Zeitung Heute : Dorf der Stimmlosen

Nicht mal der Bürgermeister kennt das Resultat der letzten Wahl. Kein Wunder, Höhnstedt hält den Rekord im Nichtwählen

Constanze von Bullion[Höhnstedt Sachsen-Anhalt]

Es ist nicht so, dass den Bürgern von Höhnstedt die Demokratie gestohlen bleiben kann. So direkt jedenfalls will das keiner gesagt haben. Aber diese ganze Mitbestimmerei ist eben vielen fremd geworden. Oder vielleicht sollte man sagen: fremd geblieben.

Höhnstedt im Saalekreis, das ist ein Dorf, das malerisch wirkt und ein bisschen so, als hätten Fremde hier nichts verloren. Das Winzernest liegt im Westen von Halle, im Osten vom Harz und auf einem Hügel, an dem die Politik und sonstige Unrast seit Urzeiten vorbeigezogen sind. Hier oben gibt es ein mildes Mikroklima, das Aprikosen und Wein gedeihen lässt. Es gibt einen Fleischer, zwei Wirtshäuser und zwei Lädchen. Und abschüssige Straßen, die sich zwischen alten Mauern und fest verschlossenen Hoftoren winden.

Die Menschen hinter den Toren waren vor kurzem zur Wahl aufgefordert. Es war die zweite Runde der Kommunalwahl in Sachsen-Anhalt und eine Stichwahl, bei der die Bürger ihre Landräte bestimmen sollten. Von den 1384 wahlberechtigten Höhnstedtern haben 136 ihre Stimme abgegeben. Das ist eine Wahlbeteiligung von 9,8 Prozent und neuer deutscher Rekord im Nichtwählen. In Höhnstedt ist die Demokratie im Jahr 17 nach ihrer Geburt entschlafen.

Kein Wunder, sagt der Bürgermeister von Höhnstedt, „es wird doch hier nur von oben diktiert“.

Kein Wunder, sagt die Ladenpächterin Christel Junge, „die Leute sind versorgt und haben sich abgefunden“.

Kein Wunder, sagt der Winzer Harry Hoffmann, „hier kämpfen alle gegen alle“.

Es ist ein verregneter Dienstag, und das milde Mikroklima von Höhnstedt hat sich vorübergehend zurückgezogen. Die Kommunalwahl liegt schon ein paar Tage zurück, ins Gemeindehaus ist Routine eingekehrt. Wie jeden Dienstag nimmt Bürgermeister Uwe Ringleb hinter seinem Schreibtisch Platz. Es ist kein besonders großer Schreibtisch, aber es liegt viel Papier darauf.

Uwe Ringleb ist seit sechs Jahren Bürgermeister, er ist Bauunternehmer, parteilos und pragmatisch. „Politische Ziele habe ich bis heute nicht“, sagt er, „ich will nur, dass es meiner Gemeinde gut geht.“ Er erzählt dann stolz von seinem Dorf, das einen ausgeglichenen Haushalt hat und mit knapp elf Prozent relativ wenig Arbeitslose. Wenn der Bürger sich aufregt, dann über so Sachen wie die Löcher in der Straße der Genossenschaft. Der Bürger will auch wissen, was es ihn kostet, die Löcher zu flicken. Was keiner wissen wollte bisher, ist das Ergebnis der letzten Wahl.

„Rosi!“, ruft Uwe Ringleb, als er gefragt wird, wie seine Bürger eigentlich abgestimmt haben. „Rosi, hast du vielleicht die Zahlen?“ Der Bürgermeister verschwindet jetzt nach draußen, wo Vorzimmerdame Rosi sitzt. Die genauen Wahlergebnisse kennt auch sie nicht, leider, aber das ist auch gar nicht nötig. Ringleb ist sicher, dass die CDU im Dorf die Mehrheit hat, „das Dorf ist sehr konservativ orientiert“. Ein paar geben ihre Stimme neuerdings der NPD. Wie viele? Wieder Rosi. Er tippt Zahlen in den Taschenrechner. Stutzt und rechnet nochmal nach. „19 Prozent.“

Nein, wird der Bürgermeister später sagen, er findet das „irgendwie nicht gut“, dass so wenige hier wählen, und dann noch so eine Partei. Er hat auch mal mit den jungen Leuten geredet, wegen des verwüsteten Jugendklubs und dieser Hakenkreuze. Aber er kann ja auch nichts machen, meint er, wenn die großen Parteien nicht mal zum Wahlkampf herkommen.

Uwe Ringleb ist einer, der mal etwas bewegen wollte in Höhnstedt. Er ist hier als Sohn eines Maurers aufgewachsen, in einem Dorf auf dem Berg, das in der DDR eine Art Garten Eden gewesen sein soll. Tagsüber sind viele Menschen hier zum Kupfer- und Kaliabbau eingefahren. Und nach der Schicht haben sie ihre Weinberge und Aprikosenbäume gehegt. Das war ein einträgliches Geschäft, denn Aprikosen waren in der DDR so gut wie Westgeld, und den „Höhnstedter Kelterberg“, einen trockenen Weißwein, trank auch das Politbüro.

