Doris Dörrie : „Ich bin, also denke ich“

Sie findet Spiegeleier auf Berggipfeln gigantisch, übt bewusstes Putzen und sieht im Menschen das Skelett: Doris Dörrie und der Geist des Zen.

Doris Dörrie
Doris Dörrie. -Foto: dpa

Doris Dörrie, 52, ist als Regisseurin („Männer“) und Buchautorin bekannt. Seit einigen Jahren inszeniert sie auch Opern. Immer wieder behandelt sie die Themen Beziehungen, Reisen, Fernost und Buddhismus. Am Montag läuft ihr neuer Film „Kirschblüten“ im Wettbewerb der Berlinale.

Frau Dörrie, Sie haben vor Drehbeginn von „Kirschblüten“ eine Zen-Messe zelebrieren lassen. Jetzt haben Sie damit schon den Bayerischen Filmpreis gewonnen. Liegt das an der Messe?

Och, wenn man so will, war die Zeremonie eine gute Investition. Denn auch das Wetter in Japan hat beim Dreh mitgespielt, und selbst der Löwenzahn im Allgäu, den wir filmen wollten, hat früher geblüht als normal. Deshalb sollte man so was eigentlich immer machen.

Wie sind Sie darauf gekommen?

Japanische Teammitglieder haben mir erzählt, dass sie das immer tun. Es war eine traditionelle Zeremonie, aber dann hat der Priester noch um gutes Wetter gebeten, dass die Schauspieler ihren Text draufhaben und dass es keinen Filmnegativschaden gibt – er wusste ja nicht, dass wir digital drehen. Und „good box office“, einen Kassenschlager, hat er uns auch gewünscht. Mal sehen, wie lange die Wirkung anhält.

Haben Sie diese Zeremonie nur gemacht, um in Japan niemanden vor den Kopf zu stoßen?

Nein, es ist andersrum. Als ich vor über 20 Jahren das erste Mal nach Japan gegangen bin, hatte ich noch nichts mit Buddhismus zu tun. Erst durch den Tod meines ersten Mannes habe ich angefangen zu meditieren. Ich glaube, das hat mir damals das Leben gerettet.

Ist für Sie der Buddhismus eine Lebenshilfe oder ein Glaube?

Aus westlicher Sicht ist es kein Glaube, weil es keinen Gott gibt. Im Zen glaubt man an gar nichts. Man muss auch nichts wollen.

Wir dachten, man muss die Erleuchtung wollen.

Man muss gar nichts wollen. Es geht darum, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, und das kann man nur, wenn man aufhört zu denken. Sie lachen! Weil das für westliche Menschen natürlich ein Widerspruch ist. Wenn Descartes gesagt hat: Ich denke, also bin ich, dann sagt der Buddhist: Ich bin, also denke ich.

Aha.

Nicht ständig zu urteilen, verbessert auch den menschlichen Kontakt. Wir könnten ja fragen: Wenn ich nicht denke, wo ist dann mein Ego? Andererseits ist es aber so, dass erst, wenn man versucht, von seinem Ego abzusehen, wirklicher Kontakt möglich ist. Ein Kontakt, der über alle Grenzen und alle sprachlichen Barrieren hinaus zwischen zwei Menschen entstehen kann.

Woanders würde man das Herzenswärme nennen.

Ganz genau. Die Ziele sind ja in allen Religionen identisch. Und es hat immer damit zu tun, sich selbst zu vergessen und mit etwas Größerem Kontakt aufzunehmen.

Wobei die Selbstvervollkommnung auch etwas Egoistisches haben kann. Im Buddhismus geht es darum, selbst zur Erleuchtung zu kommen. Ist das wirklich ein sozialer Gedanke?

Nein, nein, das ist ein großes Missverständnis. Der Grundgedanke ist ähnlich wie beim Christentum: erst alle anderen und dann du selbst. Wobei: den Pay-off gibt es eben nicht. Der Pay-off im Christentum ist ja, dass man am Ende, beim Jüngsten Gericht, auch noch seinen Orden kriegt.

In Ihrem Film geht es auch darum, wie man den Tod verkraftet. Die Geschichte beginnt im Allgäu, im häuslichen Alltag eines Ehepaares. Trudi kocht, Rudi geht täglich mit seinem Apfel zur Arbeit – die ewige Wiederkehr des Gleichen. Ist das nicht letztlich auch Zen? Wie unterscheidet sich so etwas von einer rituellen Bodenreinigung im Kloster?

