Zeitung Heute : Dort, wo die Träume waren

Den Aussiedlern in Deutschland mangelt es an Freunden, Respekt, Arbeit. Vielen reicht es nun. Sie wollen zurück nach Russland

Fredy Gareis[Torgau]

Kurz bevor der Vater starb, sagte er noch, dass es ihm leid tue. Dass er es bereue. Dass nichts so geworden sei, wie er es sich in Sibirien vorgestellt hatte.

Seine Kinder hatten nicht nach Deutschland gewollt, aber sie hatten den Wunsch des Vaters respektiert. Es war sein Lebenstraum gewesen, in das Land zu ziehen, das er Heimat nannte. Und er hatte gesagt: entweder alle oder keiner. Also gaben Viktor und Elena Kusmin ihre Arbeit auf, meldeten ihren Sohn Roman von der Schule ab und packten ihre Habe in drei große Taschen: Kopfkissen, Bettwäsche, Kleider, einen Topf, eine Pfanne. Dann setzten sie sich in den Zug und fuhren von Barnaul in Sibirien gen Westen.

Im Jahr 2000 war das, und damals waren die Kusmins einige von vielen. Etwa drei Millionen Aussiedler sind seit der Wende nach Deutschland gekommen. Mittlerweile ist der Zustrom fast versiegt – und in naher Zukunft könnte er vielleicht die Richtung ändern. Denn inzwischen, so sagen Migrationsexperten, wollen immer mehr Russlanddeutsche wieder in ihre Herkunftsländer zurück.

Das würden Viktor, 32, und Elena, 36, am liebsten auch. Elena hat Pirogen und süße Blätterteigecken gebacken. Mit ihren Händen streicht sie ihre blonden Haare hinter die Ohren. Wenn sie redet, blitzen Goldzähne auf. Auf dem Tisch der Kusmins stehen immer ein paar Süßigkeiten. Für Sohn Roman, der für das Wochenende hier ist. „Er wächst ja noch“, sagt Viktor in langsamem Deutsch. Wenn die Sprache wieder mal hakt, nimmt er die Hände zu Hilfe, als wolle er die Worte anschieben.

Seit Roman auf ein Sportinternat in Leipzig geht, ist in der Drei-Zimmer-Wohnung in Torgau viel Platz. Im Fernsehen läuft ein russischer Sender. Putin spricht in der Sprache, die Viktor nicht stolpern lässt. Manchmal sitzen sie so, trinken Kaffee und überlegen, was gewesen wäre, wenn sie in Russland geblieben wären.

„Vielleicht würde dir die Firma gehören“, sagt Viktor zu Elena, die in einer Textilfabrik mit dem Namen „Sibirischer Stil“ als Modegestalterin gearbeitet hat. „Und vielleicht wäre auch ich heute selbstständig“, sagt er, lacht auf, verstummt und verschränkt die Arme. Auf einem Unterarm prangt eine tränenförmige Narbe. Damals arbeitete Viktor im privaten Sicherheitsdienst, einer gefragten Branche in Russland. Das Geschäft lief gut, er beschützte Spirituosenhändler und einmal sogar den russischen Meister im Armdrücken.

Heute sind Viktor und Elena Kusmin arbeitslos.

Als sie im Juni 2000 in Niedersachsen, im Grenzdurchgangslager Friedland, ankamen, war alles neu und alles war interessant. „Die Luft roch ganz anders“, sagt Viktor, wenn er sich an damals erinnert, und reibt die Finger unter der Nase. „Besser“, nicht so nach Abgasen wie in der westsibirischen Großstadt Barnaul. Das Essen schmeckte besser, selbst die belegten Brötchen mit Leberwurst. Und die Nachmittagsspaziergänge hoch zum Heimkehrerdenkmal, der Blick über Friedland und die vielen Kirschbäume, ließen sie glauben, dass es so werden könnte, wie der Vater gesagt hatte.

Der Vater, Eduard Kusmin, steckte voller Energie, die Ausreise nach Deutschland ließ ihn planen und träumen. Zuerst wollte er nach Bremen, weil er das Märchen von den Stadtmusikanten so liebte. Dann wollte er seine Freunde in Mannheim besuchen, dann die in Bielefeld. Mit ihnen hatte er in Sibirien im Arbeitslager für die Sowjets geschuftet. Und dann wollte er die Patente für Lebensmitteltechnik vermarkten, die er in Russland angemeldet hatte.

Doch die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Eduard Kusmins Universitätszeugnisse fanden in Deutschland keine Anerkennung, das Geld langte hinten und vorne nicht, und die deutsche Lebensmittelindustrie zeigte kein Interesse an den Erfindungen aus Russland. Es waren Erfahrungen, wie sie die meisten Russlanddeutschen machen.

Viele dieser Enttäuschungen landen in Form von Briefen auf dem Schreibtisch von Elmar Welt. Bei der Arbeiterwohlfahrt Bielefeld berät er „rückkehrwillige Aussiedler“. Er sagt, dass es von Tag zu Tag mehr werden. „Viele hatten überzogene Hoffnungen“, sagt Welt. „Die meisten Aussiedler verbanden mit Deutschland eine Art Paradies.“ Doch ihre Ankunft erlebten viele als sozialen Abstieg: Ingenieure mussten auf einmal putzen gehen, Mathematiker spülen. In vielen Fällen schwiegen sie über ihre Probleme.

Seit zwei Jahren gibt es diese Stelle jetzt. Elmar Welt sagt, dass er immer wieder das Gleiche hört: „Die Aussiedler fühlen sich unnütz, minderwertig, werden depressiv.“ Zugleich locke in Russland der Aufschwung. Laut Welts Statistik gehen 65 Prozent der Rückkehrer dorthin.

