Zeitung Heute : Dompteuse der Pilze

Christine Lang ist eine erfolgreiche Firmenchefin und lehrt zugleich an der Hochschule

Heiko Schwarzburger

Forscherin, Firmengründerin und nun auch Professorin: Der Lebenslauf von Christine Lang war alles andere als geradlinig. Doch die vielen Umwege und Schleifen kreisten stets um ihr wichtigstes Ziel. Sie wollte Mikroorganismen erforschen, um sie für die Medizin und die Ernährung zu zähmen.

Nun verfolgt sie dieses Ziel doppelgleisig. Die Gründerin und Geschäftsführerin der Organobalance GmbH erhielt an der TU Berlin eine außerplanmäßige Professur. „In dieser Position kann ich zwischen der Industrie und der akademischen Welt vermitteln“, sagt sie. „Da ergeben sich gemeinsame Forschungsprojekte, Studien- und Diplomarbeiten oder Praktika.“

Die Unternehmerin will den Studenten ein „möglichst breites Wissen vermitteln, entgegen dem Tunnelblick des Faches“, wie sie hervorhebt. „Angehende Ingenieure und Biotechnologen brauchen nicht nur Fachwissen, sie müssen sich auch über die Chancen und die Folgen ihrer Arbeit im Klaren sein.“ Etwa ein Dutzend Studenten betreut sie in diesem Semester, dazu vier Doktoranden. In der Firma führt sie derzeit 20 Mitarbeiter.

Als die Biologin vor dreißig Jahren in Bochum ihr Studium begann, steckten Molekularbiologie und Genomforschung noch in den Kinderschuhen. Deshalb zog es die junge Frau nach England, damals das Mekka dieser Forschungsrichtungen. Die Hochschule zu wechseln oder gar das Land – das machten seinerzeit nur wenig Studenten. Nach Bochum zurückgekehrt suchte sie sich für ihre Promotion ein ungewöhnliches Thema: die Molekulargenetik der Pilze.

1985 war die Doktorarbeit fertig. Danach wechselte sie von der Universität in die Wirtschaft. Sie ging zur Hüls Chemie Forschungsgesellschaft. Sie zog von Bochum nach Berlin, wo sie eine Arbeitsgruppe für Genetik und Molekulargenetik aufbaute und zehn Jahre lang leitete. Danach wechselte an die TU Berlin, um zu habilitieren.

Doch statt sich sofort auf einer Professur einzurichten, gründete sie 2001 zunächst die Firma Organobalance, die seitdem mikrobiologische Produkte für Gesundheit, Ernährung und Kosmetik entwickelt. Das Unternehmen nutzt probiotische Bakterien und Hefen, die ein Schutzschild etablieren und Störungen ausbalancieren können. Normalerweise halten sich nützliche Bakterien und böse Bazillen auf der Haut, im Darm oder auf den Schleimhäuten gegenseitig in Schach. Die Balance ist ausgeglichen. Nehmen die Störungen überhand, erkrankt der Mensch. Pickel und Schmerzen sind die Folge.

Die Wissenschaftler von OrganoBalance suchen quasi die Nadel im Heuhaufen, um die Abwehrkräfte des Menschen auf natürlichem Wege zu stärken. „Mit Hilfe probiotischer Mikroorganismen kann die Balance in vielen Fällen wieder hergestellt werden, ohne dass dafür aufwändige Therapien notwendig sind“, sagt die Wissenschaftlerin. „Die Leute vertrauen auf probiotische Joghurts, Vitamintabletten und Gesundheitstees. Auch für diese Märkte entwickeln wir neue Produkte und wissenschaftlich fundierte Lösungen.“

Organobalance hat seinen Sitz im Gründerzentrum an der Gustav-Meyer-Allee in Wedding. Die Firma erforscht dort auch, ob und wie man Milchsäurebakterien für neue Produkte in der Mundhygiene und Körperpflege einsetzen kann. Dabei bauen die Wissenschaftler auf eine große Sammlung von Bakterienstämmen. Sie nehmen den Kampf gegen die Erreger von Karies auf, verscheuchen Körpergeruch und regenerieren eine gesunde Hautflora. Das Unternehmen entwickelt die neuen Produkte für den BASF-Konzern in Ludwigshafen.

Als Professorin der TU Berlin und Firmenchefin steht sie kaum noch selbst im Labor. Statt dessen sitzt sie am Schreibtisch oder ist im Hörsaal – wieder so eine spannende Veränderung in ihrem Leben: „Das ist mein Weg. Ich versuche, meine Ideen so gut wie möglich umzusetzen“, erklärt Lang

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