Zeitung Heute : Dort, wo die Menschen auf der Straße sind

Betreutes Wohnen für ältere Menschen kombiniert die gewohnte private Atmosphäre mit vielen Service- und Pflegeangeboten für den Fall der Fälle

Regina Köthe

Wenn man aus der U-Bahn kommt, geht man durch belebte Straßen, passiert einen italienischen Feinkostladen, ein Modegeschäft, Cafés. Ein paar Straßen weiter befindet sich ein kleiner Park, in dem zu dieser Jahreszeit nur wenige Spaziergänger zu sehen sind, der aber im Sommer ein beliebter Ort für Picknicks am Nachmittag ist. Rund um das Rathaus Schöneberg gibt es einen abwechslungsreichen und lebendigen Kiez. Hierhin hat es Traute Bosse verschlagen. Die 83-Jährige hat hier ihren „Alterswohnsitz“ gefunden. Keinen „klassischen“ Platz im Altersheim, sondern eine Wohnung in einem Projekt, für das sich immer mehr Menschen entscheiden: betreutes Wohnen.

Die Berlinerin lebt seit letztem August wieder in ihrer Heimatstadt, weil sie in der Nähe ihrer Kinder sein wollte. Hier wohnt auch ihre Tochter, der Sohn lebt in Dresden. „Da ist Berlin am günstigsten“, sagt die zierliche Frau. Nach dem Tod ihres Mannes lebte sie alleine im gemeinsamen Haus mit Garten in Frankfurt am Main, wohin sie nach dem Zweiten Weltkrieg gezogen war. Die gelernte Grafikerin und Illustratorin arbeitete in den 50er Jahren in einer Werbeagentur. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen. Über 30 Jahre lang hatte sie in Frankfurt gelebt. „Das Haus war wunderschön“, erzählt sie, „aber man weiß, dass es irgendwann zu anstrengend wird.“ So lange wollte sie nicht warten.

Zuerst suchte sie in Frankfurt am Main eine Wohnung in einer Altersresidenz. Doch dann entschloss sie sich, mit Hilfe ihrer Tochter nach Berlin zurückzukehren. „Ich brauche zum Glück noch keine Pflege, ich kann selbstständig wohnen“, sagt Traute Bosse, „aber es ist beruhigend, im Notfall Hilfe in der Nähe zu haben.“

Sie wollte ihren Kindern nicht zur Last fallen, sondern selbst für sich sorgen, auch für den Fall, dass sie Pflege benötigen würde. Deshalb hat sie sich eine altersgerechte Wohnanlage mit Service- und Pflegeangeboten gesucht.

Ihre neue rund 60 Quadratmeter große Zwei-Zimmer-Wohnung in einer Seniorenresidenz ist sparsam, aber mit ihren eigenen Möbeln eingerichtet. Betreutes Wohnen für Senioren bedeutet „unabhängiges Wohnen plus Betreuungsservice“. Allerdings ist der Begriff noch relativ neu für Senioren und wird häufig mit dem Konzept eines Altenheimes verwechselt. Doch es ist genau das Gegenteil eines vorgegebenen Tagesablaufs. Beim betreuten Wohnen leben ältere Menschen in einer eigenen oder gemieteten Wohnung, die altersgerecht gestaltet ist. Wer will, kann zusätzliche Service- und Hilfsleistungen der Träger solcher Seniorenresidenzen in Anspruch nehmen. Zum Grundservice der Einrichtungen gehört meist Beratung, Notrufsystem und hauswirtschaftlicher Dienst. Die Idee dahinter lautet: So viel Selbstständigkeit wie möglich, so viel Hilfe wie nötig.

Nach offiziellen Schätzungen leben in Deutschland bereits rund 150 000 der über 60-Jährigen in 3500 betreuten Wohnanlagen dieser Art.

Bei der Suche nach einem adäquaten Wohnplatz wurde sie von ihrer Tochter unterstützt, die Adressen heraussuchte und Empfehlungen im Bekanntenkreis einholte. Dann besuchten Mutter und Tochter verschiedene Objekte. „Die Häuser haben alle ihre Vor- und Nachteile“, sagt Traute Bosse. Beim Besuch einer Seniorenanlage in einem Berliner Außenbezirk wurde ihr eines schnell klar. „Nicht am Rande der Stadt leben, sondern mittendrin“, sagt sie. „Ich wollte gerne kleine Läden zum Einkaufen in der Nähe haben und dort leben, wo Menschen auf der Straße sind.“

Diesen Wunsch kann der Gerontologe Winfried Saup gut verstehen. Er ist Projektleiter einer Langzeituntersuchung zum „Betreuten Wohnen“. Als einen der häufigsten Mängel bei so genannten altersgerechten Wohnungen nennt er die zu große Entfernung zu Geschäften und Arztpraxen, fehlende Gemeinschaftszimmer und zu kleine Küchen.

Deshalb hat Traute Bosse sich für die Wohnung in Schöneberg entschieden. „Ich brauche Platz. Manche Wohnungen waren so klein“, erzählt sie, „das hat mir überhaupt nicht gefallen.“ Da sie nicht mehr so mobil wie früher ist und auch nicht mehr Fahrrad fährt, ist ihr der Komfort in den eigenen vier Wänden wichtiger geworden. „Hier habe ich helle und großzügige Räume, dazu einen schönen Balkon.“

Freunde und Verwandte erkundigen sich regelmäßig, ob sie die richtige Entscheidung getroffen habe. Bisher ist sie zufrieden. Natürlich hat der Komfort seinen Preis. Die Miete finanziert sie mit ihrer Rente und dem Erlös aus dem Verkauf ihres Hauses.

Nach dem Umzug hat sie sich schnell eingelebt und Kontakt zu den Nachbarn aufgenommen. Schließlich ist sie in Berlin aufgewachsen und hat ihre Ausbildung an der Lette-Schule erhalten, die gerade ihr hundertjähriges Bestehen feierte.

Traute Bosse hat jetzt auch mehr Zeit, sich um ihre Gesundheit zu kümmern. So geht sie regelmäßig zur Heilgymnastik. Die Physiotherapeutin hat Behandlungsräume in der Wohnanlage – das ist ein weiterer Service des Hauses. „Es gibt Angebote, die man wahrnehmen kann, aber man wird nicht bedrängt.“ Das weiß Traute Bosse zu schätzen, denn sie kann und will ihren Alltag noch selbst gestalten.

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