ein angesehener Mann. Domino Harvey zieht eine Tarnfarbenhose und ein Tarnfarben-T-Shirt an, hängt sich ein Halfter an den Gürtel und steckt ein Messer rein und macht sich auf den Weg. Der Kursleiter ist Ed Martinez, der Mann, an den sie sich kurz vor ihrem Tod wieder erinnerte.

Martinez, damals 43, Vietnamkriegsveteran, Kings bester Jäger, 2500 Entlaufene soll er wieder eingefangen haben. Die Büros der Agentur sind im Erdgeschoss eines Backsteinhauses in South Central Los Angeles, Martin Luther King Boulevard Ecke Denker Avenue, eine gewalttätige Gegend, Straßengangs überall. Man muss klingeln, es öffnet sich eine weißlackierte, mit Blechen beschlagene Eisengittertür, dann ist da gleich die nächste Tür aus braunem Glas, und drinnen, vor einer Art Bankschalter, sitzen sie dann, die Eltern, Freunde, Geschwister von Kriminellen, die auf ihr Gerichtsverfahren warten. Weiß ist hier keiner.

Harvey geht an ihnen vorbei, in ein Hinterzimmer, das ist der Seminarraum. Sie ist die einzige Frau, vorn vor der Klasse steht Martinez und erklärt das Rechtssystem der USA. Untersuchungshaft, ja, die gibt es, aber keine speziellen Untersuchungshaftanstalten. Wer seiner Prozesseröffnung entgegensieht, kommt in richtige Gefängnisse. Das ist hart, wegen Verkehrsdelikten Angeklagte sitzen dann unter Umständen monatelang mit Schwerverbrechern in einer Zelle, eine unverhältnismäßige Härte. Deshalb bietet das Rechtssystem die vorläufige Freilassung an, gegen eine Kaution. Die können die meisten aber nicht bezahlen.

Das tun dann Leute wie Celes King, Kautions-Agenten, Bail Bond Agents. Sie nehmen eine Gebühr von zehn Prozent und zahlen dann die Kaution. Verhält der Angeklagte sich anständig und geht zu seinem Prozess, wird die Kaution wieder an die Agentur ausgezahlt. Verhält der Angeklagte sich dagegen gangstertypisch und taucht unter, behält das Gericht das Geld. Weil die Kautions-Agenten das vermeiden wollen, lassen sie die Leute in solchen Fällen dann suchen, von Kopfgeldjägern. Die dürfen Waffen tragen, in fremde Wohnungen eindringen und Leute gefangen nehmen.

Harvey mag, was sie da hört, Martinez mag Harvey, fortan arbeiten sie zusammen. Martinez sagt, sie haben in den Jahren 1994 bis 1997 ungefähr 50 Flüchtige eingefangen, hunderte Türen eingetreten, Gewehrläufe in die Bäuche von Dealern, Straßengangbossen und Mördern gedrückt. Er sagt, sie habe es „geliebt, die Widerlinge dahin zurückzuholen, wo sie hingehören“.

An einzelne Erlebnisse erinnert Martinez sich kaum, es ist alles eine einzige Soße aus Schlaflosigkeit, Autofahrten und Angst geworden, aber halt: „Es gab mal eine Riesenschießerei in Texas“, sagt er am Telefon, genauer wird er dann doch nicht.

Das hat damit zu tun, dass Ed Martinez mittlerweile die meiste Zeit des Jahres bei der Marine arbeitet, oft ist er draußen auf dem Meer, und wenn er zu erreichen ist, dann auf seinen wenigen Landgängen. Da muss er sich dann allerdings um sein neues Haus kümmern, das alte stand bis zum letzten Jahr in New Orleans.

Ab 1997, dem Jahr von Martinez’ Wegzug aus Los Angeles, verliert sich Harveys Spur fast völlig. Sie hörte auf, für Celes King zu arbeiten, was sie spätestens seit 1995 auch nicht mehr nötig gehabt hätte. Der Filmregisseur Tony Scott war auf sie aufmerksam geworden, er hatte in einer Zeitung von ihr gelesen. Er kaufte ihr die Rechte an ihrer Lebensgeschichte ab, Jahr für Jahr bis zu ihrem Tod wurden 40 000 Dollar an Harvey überwiesen. Sie besuchte Scott regelmäßig, einmal war für zwei Stunden auch ein Drehbuchschreiber dabei. Er erinnert sich daran, dass Harvey damals Kaffee trank, rauchte und großartig aussah.

Es gab eine weitere Entziehungskur, ihre Mutter schickte sie in eine Klinik auf Hawaii. Nach ihrer Rückkehr im Jahr 2000 besuchte Harvey Computerkurse am Santa Monica College und der Universität von Kalifornien. Sie arbeitete als DJ in Nachtklubs in West Hollywood, ihre Mutter schenkte ihr und ihrer Schwester Sophie ein Haus in der Gegend, am Huntley Drive, einer schmalen schattigen Straße. Dort lebte Domino Harvey die letzten Jahre, dort starb sie.

Zur Beerdigung kam die Familie und einige Freunde. Der Sex-Pistols-Gitarrist, der Schauspieler Mickey Rourke und der Regisseur Tony Scott waren dabei. Ein paar Tage vor Harveys Tod war der Film fertig geworden. Rourke spielt Martinez. Der Film heißt „Domino“, in Amerika kam er letzten Herbst ins Kino, in Deutschland im Winter. Geworben wurde dafür mit dem Satz: „Eine wahre Geschichte. Irgendwie.“ ()

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar