Zeitung Heute : Dr. Sex

Erst erforscht er das Liebesleben der Wespen. Dann widmet er sich den Menschen. 1948 erscheint Alfred C. Kinseys erstes Buch, es erklärt den Amerikanern ihr Sexleben. Der Wissenschaftler selbst treibt es wild.

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Von Bodo Mrozek Eigentlich ist die Sache mit der Biene und der Blume denkbar einfach. Erwartungsvoll zittern die zu einem tiefen Kelch geformten Blätter. Die Biene senkt sich tief in die gespreizte Blütenpracht hinein, summt dort ein bisschen herum und am Ende gibt es nicht nur süßen Honig, auch der Blütenstaub hat sich wundersam verbreitet. So entstehen neue, kleine Blümchen – und beim Menschen muss es irgendwie so ähnlich laufen. Oder etwa nicht?

Der Sommer des Jahres 1921 ist heiß im USStaate Indiana. Das Paar, das im Juni heiratet, unterscheidet sich nicht von anderen Paaren. Weiß strahlt das Brautkleid auf dem Hochzeitsfoto in der Sommersonne. Seine Farbe symbolisiert die Unberührtheit der Braut. Als die Eheleute am Abend in ihr nagelneues Ehebett steigen, haben sie allenfalls eine leise Ahnung davon, was zu tun ist. Genaues wissen sie nicht. Woher auch? Im Film sah man Ehepaare zu dieser Zeit in getrennten Betten liegen, Begriffe für die Dinge, die sich unter der Bettdecke abspielten, waren offiziell nicht existent. Für Clara McMillen, genannt „Mac“, ist die Hochzeitsnacht in diesem Juni wie für viele andere Frauen ihrer Generation ein Alptraum. Ihr Gatte wird später das Sexualleben der Amerikaner revolutionieren wie vor ihm kein anderer. Doch am Tag der Hochzeit ist er noch Jungfrau im Alter von 27 Jahren. Sein Name ist Alfred Charles Kinsey.

Der Name Kinsey steht für Sex – seit 1948 mit „Das sexuelle Verhalten des Mannes“ sein erstes Aufklärungsbuch erschien. Ein Institut in Indiana trägt seinen Namen, soeben wurde sein Leben verfilmt: Bill Consons „Kinsey“ (mit Liam Neeson in der Titelrolle) hat kommende Woche Deutschlandpremiere, es ist der Abschlussfilm der Berlinale. Und im März erscheint das Buch „Kinsey – Let’s talk about Sex“ (Heyne Verlag). In den Staaten wettern Ultrakonservative und religiöse Eiferer aus dem Bible Belt: Der Film sei ein „gotteslästerliches Werk“. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem Girlie-Stars halbnackt auftreten dürfen solange sie öffentlich bekennen, Jungfrauen zu sein, tut sich schwer mit seiner Freiheit. In solchen Momenten scheint es, als habe sich seit Kinseys frühen Jahren nicht viel geändert.

Nach der missglückten Hochzeitsnacht im Jahre 1921 suchen Kinsey und seine Frau Mac einen Arzt auf. Der Doktor attestiert dem Gatten eine ungewöhnlich große Männlichkeit und nimmt einen kleinen operativen Eingriff vor, nicht bei ihm, sondern bei Mac. Das Resultat ist offenbar befriedigend: Die Kinseys zeugen vier Kinder.

Zu dieser Zeit weiß der junge Harvard-Absolvent Alfred Kinsey alles, was ein Biologe nur wissen kann über die Fortpflanzung der Bienen, genauer gesagt: Wespen. Denn denen gehört seine Leidenschaft. Über das Liebesleben der Menschen weiß er nichts. Seine Kindheit hatte der 1894 im amerikanischen Hoboken, New Jersey, geborene Sohn eines puritanischen Predigers bei den Boy Scouts verbracht. Im Pfadfinderhandbuch von 1914 kann man lernen, wie man aus nassen Hölzern ein Feuer entfacht oder einen Fluss mit einem Seil überquert. Über den erwachenden Sexualtrieb des pubertierenden Körpers steht dort: „Er schwächt seine Kraft und es nisten sich Gewohnheiten ein, die er im späteren Leben nur unter großen Schwierigkeiten wieder ablegen kann.“ Gegen allzumenschliche Bedürfnisse empfiehlt Fähnleinführer Kinsey seinen Wölflingen ein Stoßgebet zum lieben Gott.