Das ist eine feine Balance. Manch einer erstarrt in seinem Ritual, er kann sich nicht vorstellen, da auszubrechen. Für ihn ist das starre Gerüst etwas, an dem er sich festhält und orientiert. Das hat sehr wenig mit Zen zu tun, sondern mit einem letztlich sehr muffigen Konzept, an das man sich festkrallt.

Aber warum führt das eine Ritual zu Stumpfsinn, das andere zu Erleuchtung?

Rituale müssen angefüllt sein mit Leben. Wenn sie nur noch die Erfüllung von Regeln sind, kehren sie sich gegen einen selbst. Ich bin jemand, der Regeln schlecht verkraftet und eigentlich gerne ohne Rituale lebt. Als wir „Erleuchtung garantiert“ in einem Kloster in Japan gedreht haben, hat mich der Abt ausgelacht, weil er gesehen hat, dass ich wie eine Fliege gestrampelt habe gegen dieses starre Netz von Ritualen. Du verstehst es halt nicht, hat er gesagt, du sollst nicht putzen, um zu putzen, sondern du putzt dich selbst.

Versuchen Sie nun, auch lästige Alltagspflichten als Meditation zu sehen?

Ja, und das funktioniert manchmal sogar. Wenn ich mich wirklich drauf konzentriere, die feuchte Wäsche auf der Leine richtig schön aufzuhängen, dass sie eine Form bekommt, dann geht es auch wieder. Wenn ich nur denke, wann hängt jetzt diese blöde Wäsche endlich, dauert es immer zu lang.

Gibt es private Rituale, auf deren Einhaltung Sie bestehen?

Ich versuche, mich so wenig wie möglich an Bedingungen festzuhalten, sonst kann ich irgendwann nicht mehr ohne Mascara aus dem Haus gehen. Als Teenager habe ich gedacht, ich müsste sterben, wenn ich nicht jeden Tag die Haare waschen kann.

Da ist vermutlich das Reisen ein gutes Gegenmittel: Man gerät zwangsläufig in eine Situation, in der man der Andersartige ist.

In Schanghai haben sie mir immer eine Zeitung unter die Nase gehalten, in der eine Frau mit langen, blonden Haaren abgebildet war. „Das sind Sie“, haben sie gesagt. Weil wir für die alle gleich aussehen. Man verliert dort seine Individualität. Das ist sehr befreiend.

Abgesehen vom Äußeren sind uns Japaner vertraut: in ihrem Pflichtbewusstsein, dem Arbeitsethos …

Deutsche und Japaner sind sich in vielen Punkten sehr verwandt, das hat auch mit historischen Parallelen zu tun: Die japanische Bürokratie hat sich das deutsche Kaiserreich als Vorbild genommen. Die Kinder in Japan haben heute noch Schuluniformen aus Kaiser Wilhelms Zeiten an. Diese altmodischen schwarzen Tornister gab es in Deutschland Anfang des letzten Jahrhunderts. Zum anderen teilen wir eine große Verklemmung und einen Hang zur Irrationalität.

Wird China Japan den Rang ablaufen?

Ökonomisch ist das längst passiert. Deutschland und Japan sind wie ein teures Auto in der Garage: gut gepflegt, aber es fährt nicht. In China ist alles vieltausendmal schneller, lebendiger und wacher, auch viel gieriger. Wir haben uns nach dem Zweiten Weltkrieg daran gewöhnt, die beiden Wirtschaftswunderländer zu sein. Das stimmt schon längst nicht mehr, wir haben es nur noch nicht wirklich gemerkt. Da gibt es eine gewisse Schwerfälligkeit: Man macht ein Konzept, das wird umgesetzt, und wenn es nicht funktioniert, dann überlegt man sich ein neues Konzept. Das ist langsam. Aber vielleicht haben dafür irgendwann alle Chinesen einen Herzinfarkt, und wir sitzen noch immer am Stammtisch.

Warum kommt der Bayer Rudi, die Hauptfigur in Ihrem Film, so schnell und so gut klar in Japan?

