Doppeljahrgang : Keine Panik an den Hochschulen

Die Hochschulen in Berlin und Brandenburg erwartet zum Wintersemester eine Bewerberflut. Noch ist davon wenig zu spüren.

Ruhe vor dem Sturm. Die Hörsäle der Berliner Hochschulen werden sich im Wintersemester noch stärker füllen als im Vorjahr – auch in diesem Hörsaal der Freien Universität in der Silberlaube wird bald jeder Platz besetzt sein. Foto: Thilo Rückeis
Ruhe vor dem Sturm. Die Hörsäle der Berliner Hochschulen werden sich im Wintersemester noch stärker füllen als im Vorjahr – auch...

Die einen haben 13 Schuljahre hinter sich gebracht, die anderen zwölf – im Turbogang. Das Abitur machen die beiden Jahrgänge in Berlin und Brandenburg in diesem Jahr gemeinsam. Wie schnell die vielen Hochschulreifen danach ein Studium beginnen können und ob die Turboabiturienten nach dem Abschluss erst einmal auf die Bremse treten müssen, lässt sich derzeit allerdings noch nicht sagen. Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen, dass im vergangenen Jahr fast 520 000 Menschen in Deutschland ein Studium begonnen haben – 2005 waren es nur 356 000. Das Interesse an einer Hochschulausbildung ist also enorm gestiegen. Zudem hat die Aussetzung der Wehrpflicht die Studentenzahlen weiter nach oben geschraubt.

Die Technische Universität Berlin hat sich auf den großen Andrang an Studieninteressierten vorbereitet und die Stellen für Tutoren und wissenschaftliche Mitarbeiter weiter aufgestockt. Finanziert hat die Hochschule dies unter anderem durch Mittel aus dem sogenannten Hochschulpakt, mit dem Bund und Länder die Hochschulen bei der Anpassung an die gestiegenen Studierendenzahlen unterstützen.

Für Abiturienten, Lehrer und Eltern hat die TU außerdem eine eigene Veranstaltungsreihe konzipiert. Sie heißt „Alles doppelt?!“ und findet dienstagabends statt. Die einzelnen Themen sind im Netz abrufbar, unter www.studienberatung.tu-berlin.de/alles_doppelt. In den Sitzungen erfahren die Interessenten zum Beispiel, wie sie das passende Studienfach finden, welche Finanzierungsmöglichkeiten es gibt, wie sie ein Auslandssemester organisieren oder was man tun kann, wenn es mit dem gewünschten Studienplatz nicht sofort klappt.

„Viele Studiengänge, gerade an der TU, weisen in den ersten Semestern fachliche Schnittmengen auf“, sagt Pressesprecherin Stefanie Terp. Deshalb sollten Interessenten das Risiko und die Chance eines späteren Studiengangwechsels gegeneinander abwägen. Die Hälfte der Studienplätze wird an der TU nach Wartezeit vergeben. „Die Wartezeit kann studienrelevant mit einschlägigen Praktika gefüllt werden, die später vielfach anrechenbar sind.“ Kaum Sinn habe es hingegen, sich „einfach irgendwo im NC-freien Bereich einzuschreiben“.

In Berlin stehen den Schulabgängern zum kommenden Wintersemester laut Senatsbildungsverwaltung 28 000 Studienplätze zur Verfügung – 18 300 junge Menschen machen in der Stadt in den kommenden Wochen ihr Abitur.

Allein 30 000 Interessenten haben sich im vergangenen Jahr um ein Studium an der Humboldt-Universität (HU) beworben. „Wir rechnen damit, dass es in diesem Jahr mindestens 10 000 mehr sein werden“, sagt Pressereferentin Ljiljana Nikolic. In den besonders stark nachgefragten grundständigen Studiengängen hat die Uni ihr Angebot deshalb erhöht und unter anderem zusätzliches Lehrpersonal eingestellt.

Auch die HU plant in den kommenden Monaten Informationsveranstaltungen für die Abiturienten: Sie sollen unter dem Motto „Don’t panic“ stehen. Von Juni an soll es im Studierenden-Service-Center außerdem jeden Mittwoch eine Fragestunde zum Thema geben.

Bislang ist an der Universität keine Panik spürbar, bei der Studienberatung ist die Nachfrage noch nicht erkennbar gestiegen. „Inhaltlich wird nun aber mehr darauf Bezug genommen, welche Studienplatzchancen bestehen“, sagt Ljiljana Nikolic. Da es kaum noch Fächer ohne NC gibt, können sich die Abiturienten allerdings nur an den Noten aus dem vergangen Wintersemester orientieren.

An der Alice-Salomon-Hochschule (ASH), an der unter anderem Soziale Arbeit, Erziehung und Bildung im Kindesalter sowie Gesundheits- und Pflegemanagement gelehrt werden, rechnet Pressesprecherin Susann Richert ebenfalls erst von Mai an mit einem „steigenden Beratungsvolumen“. Die Hochschule hat eine eigene Schulkampagne initiiert und stellt ihre Angebote regelmäßig an Berliner Gymnasien vor. Am 1. Juni veranstaltet die ASH einen Tag der offenen Tür.

Auch an Brandenburgs Schulen machen in diesem Schuljahr zwei Jahrgänge auf einmal Abitur. Die Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) bereitet sich bereits seit einigen Jahren auf die Doppeljahrgänge vor – und zwar durch Messebesuche und gezielte Kampagnen in jenen Bundesländern, in denen gerade die 13.- und Zwölftklässler gemeinsam ihren Abschluss machen.

Eine generelle Ausweitung des Angebots plant die Viadrina jedoch nicht, weil Personal- und Raumkapazitäten eingeschränkt sind und die Hochschule schon jetzt voll ausgelastet ist. „Wir wollen nur begrenzt wachsen“, sagt Dezernent Norbert Morach. So will die Hochschule ihren hohen Qualitätsstandard halten. Für das Wintersemester rechnet Morach mit einer Flut an Bewerbern, auch wenn er es etwas bescheidener formuliert: „Nach unseren Berechnungen ist es nicht ausgeschlossen, dass die Bewerbungszahl gegenüber dem vorigen Wintersemester um etwa 50 Prozent steigt.“ Das würde rund 9000 Bewerbungen bedeuten.

Private Hochschulen wie die BSP Business School Potsdam geben sich beim Thema Doppeljahrgänge gelassen: „Wir sind etwas unabhängiger von der allgemeinen Entwicklung der Studierendenzahlen“, sagt Rektor Thomas Thiessen. Wegen des gestiegenen Interesses an Fächern wie Angewandter Psychologie und Wirtschaftspsychologie biete die BSP bereits von April an zusätzliche Kurse in diesen Fächern an. „Wir führen mehr Bewerbungsgespräche, um die Motivation der Bewerber einschätzen zu können.“ Auf dieser Basis entscheide die Hochschule, ob zum Wintersemester zusätzliche Kurse angeboten werden sollen.

„Die privaten Hochschulen verstehen sich als flexible Dienstleister im akademischen Bereich“, sagt auch Herbert Grüner, Vorsitzender des Berliner Landesverbandes privater Hochschulen. Sie seien in der Lage, kurzfristig auf Nachfrageveränderungen zu reagieren.

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