Zeitung Heute : Doppelpack für Aufsteiger

Zur Hälfte Theorie, zur Hälfte Praxis: Wer an einer Berufsakademie studiert, hat wenig Freizeit – qualifiziert sich aber für Führungsaufgaben

Roland Koch

Eva Wegener ist eine junge Frau, die genau weiß, was sie will. Von ihrer Karriere hat sie ganz konkrete Vorstellungen – und auch davon, wie sie ihre Ziele erreicht. Die kaufmännische Praxis ist es, die sie lockt. Doch die graue Theorie verträgt sie nur in wohl dosierten Einheiten. „Ich muss mich immer wieder ausprobieren“, sagt sie. „Ein Studium an der Uni kam für mich deshalb nicht in Frage, und eine betriebliche Ausbildung war mir einfach zu wenig.“

Berufsakademien bieten für diese Ansprüche genau die richtige Ausbildung. Dort verspricht man ein duales Studium, das vom ersten Tag an sowohl im Hörsaal als auch im Unternehmen stattfindet – und später attraktive Karrieremöglichkeiten eröffnet. Allein, das geforderte Leistungsniveau liegt ziemlich hoch und unter vielen Bewerbern werden nur die besten ausgewählt.

An der Berliner Berufsakademie, die seit vergangenem Oktober ein Fachbereich der Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) ist, können die Studenten unter dreizehn verschiedenen Studiengängen aus Wirtschaft und Technik wählen. Die Ausbildung findet gemeinsam mit einem kooperierenden Unternehmen statt. Alle drei Monate wechseln sich ein Theorieblock an der Akademie und ein Praxisblock im Unternehmen ab. Die Studenten lernen so im Idealfall theoretisch zunächst das, was sie anschließend im Unternehmen anwenden. Wer einen der begehrten Studienplätze ergattern will, braucht einerseits das Abi oder Fachabi. Andererseits muss man mit einem Unternehmen einen entsprechenden Ausbildungsvertrag abgeschlossen haben.

Wenn Eva Wegener ihr Betriebswirtschaftsstudium mit Fachrichtung Handel Ende des Jahres beendet, ist sie gerade einmal 23 Jahre alt und hat neben dem Studium bereits diverse Bereiche eines Unternehmens kennen gelernt. Für diese Ausbildung würde sie sich jederzeit wieder entscheiden. Denn sie fühlt sich bestens für den Job gerüstet. „Wenn ich das, was ich zum Beispiel zu Marketing gelernt habe, mit dem vergleiche, was Freundinnen von mir an der Uni lernen, dann stehe ich ganz schön gut da“, meint sie selbstbewusst. „Und ich bin viel eher mit meinem Studium fertig.“

Überdies sei der Praxisteil nicht mit einem Praktikum vergleichbar, sagt Heiko Mußmann, der im zweiten Semester Betriebswirtschaft mit der Fachrichtung „International Business Administration“ studiert. „Die Studenten arbeiten immerhin alle drei Monate für ein Vierteljahr in ihrem Ausbildungsbetrieb und werden dabei zunehmend integriert. Schließlich sind sie dort bereits Mitarbeiter in der Ausbildung.“ Das zeigt sich auch finanziell. Während der gesamten dreijährigen Ausbildung erhalten sie die branchenübliche Ausbildungsvergütung – auch wenn sie an der Akademie studieren. „Während der drei Jahre kann man sich also voll aufs Lernen konzentrieren“, sagt Eva Wegener. Allerdings müsse man mobil und flexibel sein. Die Praxisphasen fänden gerade in größeren Unternehmen oft auch außerhalb Berlins in unterschiedlichen Filialen statt. Ein wenig finanzielle Unterstützung zusätzlich brauche man da häufig schon. Die komme entweder über die Eltern oder über einen Anspruch auf Bafög. Heiko Mußmanns aufregendste Praxisstation dürfte dieses Jahr wohl in Bolivien liegen. In einem Unternehmen seines Ausbildungsbetriebs, Schering, kann er dort drei Monate lang praktische Erfahrungen sammeln. „Das ist ein Vorteil eines großen Betriebes“, meint der Zwei-Meter-Mann.