Aus dem gleichen Grund, weshalb ich da immer klargekommen bin: weil es einen unglaublich achtsamen Blick auf diejenigen gibt, die sich nicht auskennen. Ich glaube, so ein Blick ist auch in Deutschland möglich. Das ist unsere Chance, wenn hier die Familienzusammenhänge auseinanderbrechen: unseren Blick aufeinander so zu trainieren, dass es am Ende keinen Unterschied macht, ob wir miteinander verwandt sind oder nicht.

In Ihrem Film zeigen Sie, wie Eltern und Kinder gar keine Zeit füreinander haben wollen.

Es ist das Schicksal aller Industrienationen, dass wir für unseren Reichtum mit Vereinsamung bezahlen. Wenn wir imstande wären, uns das bewusst zu machen, hätten wir einen anderen Blick aufeinander. Dann wäre uns dreien in diesem Moment sehr klar, dass wir in nicht so langer Ferne – ich früher als Sie, aber wer weiß – auch als Skelette hier am Tisch sitzen. Der schreckliche Preis, den wir für die Tabuisierung des Todes bezahlen, ist, dass wir immer mehr Angst vor dem Leben bekommen und immer mehr Angst voreinander.

Wieso taucht eigentlich immer wieder das Allgäu in Ihren Filmen auf?

Das ist meine Landschaft. Die ersten fünf Jahre im Leben meiner Tochter haben wir komplett dort gelebt, auch jetzt bin ich noch häufig da. Wir haben das letzte Haus in einem Dorf, und ich bin sehr froh, Nachbarn zu haben, sonst kommt man allein schon mit dem Schnee nicht zurecht.

Von Ihnen heißt es immer, Sie wohnten in München.

Man muss ja auch nicht immer alles wissen. Ich bin in Norddeutschland aufgewachsen, diese bayerische Landschaft habe ich erst später kennengelernt. Bayern war für mich damals ähnlich exotisch wie Japan, ich habe auch niemanden verstanden.

Spielen Berge deshalb bei Ihnen eine so große Rolle?

Nö, ich halte es mit Thomas Mann: Der Blick auf einen Berg ist meist lohnender als der Blick von demselben. Diese Metapher, immer einen Berg erklimmen zu müssen, kommt mir sehr männlich vor. Aber ich bin öfter im Sommer auf einer kleinen Almhütte, und nach drei Stunden Aufstieg dort ein Spiegelei zu braten, finde ich gigantisch. Sie sehen: Mich fasziniert das Wunder der Zivilisation.

Meer oder Berge?

So denke ich nicht. Für einen Bayern aus dem Allgäu ist das Meer schon sehr weit weg. Und eine Reise dorthin kann sehr exotisch sein, fast so exotisch wie eine Reise nach Japan. Sie kann für immer in die Familienerinnerungen eingehen. Wir bestehen ja zum größten Teil aus Erinnerungen.

Sie betonen, dass die Vergangenheit vorbei ist, die Zukunft noch nicht da, und das Einzige, was es wirklich gibt, ist die Gegenwart.

Ja, aber sie wird in dem Augenblick, wo sie geschieht, bereits zur Fiktion. Wir schreiben alle unser Lebens-Drehbuch. Weil wir in der Erinnerung ständig umdeuten, wie es gewesen ist. Man kann historisch zeigen, wohin das führt. Eine Hannoveraner Studie hat gezeigt, dass ein verblüffend hoher Prozentsatz von Enkeln der festen Meinung ist, dass ihre Großeltern auf keinen Fall Nazis waren. Erinnerung ist also eine sehr gefährliche Angelegenheit, und noch gefährlicher wird es, wenn man daraus ein Konzept für die Gegenwart strickt. Aus dieser verfestigten Erinnerung begründen sich Kriege und Stammesfehden.

Gleichzeitig leben Ihre Filme und Bücher aber von Erinnerungen: Es ist der Stoff, der die Fantasie füttert.

Klar. Filmen ist immer ein Versuch, Erinnerungen festzuhalten. Das ist derselbe Widerspruch, wie die Kirschblüte zu filmen, deren Metapher doch die Vergänglichkeit ist. Aber genau aus diesem Grund stehen Millionen von Japanern mit ihren Fotohandys unter den blühenden Bäumen. Für mich ist das einer unserer interessantesten menschlichen Mechanismen: dass wir nichts festhalten können und es trotzdem versuchen.

