Zeitung Heute : „Donald Duck hat mir die Welt erklärt“

Wim Wenders blickt auf sein Leben zurück und staunt: Als Kind hat er nur Lamas und Giraffen fotografiert.

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Wim Wenders ist einer der erfolgreichsten deutschen Filmemacher. Ende der 70er Jahre begann er, in den USA zu drehen, 1993 bekam er in Cannes die Goldene Palme. Am 25.8. läuft sein Film „Don’t Come Knocking“ an. Wenders lebt in Berlin und Los Angeles. Heute feierter seinen 60.

Interview: Christiane Peitz und Annabel Wahba Foto: Birgit Kleber Herr Wenders, Ihre Filme handeln oft von traurigen Menschen, die auf der Suche sind. Woher kommt Ihre Melancholie?

Vielleicht liegt es an meinen vielen Heimatorten. Wir sind sehr oft umgezogen. Mein Vater hat in verschiedenen Krankenhäusern gearbeitet, wir waren in Düsseldorf, in Koblenz, dann wieder in einem anderen Teil von Düsseldorf, dann in Oberhausen. Diese Orte waren immer vorübergehend. Und sie waren nicht schön. Es war überhaupt nicht schön in Deutschland. Die Leute, das merkte ich als Kind, wollten keine Vergangenheit haben. Es ging nur panisch nach vorne. Das Wirtschaftswunder war ein einziges „Raus-aus-der-Scheiße“. Es war schrecklich materialistisch. Es ging immer nur um solche Sachen: dass die Nachbarn einen Fernseher haben, wir aber noch nicht. Meine Kindersehnsucht war, dass ich mich auf etwas verlassen wollte. Aber das gab es nicht. Wir haben eine Weile irgendwo gewohnt, ich hatte Freunde, aber dann ging es wieder woanders hin, und da war es auch nicht toll.

Wo wären Sie als Kind gerne hingezogen?

Als ich fünf oder sechs war, etwa 1950, haben wir Ferien auf einem einsamen Bauernhof in der Eifel gemacht. Dort hat es mir gefallen. Es gab Fachwerkhäuser, alles war unglaublich alt, mindestens 100 Jahre. Im Bach habe ich Salamander gefangen, das war ein Traum. Zu Hause am Rhein, wo ich gespielt habe, standen nur Brückenstümpfe, und in der Straße Ruinen. Das Haus, in dem wir lebten, gab’s nur bis zur Hälfte. Wir wohnten im Untergeschoss, es gab zwei Stockwerke und das Dach war weg. Auch die Häuser daneben waren zerbombt. Als Kind denkt man, die ganze Welt ist so.

Stimmt es eigentlich, dass Sie einmal fast im Rhein ertrunken sind?

Ja, ich war dreieinhalb Jahre alt. Danach durfte ich nur noch bis zu den Knien ins Wasser, meine Mutter hatte nämlich zugesehen, wie ich meinem Vater vom Bauch runtergerutscht bin. Der ist immer in die Rheinmitte mit mir geschwommen, hat sich treiben lassen, und wir haben umsteigen geübt. Ich habe zuerst auf der Schulter gesessen oder hinten, mit den Beinen um ihn rum, wir waren ein gutes Team. Plötzlich war ich weg, mein Vater ist mir nachgetaucht und irgendwann hat er mich an den Haaren erwischt. Es war wohl sehr knapp.

In der deutschen Nachkriegsmelancholie war Amerika schon früh ein Fluchtpunkt für Sie.

Das fing mit den Illustrierten meiner Mutter an. Sie war sehr modebewusst, bis hin zu den Frisuren und den Badeanzügen. Und in ihren Zeitschriften waren Bilder von dem Land, wo das alles herkam. Wenn meine Mutter eine neue Frisur hatte, war die genau wie die Frisuren in den Magazinen. Es gab ja in den 50er Jahren schon eine globale Mode, geprägt von den amerikanischen Filmschauspielerinnen. Alle Mütter aus der Generation meiner Mutter sahen gleich aus. Wenn ich mir die Fotos von Sam Shepards Mutter angucke,…

… der das Drehbuch zu „Don’t Come Knocking“ geschrieben hat und die Hauptrolle spielt …

…weiß ich sofort, aus welchem Jahr das Bild stammt, denn meine Mutter sah in diesem Jahr genauso aus. Und dann erschienen ab 1952 in Deutschland die Mickey-Mouse-Hefte. Bis heute verdanke ich Donald Duck einen enormen Teil meines Wissens über die Welt. Dagobert mit seinem Reichtum, die Limousinen, die Armen. Es gab also nicht nur die heile Welt in diesem kapitalistischen Amerika.

