Zeitung Heute : Dorint Novotel

Flusskrebsschwänze im Einmachglas

Elisabeth Binder

Restaurant im Dorint Novotel Berlin, Straße des 17. Juni 106/108, Berlin-Tiergarten, Tel. 600 350, täglich ab 12 Uhr. Foto: Doris Klaas

Noch hat das Restaurant im neuen Dorint Novotel am Tiergarten keinen Namen. Das kann eigentlich nur daran liegen, dass sich hier so viele Möglichkeiten aufdrängen. Lange war die Gegend am S-Bahnhof Tiergarten dominiert von Berlins bekanntestem Flohmarkt sowie von der Urmutter aller Studentenkneipen, einer beliebten Krimikulisse, der „S-Bahn-Quelle“. Jetzt ist dort ein völlig neues Quartier herangewachsen, hinter dem Hotel befindet sich mit der KPM-Ofenhalle einer der traditionsreichsten und elegantesten Veranstaltungsorte der Stadt. KPM-Porzellan ist auch in den Vitrinen des Hotels zu sehen. Riesige Fenster auf die breite Straße des 17. Juni und den dahinter liegenden Park bieten zur Grünkulisse gleichzeitig noch einen Schrägblick auf den Straßenstrich.

Die Einrichtung sagt, dass es Hotels gut täte, mal Abstand von Hotel-Designern zu nehmen. Die überdimensionalen weißen Lampen sehen aus wie unglücklich in die Breite gegangene Zylinderhüte, extrem gewöhnungsbedürftig. Das Braun der Tische harmoniert auch nicht wirklich gut mit den hellbraunen Stoffläufern, immerhin sehen die frischen Blumen ganz gut aus. Und die Kellnerin ist so nett und souverän, dass sie bestimmt bald Direktorin wird.

Zu zweierlei Brot gibt es Pesto, Oliven-Tapenade und ein sehr hartes Röschen aus Paprika-Butter. Für 38 Euro bekommt man ein dreigängiges Menü, das handwerkliches Können und den Willen zu Originalität zeigt. Die klare und angenehm kräftige Tomatenessenz mit zartrosa Flusskrebsschwänzen und grünem Spargel kommt im verschlossenen Einmachglas, was der Temperatur gut tut und der Kleidung entgegen anfänglichen Befürchtungen beim Öffnen jedenfalls nicht schadet. Eine sehr schöne, auch gut umgesetzte Komposition. Zwei zarte, rosa gebratene Hirschkalbsmedaillons ruhen auf frischem hellgrünem, nicht zu schwerem Rahmwirsing und sind umgeben von Zitrusfilets in Orangen-Wacholderjus. Dazu gibt es eigentlich Schupfnudeln, auf Wunsch aber auch einen sehr schönen, frischen Salat in Ermangelung des ursprünglich erbetenen frischen Gemüses. Ganz exzellent ist das Birnensorbet zum Schluss des Menüs. Nur sind die gratinierten Mandarinen leider in ihrer Pelle verblieben, was einen seltsam altmodischen, wo nicht gar etwas unprofessionellen Eindruck hinterlässt, der vom hauchleichten Zimtsabayon immerhin etwas relativiert wird.

Das samtig pikante Kürbisrahmsüppchen mit Öhrchennudeln aus dem „À la Carte“-Programm trägt einen langen, dünnen, mit Pesto dekorativ belegten Brot-Chip, der als „grüner Crostini“ annonciert wurde, obwohl es ja eigentlich nur ein Crostino ist (fünf Euro). Die Steinpilzravioli geben der Saison einen italienischen Wald-Akzent und den Vegetarieren einen sicheren Hafen. Die Ravioli fühlen sich im Basilikumschaum unerwartet wohl, dazu passen die geschmorten Tomaten ebenfalls ganz gut (neun Euro). Auch die Gewürzmandarinen an Punchsabayon an der ansonsten sehr schön vorweihnachtlichen Nougatmousse steckten noch sicher verwahrt in ihrer Haut, was sie nicht empfänglicher machte für die Gewürze (6,60 Euro).

Die Weinkarte wäre im unteren Preis-Bereich sicher noch optimierbar. Da Deutschland doch gerade dabei ist, seine Rotwein-Talente auszubauen, gibt es in dieser bevorzugten Stadtlage bestimmt bessere Gewächse anzubieten als den 2001er Spätburgunder Kabinett von Koehler-Ruprecht aus der Pfalz, der mit einer gewissen Kargheit des Buketts die Hoffnungen, die man in dieser Hinsicht derzeit hegt, nicht so ganz erfüllen konnte (26,30 Euro). Vielleicht wäre für 5,30 Euro das Glas auch noch ein etwas trockenerer Prosecco aufzutreiben.

Ich würde das Restaurant vermutlich „Am Tiergarten“ nennen, auch wenn das auf Anhieb nicht besonders originell klingt. Aber ich glaube, dass die Lage Mythos-Potenzial hat. „Buddy Bear“ wäre auch ein schöner Restaurant-Name, zieht die Flohmarkt-Besucher rein, den Anspruch aber nicht runter, denn sogar die feine Nachbarin KPM modelliert inzwischen diese niedlichen Gartentiere.

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