Zeitung Heute : Dr. Schweigsam

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Von Thomas Seibert, Istanbul

Weiße Holzwände, ein rotes Giebeldach, ein kleiner Garten. Das gepflegte, hübsche Haus in der Cavit Pasa Sokak, einer ruhigen Seitenstraße im Istanbuler Stadtteil Göztepe, sieht nicht aus wie ein Hort des Bösen. „Özel Yesilbahar Hastanesi“, Privatkrankenhaus Yesilbahar, steht auf dem Eingangsschild.

Neugierige Besucher empfängt das Personal allerdings wenig freundlich, vor allem, wenn man nach Doktor Yusuf Sönmez fragt. „Der ist nicht hier“, sagt eine Frau im weißen Kittel, die in einem Wärterhäuschen steht und raucht. Nein, wann der Doktor wiederkomme, wisse sie auch nicht. Dabei ist Sönmez der prominenteste Arzt der Privatklinik, wenn sein Ruhm auch zweifelhafter Natur ist: Der Nierenspezialist steht unter dem Verdacht, am internationalen Organhandel beteiligt zu sein und im Yesilbahar-Krankenhaus dunklen Geschäften nachzugehen.

Seit es Medizinern möglich ist, Organe zu verpflanzen, gibt es immer wieder neue Gerüchte, die Armen in Entwicklungsländern verkauften ihre Nieren oder Augen an reiche Abnehmer, und gewissenlose Ärzte entnähmen ahnungslosen Patienten Organe, um daran zu verdienen. Viele dieser Geschichten sind bloße Legenden: Organe können nicht einem Menschen entnommen und einem beliebigen anderen eingepflanzt werden. Bei Nierenverpflanzungen zum Beispiel sind vor dem Eingriff viele Tests nötig, um festzustellen, ob Spender und Empfänger zueinander passen. Auch können entnommene Organe nicht lange aufbewahrt werden, die Transplantation muss also schnell und gewissenhaft vorbereitet werden.

Doch nicht alle Geschichten sind frei erfunden: Experten sind sich einig, dass ein illegaler Organhandel existiert, der die ganze Welt umspannt. Der Handel mit Nieren spielt dabei die größte Rolle, weil jeder Mensch eine seiner zwei Nieren abgeben kann, ohne zu sterben. Spender in armen Ländern wie Indien sollen schon für 1000 Dollar bereit sein, sich eine Niere entnehmen zu lassen. Die Empfänger zahlen bis zu 150 000 Dollar.

Fast überall auf der Welt ist der Organhandel gesetzlich verboten. Doch wo hört die legale Organspende auf und wo fängt der illegale Handel mit Organen an? In dieser Grauzone bewegt sich der 45-jährige Istanbuler Arzt Sönmez, der seit Jahren in den lukrativen Nieren-Handel verstrickt sein soll. „Doktor Frankenstein“ wird er in der türkischen Presse mitunter genannt. Viermal musste sich Sönmez in den vergangenen Jahren vor den türkischen Behörden verantworten, zuletzt im März: Damals soll Sönmez im Yesilbahar-Krankenhaus zwei Moldawiern je eine Niere entnommen und die Organe zwei Israelis eingepflanzt haben. Nach einem Verhör bei der Polizei wurden Sönmez und seine Mitarbeiter wieder freigelassen.

Sönmez in seinem Krankenhaus zu treffen ist schwierig, seine Mitarbeiter schirmen ihn ab. Aber zumindest auf ein Gespräch am Telefon lässt er sich ein. Er bestreitet nicht, dass er Nieren verpflanzt, er legt aber Wert auf die Feststellung, dass er nichts Ungesetzliches tut. Der Arzt sieht sich als Opfer einer Medienkampagne. „Die wollen Blut sehen“, sagt er über die Journalisten. „So was habe ich nicht verdient.“ Mehr als 400 Nieren hat Sönmez nach eigenen Worten in den vergangenen Jahren transplantiert, mit einer Erfolgsrate von „fast 99 Prozent“. Wenn man ihn mit dem Vorwurf des Organhandels konfrontiert, wird er wütend. „Nein!“, ruft er erregt, „ich bin kein Geschäftemacher, ich mache nur meinen Job.“ Die türkischen Gesundheitsbehörden hätten ihm keinen Gesetzesverstoß nachweisen können.

So war es auch beim jüngsten Einsatz der Polizei im Yesilbahar-Krankenhaus. Von den Moldawiern und den Israelis lagen Einverständniserklärungen vor, rechtlich gab es nichts zu beanstanden. Nach Erkenntnissen von Fachleuten erfolgen die von regelrechten Organ-Maklern organisierten Zahlungen diskret und ohne schriftliche Verträge. In Deutschland hat nach dem Transplantationsgesetz eine Kommission zu begutachten, ob die Einwilligung in eine Organspende freiwillig erfolgt und nicht Teil eines Organhandels ist. Sönmez betont, dass auch in der Türkei stets darüber gewacht wird, ob bei einer Transplantation alles mit rechten Dinge zugeht. Doch die Frage, wie ein moldawischer Spender und ein israelischer Empfänger gleichzeitig in seinem Operationssaal in Istanbul landen können, kann oder will der Nierenspezialist nicht beantworten: „Es ist nicht meine Sache, Fragen zu stellen. Das hieße, mich einzumischen. Ich muss als Arzt in einem Privatkrankenhaus nicht fragen, ob Geld gezahlt wird.“

Die Papiere für eine Transplantation hat man in der Türkei schnell zusammen. „Mit einem notariell beglaubigten Schreiben kann jeder sein Organ hergeben“, schrieb kürzlich die Istanbuler Boulevard-Zeitung „Star“. Gesetzeslücken und fehlende Kontrollen haben die Türkei zu einem Treffpunkt von meist bitterarmen Nieren-Spendern aus Osteuropa und wohlhabenderen Empfängern aus dem Nahen Osten oder anderen Teilen der Welt werden lassen.

Besonders aus Israel habe sich ein regelrechter „Transplantations-Tourismus“ in die Türkei und nach Osteuropa entwickelt, sagte die amerikanische Wissenschaftlerin Nancy Scheper-Hughes im vergangenen Jahr in einer Anhörung des US-Kongresses in Washington. Scheper-Hughes, die Vorsitzende der Organisation „Organs Watch“, wirft den Regierungen von Israel, der Türkei und anderen beteiligten Ländern vor, nicht genug gegen die Machenschaften zu unternehmen. Ein israelischer Nieren-Empfänger erzählte in einer US-Zeitschrift, seine Reise nach Istanbul sei so perfekt organisiert gewesen, dass bei der Ankunft auf dem Flughafen noch nicht einmal die Pässe kontrolliert worden seien.

Der Sönmez fiel auch nach dem schweren Erdbeben in der Türkei im August 1999, als Gerüchte aufkamen, Organhändler hätten im Katastrophengebiet Schwerverletzten und Toten Organe entnommen. Der Arzt weist dies entrüstet von sich und sagt, dass ein wahlloses „Einsammeln“ von Organen sinnlos sei. Dennoch schickte die türkische Regierung eine Untersuchungskommission in die Region.

In einem kürzlich veröffentlichten Erdbeben-Aktionsplan der Istanbuler Polizei heißt es, alle Krankenhäuser sollten vor Organhändlern gewarnt, die Kontrollen verstärkt werden. Personen, die mit Organhandel in Verbindung gebracht werden, würden nach einem neuen Beben überwacht. Spätestens dann dürften Doktor Sönmez und das Yesilbahar-Krankenhaus in Göztepe wieder Besuch von der Polizei bekommen.

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