Warum aus dem wenig beachteten Wespenforscher Kinsey, der seine Beute katalogisiert und fein säuberlich in Vitrinen archiviert, der umstrittene „Professor Sex“ wird, ist nicht ganz geklärt. Vielleicht, so glaubt seine Biografin Linda Wolfe, motivierten ihn die Pfadfinder, wo er sich stark zu einem ernsten 15-Jährigen Jungen hingezogen fühlte. Oder, so interpretiert es Bill Consons Film, es waren die unsäglichen Ehe-Seminare seiner Zeit, die zur Enthaltsamkeit aufriefen und absurd übertriebene Gesundheitsgefahren herauf beschworen. Belegt ist, dass Kinsey seit den 30er Jahren Studenten bei sexuellen Nöten berät. Nur empfiehlt er nun nicht mehr das Vaterunser, wenn ein Student fürchtet, Onanie führe zu Impotenz oder außerehelicher Sex zur Blindheit. Fasziniert von den sexuellen Biografien seiner Studenten tat Professor Kinsey, den seine Studenten „Prok“ nennen, etwas ganz und gar Wissenschaftliches: Er entwarf einen Fragebogen.

Kinseys Methoden waren ungewöhnlich. In seinem Eheberatungskurs, den er 1938 auf eigenen Wunsch an der Universität anbietet, projiziert er eine menschliche Penetration in Großaufnahme auf die Leinwand. Mit Hilfe eines komplizierten Codesystems verschlüsselt er die Antworten der Studenten zu anonymisierten Datensätzen – später füttert er einen kühlschrankgroßen IBM-Computer mit den bei seinen Studenten gesammelten Daten ihres Liebeslebens auf Lochkarten.

Befragungen zur „Sexualhygiene“ waren nicht neu. Bereits 1907 hatte der Berliner Arzt Iwan Bloch eine Sexualwissenschaft gefordert und 1913 gründete Magnus Hirschfeld in Berlin sein Sexologisches Institut. Der Gynäkologe Robert Latou Dickinson hatte 1931 die Sexualgeschichten von 5000 Frauen protokolliert. Die Erkenntnis, dass Sex keine rein private Angelegenheit ist, setzte sich in den 40er Jahren allmählich durch. Schon damals setzten Werber auf die umsatzsteigernde Wirkung sexualisierter Bilder.

Zudem ging das Gespenst der Überbevölkerung um. Protestantische Kreise fürchteten die biologische Ausbreitung des Katholizismus, der die Empfängnisverhütung kategorisch ablehnte. Der protestantische Rockefeller-Clan steckte beträchtliche Summen in Kampagnen zur Geburtenkontrolle, und mit der großzügigen Unterstützung der Rockefeller Stiftung konnte auch Alfred Kinsey sein Institut für Sexualforschung gründen. Mit seinen Mitarbeitern stellte er einen umfangreichen Fragenkatalog zusammen. Die Freiwilligen, darunter Professoren und Prostituierte, Häftlinge, Zuhälter und Zahnärzte, beantworteten bis zu 300 Fragen: „Wie groß ist Ihr Glied? Hatten Sie vorehelichen Sex? Wie lange brauchen Sie bis zum Höhepunkt?“

Als Kinsey seine Ergebnisse 1948 veröffentlicht, platzt die Bombe. Sein Buch „Das sexuelle Verhalten des Mannes“ wertet auf 700 Seiten die Berichte von 5300 Personen aus. Demnach stehen die sexuellen Aktivitäten der Bevölkerung im Widerspruch zur herrschenden Moral. Mehr als 67 Prozent der Männer haben dem Bericht zufolge Sex vor der Ehe. Doch obwohl zwischen 92 und 97 Prozent der Männer sie bereits praktiziert haben, halten 85 Prozent der Befragten die Selbstbefriedigung für unmoralisch. Der „Kinsey-Report“ belegt auch, dass 69 Prozent der weißen Bevölkerung Beziehungen zu Prostituierten unterhalten und 36 bis 50 Prozent homosexuelle Erfahrungen haben. Homosexualität galt bis 1974 in den USA offiziell als Geisteskrankheit.