Manche sagen, alles könne einem genommen werden, aber Erinnerungen nicht.

Zumindest die Fiktion kann dir keiner nehmen. Aber alles ist immer Fiktion, auch ich bin Fiktion, auch meine eigene Biografie. Es ist das Schönste und das Schlimmste zugleich, weil es meinen Blick komplett färbt. Weil alles, was ich sehe, damit ebenfalls zur Fiktion wird und weil ich auf dieser wackeligen Grundlage sofort urteile. Ich urteile dann über Sie wegen Ihres braunen Schals, weil ein brauner Schal in meiner Erinnerung bestimmte Dinge hervorruft. Das hat mit Ihnen aber gar nichts zu tun.

Im aktuellen Film zieht der Witwer Rudi die blaue Strickjacke seiner verstorbenen Frau an, um sich an sie zu erinnern.

Das ist unser verzweifelter Versuch, uns Erinnerung physisch einzuverleiben. Der Körper verkraftet schlecht, dass der andere Körper nicht mehr vorhanden ist. Am Ende einer langen, schmerzlichen Phase findet im Glücksfall eine Integration statt: Ich entdecke den Vermissten in mir. Das ist vielleicht das Ende einer Trauer, wenn der Dialog weitergeführt wird, aber eben ohne physische Präsenz, als innerer Dialog.

Warum schlagen Sie diese Brücke mit Kleidern?

Vielleicht ist das sehr weiblich gedacht. Mich fasziniert, dass wir Frauen durch unsere Kleidung viel mehr mit Identitäten experimentieren als Männer. Das ist unser Spiel von klein auf: Wir verkleiden uns als Prinzessin, als Junge, als Räuber, als Winnetous Schwester.

Sie bauen auch viele Dinge aus Ihrem Leben in Ihre Filme ein. Wenn Sie einmal mit einem rosa Telefon aus Japan mit Ihrem Mann telefoniert haben, dann ist das Telefon im Film auch rosa.

Vielleicht bin ich auch nur die Einzige, die es zugibt. Ich glaube, das machen alle Regisseure so, aber die anderen scheinen panische Angst davor zu haben, dass etwas erkannt wird. Was soll es mir anhaben, dass alle wissen, dass ich mal mit einem rosa Telefon telefoniert habe? Es macht die Geschichte nicht besser oder schlechter. Sie wissen nicht mehr oder weniger von mir. Ich muss als Geschichtenerzähler viel von mir hergeben. Ich kann mich nicht komplett zugeknöpft und chiffriert verhalten. Dann haben Sie nichts davon.

Wenn man das hört, ist man natürlich verführt, im Gegenzug von den Filmen auf Sie zu schließen. Haben Sie auch die Kleider Ihres verstorbenen Mannes angezogen?

Nein. Ich werfe Ihnen das jetzt gar nicht vor, weil ich wahrscheinlich genauso ticken würde, aber bei Frauen verleitet es eher dazu, vom Film auf die Person zu schließen, da wir zumindest in der Wahrnehmung immer privater agieren als Männer. Flaubert erzählt in „Madame Bovary“ genauso viel von sich selbst, aber da man davon ausgeht, dass er nicht privat schreibt, schließt man nicht auf ihn zurück und glaubt ihm noch nicht einmal, wenn er sagt: „Madame Bovary, c’est moi.“ Von Frauen nimmt man immer noch an, dass der eigentliche Raum, in den wir gehören, unser privater Raum ist. Es ist die schreckliche Qual vieler Künstlerinnen gewesen, dass ihnen der private Raum zudiktiert wurde, den sie nicht verlassen durften. Da können wir eine lange Liste von Opfern erstellen: Paula Modersohn-Becker, Sylvia Plath, Virginia Woolf …

… von denen heute alle anerkannt sind.

Ja, weil nach dem Tod der private Raum aufgehoben ist. Da ist dann alles öffentlich. Zum Beispiel klingt es bei mir zwar idiotisch, aber die Länge meiner Texte hat sich nach den Betreuungszeiten meiner Tochter gerichtet: Als meine Tochter im Kindergarten war, habe ich Kurzgeschichten geschrieben, und als sie in der Schule war, habe ich angefangen, Romane zu schreiben. Wenn ein Mann das sagen würde, würde man sich sehr wundern.

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