Kein Wunder also, dass mancher Höhnstedter 1989 noch finanzielle Reserven hatte – und nicht viel Sehnsucht nach einer Wende. Uwe Ringleb aber gehörte zu denen, die erkannten, dass Fördertöpfe geleert werden wollen. Er hat ein Feuerwehrhaus und ein Touristikzentrum gebaut. Irgendwie aber geriet dann alles ins Stolpern, und während Ringleb der Bart grau wurde, verging ihm der Spaß an der Politik. „Es wird doch hier nur von oben diktiert“, sagt er und meint das Gefühl, dass die Macht überall sitzt, nur eben nicht auf seinem Stuhl. Er war zum Beispiel gegen einen Funkmast. Der Gemeinderat auch. Der Mast kam trotzdem, weil der Kreis ihn wollte. Dann wurde über die Gebietsreform gestritten. Monatelang und sehr erbittert. Aus dem alten „Saalkreis“ soll der „Saalekreis“ werden. Die Leute lehnen das ab. Nun war Wahl, und der Zank beginnt von neuem.

Uwe Ringleb hat inzwischen den Draht zu dem verloren, was er „Demokratie total“ nennt. „Ich halte nicht sehr viel vom Parteiensystem“, sagt er, und dass er sich wünscht, manche Dinge würden „auf ’ne zügige Art diktiert“. Er ist zur Wahl gegangen, ohne Überzeugung. Er weiß nicht, ober er nochmal kandidiert für sein Amt. Und er bezweifelt, dass es ein anderer tut.

Im Weindorf Höhnstedt kann man lange suchen, ohne jemanden zu finden, der optimistischer ist als der Bürgermeister. „Die Leute sind versorgt, sie haben sich abgefunden, es ändert sich ja doch nichts“, sagt Christel Junge, die in einem kleinen Laden Würste und Neuigkeiten vom Tage anbietet. „In der DDR wurden wir auch von Bekloppten regiert“, sagt achselzuckend einer, der ein paar Flaschen holt. „Wählen?“, fragen die Jungs, die vor der Tür rumhängen. „Keene Zeit.“ – „Interessiert mich nicht.“

Harry Hoffmann findet man, wenn man dem Lärm der Maschinen hinterherläuft, in die Gaststube seines Weinguts, vorbei an Abfüllmaschinen und Fässern, dann hoch unters Dach, wo ein Presslufthammer dröhnt und Hoffmann, grau von Staub und Zement, eine Wand errichtet. Er ist dabei, das Obergeschoss auszubauen. Damit die Leute, die seinen Wein trinken, in Zukunft auch in seine Gästebetten fallen können.

Hoffmann ist einer von zwei großen privaten Winzern am Ort. Er ist nicht hier geboren. Und er ist einer, der stört. Hoffmann ist jetzt 47 Jahre alt, ein eigensinniger Kopf – und einer, der gern mal über sich lacht. „Wir sind die Zugereisten hier, seit 20 Jahren“, sagt er und erzählt vergnügt, wie er aus Thüringen hergezogen ist mit seiner Frau, die wie er aus dem Bergbau kam. Zur Wendezeit haben sie eine Firma gegründet und stillgelegte Bergwerke verfüllt, sich dann als Winzer selbständig gemacht. „Das war“, sagt Hoffmann, „schon ein harter Weg.“

Er meint nicht nur das Finanzielle. Und er erwähnt nicht, was Historiker geschrieben haben: dass die Höhnstedter seit Urzeiten als zänkisches Bergvolk gelten, bei dem im Streit um die fruchtbaren Weinberge so manche Nase zu Bruch gegangen ist. Politik wird an solchen weltabgewandten Orten gern als Lobbyarbeit verstanden, als Kampf für die Clique, für den eigenen Clan. Wer keinen hat, hat ein Problem

„Wenn Sie hier einen Arm heben, hängen zehn Mann dran, die müssen Sie mitstemmen“, sagt Harry Hoffmann, der aus fünf Hektar Land streng frisierte Weinberge gemacht hat. Dafür musste er, das gibt er zu, Bäume fällen und die Landschaft verändern. Vielen ist das sauer aufgestoßen. Die Nachbarn haben Hoffmann angezeigt, die Behörden Auflagen gemacht, es gab einen endlosen Papierkrieg. Vielleicht war das die übliche Bürokratie. Vielleicht aber war es auch der Neid auf einen, der mehr wollte als Geld verdienen.

Harry Hoffmann, wie gesagt, ist nicht von hier. Aber seine Frau hat als Bürgermeisterin kandidiert. Und er selbst hat versucht, aus einem 140 Jahre alten Haus aus Sandstein eine Art Begegnungsstätte zu machen. Ein Museum für die Geschichte des Weinbaus sollte da rein, ein paar Tische, an denen auch Fremde einen Schoppen trinken und Einheimische „mal die Geschäfte beiseitelassen“ können, wie er sich ausdrückt. Bürgerschaftliches Engagement heißt so was. Die Höhnstedter haben ihm das nicht abgenommen.

Um es kurz zumachen: Frau Hoffmann wurde nicht Bürgermeisterin, und das alte Haus hat man abgerissen. Auch weil der Förderverein so lange stritt, bis nichts mehr übrig war von der Idee. Die Gemeinderäte waren darüber nicht traurig, denn für den Abriss wurden ABM-Stellen bewilligt. Und der Sandstein ist einiges wert.

„Hier kämpfen alle gegen alle“, sagt Winzer Hoffmann, der jetzt etwas lauter geworden ist. Auch er ist nicht mehr wählen gegangen, und er weiß auch nicht, ob er sich überhaupt noch für dieses Gemeinwesen einsetzen soll. Er kämpft jetzt für sich selbst, für die Familie, das Unternehmen. „Man versucht, sich eine eigene Welt aufzubauen. Man will keine Berührungspunkte mehr, sondern seine Ruhe.“ Harry Hoffmann ist ein Höhnstedter geworden. Und einer, der wohl immer fremd bleiben wird im Dorf.

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