Zeitung Heute : Dopingsünder, Süchtiger, Patient

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Nun hat es Jan Ullrich erwischt. Das Radsportidol soll sich mit dem Aufputschmittel Amphetamin gedopt haben. Ullrich erwarten harte Konsequenzen, denn Doping zerstört das Bild vom hehren Sportler, der nur um der Sache selbst willen das Äußerste gibt und nicht zu künstlichen Mitteln greift.

Auch wenn Hochleistungssport längst ein umkämpftes Milliardengeschäft ist – die „künstliche und unfaire Steigerung der Leistung“ (so die Definition des Europarats aus dem Jahr 1963) durch künstliche oder natürliche Substanzen bleibt ein Tabu. Die Dopingkontrolle ist unterdessen zu einer Wissenschaft für sich und zu einer eigenen Branche geworden. Und spektakuläre Dopingfälle sind heute Teil des Unterhaltungszirkus Spitzensport.

Seelische Abhängigkeit

Aber wo sind die Grenzen? Wann ist ein Stoff ein unerlaubtes Dopingmittel, wann ein Arzneimittel und wann ein Rauschgift? Von der Sache her kann eine Substanz alles drei zugleich sein. Zugespitzt gesagt: Lediglich die Gesellschaft und ihre Spielregeln legen fest, ob der Konsument ein Dopingsünder, ein Rauschgiftsüchtiger oder ein Kranker ist. Entscheidend ist der soziale Zusammenhang. Aber die biochemische Wirkung eines Stoffes ist in allen drei Fällen zum großen Teil die gleiche. Auch wenn er dem einen Verhängnis, dem anderen Heilmittel ist.

Die Geschichte des Amphetamins und seiner Verwandten ist dafür ein gutes Beispiel. Amphetamine setzen im Gehirn die belebenden Botenstoffe Noradrenalin und Dopamin frei. Sie können eine starke seelische Abhängigkeit erzeugen und unterstehen dem Betäubungsmittelgesetz. Ihre Vergabe ist also streng reglementiert.

Sportler nehmen diese Mittel, um die Konzentration und Leistungsfähigkeit zu steigern, um das Letzte aus sich herauszuholen. Ähnliches versprechen sich auch Jugendliche, die Amphetamine als Ecstasy-Pillen schlucken: Hochstimmung, Aufmerksamkeit, das Gefühl innerer Stärke. Müdigkeit, Hunger und Durst treten zurück.

Vom Schnupfenmittel zur Droge

Ursprünglich aber war Amphetamin keine Droge, sondern ein – Schnupfenmittel. Als es 1930 auf den Markt kam, trat seine Wirkung als Wachmacher jedoch schnell zu Tage. Noch heute sind Amphetamine und verwandte Substanzen in Medikamenten enthalten, zum Beispiel in Appetitzüglern und Grippe- oder Asthmamitteln. Allerdings stehen meist bessere Mittel zur Verfügung. Auch überaktive Kinder können mit einem Amphetamin (Methylphenidat, „Ritalin“) behandelt werden.

Auf der Dopingliste stehen aber auch viel weiter verbreitete Medikamente, zum Beispiel die blutdrucksenkenden Betablocker. Sie geben dem Golfspieler eine ruhige Hand, verlangsamen aber den Herzschlag. Deshalb werden sie nur in „Nichtausdauersportarten“ überprüft. Der Läufer, der Betablocker schluckt, würde sich selbst ein Bein stellen. Ebenfalls viel verschrieben werden die entwässernden Diuretika. Boxer oder Gewichtheber können sie benutzen, um Gewicht zu verlieren. Auch können Diuretika benutzt werden, um andere Dopingmittel im Urin zu verdünnen und so zu „verschleiern“.

Anders ist es den bei Bodybuildern und im Hochleistungssport beliebten Anabolika ergangen. Diese Abkömmlinge des männlichen Geschlechtshormons Testosteron verdanken sich zwar der Arzneiforschung, sind aber in der Medizin aus der Mode. Nur im Sport leben sie weiter.

Radprofi Jan Ullrich aber hätte vielleicht beim Kaffee bleiben sollen, denn dieses Aufputschmittel ist selbst Sportlern erlaubt. In Maßen. Hartmut Wewetzer

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