Zeitung Heute : Downtown

Detroit ist bankrott. Die legendäre Autobauer-Metropole muss Konkurs anmelden. Es ist die größte Stadtpleite der US-Geschichte.

Amerikanischer
AmerikanischerFoto: dpa

Wer Detroit besucht, hat bald keine Illusionen mehr. Schon die Autobahn vom Detroit Metropolitan Airport in Richtung Zentrum führt vorbei an riesigen Fabrikruinen. Einst gab es hier zigtausende Jobs, heute steht alles leer, die Fensterscheiben fehlen. Die frühere Boomtown Amerikas, einst Zentrum der Automobilindustrie, ist am Ende. Die Bevölkerung schrumpft, die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Kriminalität steigt. Nun hat Detroit Konkurs angemeldet. Es ist die größte Stadtpleite in der amerikanischen Geschichte, die Schulden Detroits liegen zwischen 18 und 20 Milliarden Dollar.

Ein Blick zurück: Die Erfolgsgeschichte von Detroit beginnt um 1830. Dank der strategisch guten Lage inmitten der Fünf-Seen-Platte wird Detroit zum Zentrum für Schiffsbau und Frachtverkehr. Geld fließt in die aufstrebende Metropole, mächtige Villen werden gebaut. 1886 verkabelt Thomas Edison den Washington Boulevard. Es ist eine Sensation, denn elektrisches Straßenlicht gibt es sonst nur in New York. Immer mehr Menschen ziehen nach Detroit, das bald als „Paris des Westens“ gilt.

In einem Schuppen an der Mack Avenue baut Henry Ford 1896 sein erstes Automobil. Ein Riesenerfolg. Ford führt Fließbandarbeit ein, und wenige Jahre später ist die Ford Motor Company einer der größten Arbeitgeber Amerikas. In direkter Nachbarschaft produzieren Walter Chrysler und die Brüder Dodge. Jahrzehntelang wächst Detroit, bis es in den 50er Jahren mit mehr als 1,8 Millionen Einwohnern die viertgrößte Stadt Amerikas ist. Heute leben hier nicht mal 700 000. Die Arbeitslosenquote liegt bei 16,3 Prozent. Rund 78 000 Häuser stehen leer, viele sind baufällig oder ausgebrannt. Fast die Hälfte der Straßenlampen ist abgeschaltet – und die Polizei finanziell geschwächt und total überfordert. Im vergangenen Jahr gab es 411 Tötungsdelikte, so viele wie nie zuvor. Doch nicht einmal zehn Prozent der Verbrechen werden aufgeklärt.

Detroits Manager Kevyn Orr, von Michigans republikanischem Gouverneur Rick Snyder eingesetzt, um die Stadt im finanziellen Notstand zu führen, nennt das „inakzeptabel“. Er hat den Konkursantrag für die einstige Metropole eingereicht und will nun mit harter Hand durchgreifen, um die Stadt und ihre Finanzen zu sanieren. Rund 38 Prozent der laufenden Ausgaben der Stadt seien „legacy costs“, also laufende Posten für Renten und Pensionen der städtischen Angestellten. Die sollen nun dramatisch gekürzt werden, sehr zum Ärger von Polizei, Feuerwehr und anderen. „Wie soll ich ohne meine Rente leben?“, schimpft David Sole in einem Interview mit dem Sender CNN. Sole wurde vor einem halben Jahr nach 22 Jahren bei den städtischen Wasserwerken in den Ruhestand geschickt.

„Gouverneur Snyder und Kevyn Orr wollen, dass sich die Rentner jetzt von ihren arbeitenden Kindern durchfüttern lassen“, echauffiert sich Lee Saunders von der Beamtengewerkschaft im Bundesstaat Michigan in der „New York Times“. Seine Gewerkschaft hat sich mit anderen verbündet, um gegen den Konkursantrag zu kämpfen. Es bleiben 90 Tage Zeit, den Bankrott abzuwenden. Ohne deutliche finanzielle Zugeständnisse wird das nicht machbar sein, doch in der Vergangenheit hat man sich stets gegen eine Kürzung der Renten gewehrt.

Stadtmanager Orr will Detroits Verpflichtungen durch den Konkurs auf 2 Milliarden Dollar drücken. Damit würden Schuldner nur rund 17 Prozent ihrer Forderungen erhalten. Das sorgt vor allem am Anleihenmarkt für Unruhe, wo Milliardenausfälle erwartet werden.

Wie eine Rettung für Detroit aussehen könnte, ist zurzeit nicht absehbar. Mit einem Schuldenschnitt wäre man einen Schritt weiter, aber auf einer soliden Grundlage stünde die Stadt dann noch immer nicht. Es gibt keine neuen Arbeitsplätze, und die Hoffnung, dass die amerikanische Regierung mit massiven Subventionen den einstigen Automobilstandort in ein Zentrum für neue Industrien – etwa alternative Energien – umwandeln könnte, haben sich in den letzten Jahren zerschlagen.

Ein Lichtblick kommt ausgerechnet vom hölzernen Howdy Doody. Die Marionette war in den Fünfzigerjahren der Star der beliebtesten Kindersendung im amerikanischen Fernsehen. Howdy Doody gehört heute zur Sammlung des Detroit Institute of Arts – auf einer Auktion könnte die Puppe zwischen 300 000 und 500 000 Dollar bringen, schätzen Experten. Damit wäre die Stadt zwar noch immer tief im roten Bereich, doch steht die Marionette in der Debatte nur stellvertretend für den Gesamtbesitz der örtlichen Kunstsammlung. Die umfasst 60 000 Exponate und gehört laut Direktor Graham Beal zu den größten Sammlungen der Welt. Ihr Wert wird auf mehrere Milliarden Dollar geschätzt.

Ein rascher Verkauf ist allerdings nicht möglich. Michigans Staatsanwalt Bill Schuette hat erst im Juni festgelegt, dass Detroit die Kunstsammlung nicht wirklich besitze, sondern lediglich für die Bürger verwalte. Die würden sich allerdings lieber von Howdy Doody trennen als von ihrer Rente. Lars Halter

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!