Das Buch macht den Professor aus Indiana schlagartig berühmt. Binnen weniger Monate verkauft es sich 200 000 Mal und wird in sechs Sprachen übersetzt. Ein Magazin stellt fest, es sei der wichtigste Bestseller der Amerikaner – nach der Bibel. Es enthält auch Erkenntnisse, mit denen man eher nicht gerechnet hatte: Etwa, dass fast jeder Zweite auf dem Land aufgewachsene Amerikaner schon mal Sex mit Tieren hatte, darunter „praktisch alle auf der Farm oder im Haus gehaltenen Tiere. Wegen ihrer passenden Größe aber vor allem Kälber, Esel und Schafe.“

Einer Umfrage zufolge halten 1953 drei Viertel der Bevölkerung die Veröffentlichung des Reports für „eine gute Sache“. Scharfe Kritik üben Konservative und Kirchen. Zudem wirft man Kinsey vor, seine Datenbasis sei nicht repräsentativ, weil die gebildeten, angloamerikanischen Schichten darin überproportional vertreten seien. Das Material weckt auch Begehrlichkeiten der Bundespolizei, denn es hätte getaugt, um nach dem rigiden Strafrecht etliche prominente Interviewpartner hinter Gitter zu bringen. Nach einem Briefwechsel Kinseys mit FBI-Chef Edgar J. Hoover, angeblich ein passionierter Träger von Damenunterwäsche, verläuft die Sache im Sande.

Kinsey, den Zeitzeugen als zunehmend herrisch beschreiben, reagiert empfindlich auf Kritik. Auf seinen Expeditionen war er in ihm unbekannte Gebiete vorgedrungen und ging in der Schwulenszene von Chicago ein und aus. Er war in einem Bordell von der Polizei als Spanner aufgegriffen worden und der Zoll beschlagnahmte pornographisches Material, das der manische Sammler Kinsey für sein Institut aus allen Kulturen zusammentrug (eine Auswahl enthält der großformatige Bildband „The Sex Report“, Wachter Verlag, Bönnigheim 2003). Was die Öffentlichkeit nicht wissen darf: Kinsey unterhält zeitweilig eine Liebesbeziehung mit seinem Mitarbeiter Clyde Martin. Bald fragt Martin Kinsey, ob er mit dessen Ehefrau Mac ebenfalls ein Verhältnis beginnen dürfe. Kinsey willigt ein, die Ehe übersteht diese Experimente unbeschadet.

Kinsey verlangt daraufhin von seinen verheirateten Mitarbeitern den Partnertausch – nicht alle Beteiligten sind begeistert. In einer Dachkammer richtet er ein Filmstudio ein und filmt Hetero- und Homosexuelle beim Sex. Später auch sado-masochistische Praktiken, wie James H. Jones in seiner 1,5 Kilo schweren Kinsey-Biographie „A Public / Private Life“ nachweist (New York: Norton & Co, 1997). Seine akademischen Mitarbeiter machen sich wissenschaftliche Notizen, Mrs. Kinsey wechselt die Laken und serviert selbstgebackenen Apfelkuchen. Abends hört man andächtig klassische Musik vom Grammophon im bürgerlichen Salon.

Auch in seinen Büchern belässt es Kinsey nicht bei nüchternen Tabellen und Statistiken. Er fordert, das überkommene Strafrecht zu reformieren: „Bei einer entsprechenden Auswertung der Angaben kann man feststellen, dass mindestens 85 Prozent unserer jüngeren männlichen Bevölkerung als Sittlichkeitsverbrecher überführt werden könnte“, schreibt er. Als in New York 1951 einem deutschen Professor die amerikanische Staatsbürgerschaft verweigert wird, weil er vor seiner Ehe eine Affäre hatte, weist sein Anwalt anhand des Kinsey-Reports nach, dass er sich damit nicht von 85 Prozent der amerikanischen Männer unterscheide. Ein Berufungsgericht erlaubt die Einbürgerung.

Das Jahr 1953, erstmals erscheint ein neues Magazin mit Namen „Playboy“, leitet die Wende in Kinseys Erfolgsgeschichte ein. Am 20. August kommt der zweite Band seines Reports „Das sexuelle Verhalten der Frau“ in die Buchläden. Am Erscheinungstag schmückt das Porträt des Professors mit dem Bürstenhaarschnitt die Titelseite des „Time Magazine“. Doch der Kommentar der Zeitschrift fällt verhalten aus: Kinsey habe das Meer der Sexualität in seiner Weite befahren, aber nur Oberflächenströmungen durcheinandergewirbelt. „Die Ehe ist wie Schweinskopfsülze“, schreibt eine Zeitung in Kansas, „wenn man ihre Bestandteile genauer untersucht, vergeht einem der Appetit.“