Sie haben einmal gesagt, Sie sind ein Zigeuner. Schon als Kind wollten Sie immer weg.

Reisen war einfach das Größte. Allein unterwegs war ich zum ersten Mal kurz vor der Geburt meines Bruders, ich war fünfeinhalb. Da setzte meine hochschwangere Mutter mich in den Zug zu einer Großtante nach Warendorf in Westfalen. Ich war schon Zug gefahren, aber noch nie alleine, und darauf habe ich mich wahnsinnig gefreut. Aber meine Mutter stieg mit in den Zug und versuchte, jemanden zu finden, der während der Fahrt auf mich aufpasst. Ich war stinksauer. An jeder Waggontür versuchte ich, meine Mutter aus dem Zug zu schieben.

Andere Kinder hätten Angst, so alleine im Zug.

Vielleicht, aber ich war glücklich, dass meine Mutter niemanden gefunden hat. Ach, es war traumhaft: Am Zugfenster sitzen und die ganze Zeit rausgucken! Das war Kino, bevor ich je einen Film gesehen habe. Was anderes ist Kino ja nie gewesen.

In einem Ihrer frühen Filme sagt Ihr Alter Ego: „Ich bin nirgendwo zu Hause.“ Sind Sie inzwischen angekommen?

Das war ein Satz von Murnau. Mir hat unheimlich imponiert, dass er das schon zu seiner Zeit gesagt hat. Bei mir hat sich alles sehr verändert, weil mit meiner Frau Donata seit zwölf Jahren jemand mit mir reist. Das ist der große Wechsel in meinem Leben. Und weil Donata von ganzem Herzen Berlinerin ist und ihre Eltern auch noch hier leben, bin ich jetzt auch auf eine andere Art in Berlin als früher.

Es gibt so etwas wie eine Familie.

Ja, auch die beiden Kinder von meinem Bruder studieren in Berlin. Früher war die Stadt für mich nur Absprungpunkt. Hier habe ich meine Koffer ein- und ausgepackt, hier war mein Büro, von da aus habe ich Filme in aller Welt gemacht.

In „Don’t Come Knocking“ erfährt ein Mann, dass er einen erwachsenen Sohn hat. Schon in „Paris, Texas“ kehrt ein Vater nach vielen Jahren wieder zu seinem Sohn zurück. Was interessiert Sie am Thema Väter?

Mich beschäftigt die Abwesenheit der Väter. Viele junge Frauen und Männer haben mir in den letzten Jahren erzählt, wann sie ihren Vater das erste Mal gesehen haben. Oder warum sie ihn immer noch nicht kennen und es vielleicht nächstes Jahr dazu kommt. Der fremde, unbekannte Vater ist ein selten angesprochenes Problem. Die wenigsten Männer geben zu, dass sie ein Kind haben, das sie nicht kennen. Und auch die traumatischen Geschichten der Kinder und ihres Verlusts hört man nur, wenn man sehr persönlich mit jemandem redet.

Hat die Frauenbewegung versagt bei dem Versuch, die Väter in die Pflicht zu nehmen?

Ich denke eher, das Angebot an Möglichkeiten und der Überfluss der Konsumgesellschaft mit ihren Konkurrenzsituationen führten dazu, dass viele die Vaterrolle als lästig empfunden haben. Man hatte die Wahl – und wählte die Vaterrolle ab.

Weil sie die Freiheit einschränkt?

Ja. Es war ja auch noch nie so leicht. In der Generation meines Vaters war es undenkbar, ein Kind nicht zu akzeptieren oder links liegen zu lassen. Da wären die meisten Leute selbst dran erstickt. Eigentlich ist es den Männern auf perverse Art leicht gemacht worden, sich der Verantwortung zu entziehen. Ich vergleiche das immer mit meiner eigenen Erfahrung, nämlich mit dem anwesenden Vater und der Familie, die immer da war. Ich stelle mir dann vor, wie das ist für einen jungen Mann, wenn es keinen Vater gibt, den man beschimpfen kann, den man bewundern kann.