Wenn Viktor Kusmin in seiner aufgeräumten Wohnung davon redet, was seiner Frau und ihm fehlt, werden seine Augen glasig. „Freunde, Respekt, Arbeit“ zählt er auf, und in solchen Momenten wirken seine Schläfen ein wenig grauer, als sie es eigentlich sind.

„Wir bewerben uns ja“, sagt Elena. Bislang war aber noch keine unbefristete Stelle dabei. Inzwischen freundet sich das Paar mit dem Gedanken an einen Ein- Euro-Job an. Damit sie wieder etwas zu tun haben, sich gebraucht fühlen.

Die Kusmins versuchen, es leicht zu nehmen, zu sagen: „Es wird schon.“ Doch im Dezember, da ist ihnen der Unterschied zwischen Stillstand und Aufschwung richtig bewusst geworden. Die alten Freunde kamen, aus Barnaul, für ein paar Tage, um Silvester zu feiern. Einer hat eine Bäckereikette aufgezogen, einer macht in Tiefkühlkost. Beide sind reich geworden.

Hoffnungslosigkeit, Enttäuschung – Worte, die oft fallen, wenn Aussiedler über ihre Situation sprechen. Aber oft sind sie es selbst, die sich isolieren, in der Sprache, in der Kultur. Viele, die kamen, hatten keine Bindung zu Deutschland mehr, waren längst russisch sozialisiert – und jetzt wollen sie zurück.

„Die Aussiedlerbeauftragten der Regierung haben sich bislang mit dem Problem nicht beschäftigt“, sagt Elmar Welt. Dabei würde es weniger kosten, viele Sozialhilfeempfänger mit einer einmaligen Zahlung zurückzuschicken, als ihnen über Jahre Stütze zu zahlen. Doch der Tenor der Politik lautet: „Tourismus finanzieren wir nicht.“

Das Sozialamt war auch das Erste, was Viktor und Elena von Torgau gesehen haben. Die Stadt an der Elbe hatten die deutschen Behörden für sie ausgesucht. Das Sozialamt dort ist im Schloss untergebracht, auf dem Weg überqueren die Kusmins jedes Mal die Schlossbrücke und sehen sich die Bären an, die unten im Hofgarten miteinander spielen, viel Platz haben und sich doch selbst genügen müssen.

Freunde haben die Kusmins bisher keine gefunden. Dabei sind sie absichtlich nicht nach Nordweststadt gezogen, dort wo in Torgau die meisten Aussiedler leben. „Wir sind keine Pessimisten“, sagen sie. „Wir wollen immer nett sein.“ Aber abends sind sie dann allein mit dem Fernseher. Warum, das können sie selbst nicht so genau sagen.

Als es im vorletzten Winter so heftig schneite, da sind die Kusmins raus, mit dem Fotoapparat, und haben zwei Filme verschossen. Es ist schön in Torgau, sagen sie, aber in Sibirien ist es schöner.

2005 haben sie dort Urlaub gemacht, und Elena freute sich so, dass sie ihr Herzklopfen spürte. Mit ihren Freunden sind sie in die Altairegion gefahren und haben sich für ein paar Rubel eine Holzhütte an einem smaragdgrünen Gebirgsfluss gemietet. Wie in der Schweiz sei es dort, nur weiter, uriger und menschenleer. Abends saßen sie dann zusammen, bei Wodka und Gurken, Wasser und Fisch. Die Kusmins haben auch von Sibirien Fotos gemacht, sie könnten stundenlang in den Alben blättern.

Hier in Torgau bleibt den Kusmins allein die Erinnerung. „Niemand braucht uns hier“, sagen sie. Nur noch der Sohn. Und eigentlich noch nicht mal der. Roman baut sich ein eigenes Leben als Sportler auf. In zwei Jahren will er in der Nationalmannschaft rudern, er träumt von Olympia. Der 14-Jährige mit den roten Haaren und der festen Zahnspange sagt: „Für meine Eltern wäre es gut, wenn sie zurückgehen würden. Aber ich bleibe.“ Es mag ein Migrantenklischee sein, doch die Kusmins wünschen sich, dass es ihr Kind mal besser haben soll. Roman war sieben Jahre alt, als er nach Deutschland kam. Ihm ist es leicht gefallen, sich anzupassen. Sein Deutsch ist akzentfrei; wenn er zu Hause ist, schaltet er problemlos zwischen beiden Sprachen hin und her. Ihn jetzt noch einmal aus der Schule reißen, ihn noch einmal umtopfen?

Neulich, da gab es eine Ausstellung in der Fraueninitiative über die Geschichte der Aussiedler. Ein Autor las aus einem Buch, gefüllt mit Biographien von Russlanddeutschen. Danach sollte diskutiert werden, das erledigten dann zum größten Teil die anderen. Die Aussiedler verhielten sich ruhig, Viktor und Elena auch. Auch als der Autor seinen Wunsch äußerte, dass die Aussiedler doch bitteschön auch mental in Deutschland ankommen mögen, nicht nur physisch.

Viktor und Elena sind in Gedanken oft in Sibirien. „Unsere Freunde haben uns gefragt, warum wir denn nicht zurückkommen“, sagen sie, „aber dann müssen wir ja schon wieder von vorne anfangen“. Die Hoffnung, dass es irgendwann besser wird, liegt nur leise in ihren Stimmen. Dann werden sie still. Vielleicht kehren sie ja zurück, wenn Roman 18 wird – in das Land, das sie Heimat nennen.

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