Dennoch wird aus Kinsey, dem verbissenen Forscher aus Indiana, fast ein Popstar. Ein Buch mit satirischen Fotos zum Report „Oh, Doktor Kinsey“ bringt es zum Bestseller. Cole Porter schreibt für Ella Fitzgeralds Auftritt im Broadway-Musical „Kiss me Kate“ ein Lied über Kinsey. „Mr. Kinsey, der als Sexspezialist / theoretisch ja sehr viel weiß / hat behauptet, wenn es abgekühlt ist / sind wir Männer besonders heiß“, singt Peter Alexander in der deutschen Übersetzung. Als die beiden Bände des „Reports“ 1955 in Deutschland erscheinen, entbrennt auch hier eine Diskussion. Der Soziologe Helmut Schelsky wendet sich in seiner „Soziologie der Sexualität“ gegen Kinsey, die Startauflage beträgt 1955 40 000 Exemplare. „Ich habe nur wenig für die Bestseller des Herrn Kinsey übrig“, schreibt Günter Matthes im Tagesspiegel. Die Zeitschriften sind voller Karikaturen über „Doktor Sex“ und der „U.S. News & World Report“ behauptet, Kinseys Sexstudie stelle selbst die soeben erschienenen Berichte über die sowjetischen Experimente mit der Wasserstoffbombe in den Schatten.

Der Prediger Billy Graham holt 1953 zum Gegenschlag aus. „Es ist unmöglich, den Schaden abzusehen, den dieses Buch der sich ohnehin schon verschlechternden Moral in Amerika zufügen wird“, wettert er in seinem Traktat „Die Bibel und Doktor Kinsey“, das es auf mehr als 50 000 verkaufte Exemplare bringt. Kinseys Erkenntnisse über außerehelichen Sex von Frauen hört man in Amerika nicht gerne. Insbesondere die Behauptung, dass diese Frauen in der Ehe weit besser zurecht kommen, als solche, die jungfräulich heiraten, stößt auf wenig Gegenliebe. Der Vorwurf: Kinsey behaupte, die Frauen liebten nicht ihre Ehemänner, sondern die Liebe selbst. Die Darstellung der Frauen als sexuelle Wesen, die ebenso fremdgehen wie ihre Ehemänner, demoralisiere die Kampfmoral der US-Soldaten, die in Korea in die Gewehrmündungen des Kommunismus blicken. Zudem geht in progressiven Kreisen die Angst vor der antiliberalen Hetze des republikanischen Senators McCarthy um, der auch der marxistische Sexualwissenschaftler und Orgon-Theoretiker Wilhelm Reich zum Opfer fällt. Nachdem die Regierung droht, der Rockefeller Stiftung die Steuervergünstigungen zu entziehen, streicht man dem Kinsey-Institut 1953 die Mittel – und fördert stattdessen einige seiner schärfsten Kritiker.

„Prok“ verändert sich mit den Vorwürfen. „Noch zehn bis 15 Jahre aktive Tätigkeit“, hatte Kinsey 1951 dem Magazin „Look“ auf die Frage nach seinen wissenschaftlichen Plänen geantwortet. Die Freud’sche These der Entstehung aller Kunst aus sublimierter Sexualität wollte er mit Umfragen unter Künstlern klären, ein Buch über Sexualstraftäter sollte folgen. Doch ihm blieben nur noch wenige Monate. Kinseys Tod an Herzversagen ist bis heute fast so umstritten wie seine Arbeit. Manche behaupten, er sei Masochist gewesen und an den Folgen einer Selbstverstümmelung zu Grunde gegangen. Andere schreiben seinen Tod einer Tablettensucht zu. Die Transsexuelle Christine Jorgensen schrieb in ihren Memoiren, bei ihrer Ankunft in Bloomington, Kinsey wollte sie interviewen, hätten Journalisten das Haus des Professors derart belagert, dass er einen Herzanfall erlitt, der ihn nachhaltig geschwächt habe. Alfred C. Kinsey starb am 25. August 1956 im Alter von 62 Jahren im Krankenhaus von Bloomington, Indiana.

Die fortschreitende Aufklärung der 60er, die „sexuelle Befreiung“ der 70er Jahre, die Schwulenemanzipation, das Spielzeugland der Beate Uhse, die Filme von Oswalt Kolle und die Verbreitung von Aids, Swingerclubs und Brustvergrößerungsshows erlebt der Aufklärer nicht mehr, ebenso wenig wie die Etablierung regelmäßiger Umfragen zum Thema Sex. Mariam Lau resümiert in ihrem Buch „Die neuen Sexfronten“: Womöglich war er es, der die sexuelle Revolution los trat, indem er sie beschrieb.

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