30 Tage Urlaub im Jahr

Auf der anderen Seite steht dem ein streng geregelter Studenplan gegenüber. Rund zehn Wochen lang wird in Gruppen mit maximal 34 Studenten gepaukt. Anschließend werden zwei Wochen lang Klausuren geschrieben. „Obwohl das von außen sehr verschult aussieht“, sagt Mußmann, „bedeutet das nicht, dass wir nicht selbstständig arbeiten. Präsentationen, Referate, Vorträge gehören für uns zum täglichen Geschäft.“ Und das müsse man in seiner Freizeit, von der es nicht gerade viel gebe, erarbeiten. Vorlesungsfreie Zeiten oder Semesterferien haben die Studenten ebenfalls nicht. Ihr Jahresurlaub ist tariflich festgelegt und beträgt in der Regel 30 Tage im Jahr.

„Etwas anders als an einer Uni geht es an der Berufsakademie schon zu“, meint Helmut Lück, der Studienberater. „Hier fällt es beispielsweise auf, wenn man mal an einer Vorlesung nicht teilnimmt.“ Nur durch eine straffe Organisation und eine effiziente Lehre könne man in drei Jahren das Wissen vermitteln, das einem Fachhochschul-Abschluss entspreche. „Wenn man nur zwölf Wochen pro Ausbildungsblock hat, muss alles komprimiert angeboten werden.“

Dieses strenge Programm hat einerseits den Vorteil, dass an der Berufsakademie keine Anonymität herrscht. „Wir Studenten haben einen sehr engen Kontakt zu unseren Dozenten“, sagt Eva Wegener. „Darüber hinaus gibt es einen regen Austausch via E-Mail, wenn wir uns nicht an der Akademie sehen.“ Andererseits müsse man regelmäßig am Wochenende lernen und sich auf einem hohen Leistungsniveau bewegen. „Die Studenten, die die Unternehmen zu uns schicken, gelten dort schon als etwas Besonderes“, meint Lück. „Sie sollen schließlich später Führungsaufgaben übernehmen.“

Diese hohen Ansprüche spiegeln sich auch in Zahlen wider. Lediglich 14 Prozent der insgesamt 1500 Studenten brechen ihr Studium an der Berufsakademie ab. Die anderen beenden es im Altersdurchschnitt von 24,6 Jahren nach sechs Semestern. Der überwiegende Teil von ihnen steigt dann in den Beruf ein. Nur rund sechs Prozent eines Jahrgangs hat während dessen akademische Interessen entdeckt und sattelt auf das BA-Diplom oder den Bachelor noch einen Master-Abschluss auf. Pro Jahr werden lediglich 500 neue Studenten aufgenommen. 46 hauptamtliche Professoren sowie rund 200 nebenamtliche Dozenten von anderen Unis oder aus Unternehmen unterrichten an der Berufsakademie.

Studenten, die unter solchen Bedingungen lernen konnten, sind auch in der Wirtschaft begehrt. Die Akademie kooperiert mit 460 Unternehmen. Darunter sind viele große Firmen wie etwa IBM, Lidl, Schering oder die Deutsche Bank. Sie wetteifern geradezu um die Absolventen. „Dass unsere Studenten Übernahmeangebote ihrer ausbildenden Betriebe erhalten, ist durchweg die Regel“, sagt Lück. „Ein Beschäftigungsproblem haben die Absolventen gewiss nicht. Vielmehr sind sie zum Leidwesen der Ausbildungsbetriebe nicht an diese gebunden.“ Immerhin leistet es sich ein Fünftel der Absolventen, die ein Übernahme-Angebot bekommen, dieses auszuschlagen und in einen anderen Betrieb zu wechseln.

Die Kehrseite solcher Studienbedingungen sind die hohen Bewerberzahlen. Auf einen Ausbildungsplatz kommen nicht selten mehrere Hundert Bewerber. Entsprechend rigoros wählen die Unternehmen aus. Ausführliche Vorstellungsgespräche und Assessment-Center sind dabei die Regel – und wer überhaupt in die engere Auswahl kommen will, muss sich mit sehr guten Schulnoten und vor allem rechtzeitig bewerben, also mindestens ein Jahr bevor die ersten Abi-Klausuren anstehen.

Die Berufsakademie in der FHW Berlin (Neue Bahnhofstraße 11-17, Nähe S-Bhf. Ostkreuz) veranstaltet am 19. 2. 2004 von 13 bis 17 Uhr einen Tag der offenen Tür. Interessenten können sich dort über die Studienangebote informieren, Kontakt zu Ausbildungsbetrieben aufnehmen und sich mit Studenten und Dozenten unterhalten. Im Internet: www.ba-berlin.de.

Weitere Infos zum Studium an einer Berufsakademie sind auch bei den Berufsinformationszentren der Arbeitsämter erhältlich. Im Internet: www.arbeitsamt.de

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