Ihr Vater war Chefarzt in einem Krankenhaus, er hat sicher viel gearbeitet und war selten zu Hause.

Er war tatsächlich meist im Krankenhaus, selbst in den Ferien. Wir fuhren los, und am zweiten Tag fuhr er wegen eines Patienten wieder zurück. Er war mit Haut und Haaren Arzt. Aber wenn ich ihn brauchte, hat er sich mir nie entzogen. Er war als Vorbild da, aber auch als jemand, an dem ich mich sehr gerieben habe. Als ich Anfang 20 war, haben wir drei Jahre praktisch nicht miteinander geredet. Aber selbst in so einer Abwesenheit war er da.

Ihre Eltern scheinen Sie sehr unterstützt zu haben: Mit sechs Jahren bekamen Sie einen Projektor und mit zwölf eine Kamera.

Mein Vater war als Student begeisterter Fotograf. Irgendwann hat er mir seine Leica geschenkt und auch diesen 9,5mm-Projektor: ein obsoletes Format, auf dem man kleine Filmröllchen abspielte. Das waren meist Szenen aus amerikanischen Slapstick-Filmen. Mack Sennett, Buster Keaton, Chaplin, auch Zeichentrickfilme waren dabei. Es gab ja noch kein Fernsehen damals, und mit diesen Filmen war ich der King. Bei jedem Kindergeburtstag war ich eingeladen, weil so etwas sonst keiner hatte. Ich war der Typ mit den Bildern.

Was haben Sie mit der Kamera fotografiert?

Auf meinen ersten Kontaktbögen, die ich heute noch habe, sind viele Tierbilder aus dem Zoo. Ganze Filme voller Lamas und Giraffen. Auch Landschaften habe ich mit Begeisterung fotografiert. Aber meine Mutter wollte sich immer ins Bild stellen. Wie ich das gehasst habe!

Sie haben keine Kinder. Wären Sie gerne Vater?

Ich habe mit 21 oder 22 erfahren, dass ich keiner werden kann. Ich habe das eigentlich erst zehn, 15 Jahre später verdaut. Ich dachte immer, man könne vielleicht doch noch was machen, wie der Arzt auch angedeutet hatte. Es gäbe Operationen, Spezialisten. Das habe ich mir in petto gehalten bis dann klar war, daraus würde nichts.

Sie hätten Kinder adoptieren können.

Die Alternative gab es ein paar Mal in meinem Leben, aber mit dem Beruf des reisenden Regisseurs ging das nicht gut zusammen.

Leute wie Sam Shepard und seine Frau, die Schauspielerin Jessica Lange, haben doch auch zusammen Kinder, drehen trotzdem Filme und reisen.

Aber einer von beiden ist immer zu Hause. Ich weiß nicht, ich fand das mit dem Kinderadoptieren immer schwierig, eine Art Ersatzhandlung. Wenn das Filmemachen und Reisen zur Bedingung hat, dass man auf etwas verzichtet, dann akzeptiere ich das. Und dann ist auch mein Bruder früh gestorben, seine Kinder waren noch klein, und da war ich ein wenig der Ersatzvater.

Sie haben einmal gesagt, erst wenn beide Eltern tot sind, hört man auf, ein Sohn zu sein.

Ich kenne einen 75-jährigen Mann, der ist immer noch Sohn. Seine Mutter lebt noch, die ist jetzt fast 100, aber wenn er nach Hause kommt, hat sich nichts geändert. Er hat noch sein Jungszimmer.

Wie war das, wenn Sie als Erwachsener Ihre Eltern besuchten?

Es war das Grauen in Tüten. Meine Eltern waren in Oberhausen hängen geblieben, mein Vater wurde Chefarzt und meine Mutter hat monatelang geheult. Sie wollte um alles in der Welt nicht im Ruhrgebiet bleiben. Wenn ich dort später wieder hinkam, machte mich das immer sehr traurig: dass sich ein Leben so verfestigen kann und die Idee vom Tod schon da ist, lange bevor man gestorben ist, denn man wusste, das Leben wird dort enden. All die Lebenslust und Weltoffenheit meiner Mutter endeten in einer Vorstadtstraße in Oberhausen.

Ist Ihre Mutter weggezogen, als Ihr Vater starb?

Als er noch lebte, sagte sie einmal einen sehr krassen Satz: „Wenn einer von uns stirbt, zieh ich nach Düsseldorf zurück.“ Das ist ihr so rausgerutscht. Als mein Vater starb, habe ich versucht, sie dazu zu bewegen. Aber sie blieb, noch zwölf Jahre lang.

Sind Filme für Sie etwas, das man der Nachwelt hinterlässt? So wie andere Kinder hinterlassen?

Natürlich wohnt jedem kreativen Akt der Wunsch nach Unsterblichkeit inne. Aber darum ging es mir nie. Ich wollte einfach nur Bilder produzieren. Das Geschichtenerzählen war mir ziemlich suspekt. Gut, das Kino gab Geschichten vor, aber die hielt ich für Humbug. Die Figuren waren nur ein notwendiges Übel.

Sie wollten immer noch nicht, dass Mama sich ins Bild schiebt.

Wenn Sie so wollen. Die Geschichten galten nicht, die stimmten nicht, die waren Verrat an der Wirklichkeit. Wirklich waren nur die Bilder vor der Kamera.

Besonders mitteilsam waren Ihre frühen Filme wirklich nicht. Wann waren Filme für Sie auch ein Mittel, sich anderen Menschen zu nähern?

Mein erster Film, „Summer in the City“, erzählt genau davon, von meiner eigenen Unfähigkeit zu kommunizieren. Ein Mann kommt aus dem Gefängnis, er wird von jemandem abgeholt, der auch sehr einsilbig ist und irgendwie zu seinem Vorleben gehört. Deshalb verdrückt sich der Mann irgendwann, macht zwei, drei Versuche, die Frauen aus seinem Vorleben zu treffen, aber das scheitert alles, es entsteht kein Kontakt. Dieser ehemalige Gefängnisinsasse will sich mitteilen, aber er schafft es nicht richtig, nur ein bisschen über Musik und Kino. Am Schluss entscheidet er sich, nach Amerika zu fliegen.

Inzwischen geht das aber mit den Geschichten?

Mehr als das! Irgendwann hat das angefangen, Spaß zu machen. Ich lernte Leute kennen, ich lernte mich selbst besser kennen. Bevor ich mich versah, erzählte ich etwas von mir selbst. Eigentlich habe ich über das Filmemachen gelernt, mit Leuten zu reden und mich verantwortlich zu fühlen.

Waren Sie vorher ein asoziales Wesen?

Ich war ein ziemlich verschlossener Mensch.

Sie studierten in München und lebten in einer Kommune. Eine Etage höher wohnten Fritz Teufel und Irmgard Möller, auch Andreas Baader und Gudrun Ensslin waren gelegentlich zu Besuch. Das klingt ein wenig nach einer großen Familie.

Wir in der unteren Etage waren die „Sensibilisten“. So hießen wir damals. Es gab schon die Sehnsucht nach Politik und nach der Teilhabe an linken Aktivitäten. Aber wir hatten nicht das soziale Instrumentarium dafür. Die anderen übrigens auch nicht. Gewalt als Mittel der Politik spricht ja für ein gewisses Kommunikationsunvermögen. Ich fand es schon damals selbstmörderisch, was die machen wollten. Heute lebt niemand mehr von den anderen, außer Irmgard Möller, und die war 25 Jahre im Knast.

Herr Wenders, Filmemachen hat viel mit spielen zu tun. Sind Sie als Regisseur denn Kind geblieben?

Absolut. Im „Himmel über Berlin“ habe ich versucht, das zu sagen, indem die Kinder Einsicht haben in die Engelswelt. Das Kind, das man einmal war, trägt man immer noch in sich. Viele Leute tun ja so, als sei das eine andere Person gewesen. Auch von ihren Kinderfotos reden sie so, als sei jemand anderes darauf, als seien sie nie so klein gewesen. Oft sitzt einem in der Straßenbahn jemand gegenüber, und man sieht plötzlich das Kind, das diese Person einmal war. Man darf das Kind in sich nicht verleugnen, es gehört zum Reichtum des eigenen Selbst.

Und wie feiern Sie Ihren 60. Geburtstag? Mit einem Familienfest?

Meine Frau und ich gehen wandern durch die Alpen, auf einer Route, die ich Ihnen nicht verrate.

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