Dr. WEWETZER : Am Ende der Tage

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin Heute: Hilfe für Schwerkranke

Hartmut Wewetzer

Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen: Bin ich, ist er nicht; ist er, bin ich nicht.“ So sprach der griechische Philosoph Epikur vor mehr als 2000 Jahren. 2000 Jahre vor der modernen Medizin. Vor Intensivstationen, High-Tech-Beatmungsmaschinen, vor einer Zeit, in der so mancher Mediziner jeden Patienten, und sei seine Situation noch so aussichtslos, zu retten versucht. Egal wie.

Es ist nicht mehr wie zu Zeiten Epikurs (wenn es je so war): Unser Umgang mit dem Unausweichlichen ist anders geworden. Wir müssen uns mit ihm beschäftigen. Und immer mehr Menschen tun es. Stichwort: Patientenverfügung.

Im Krankenhaus wird diese letzte Willenserklärung oft eher belächelt oder als Misstrauensvotum angesehen. Leider, muss man sagen.

Aber auch hier beginnt man umzudenken. Die Palliativmedizin, die sich mit der Linderung von Leiden beschäftigt, hat sich in den letzten Jahren entwickelt. „Der Mensch, seine Lebenssituation und Wertvorstellungen werden mehr beachtet“, sagt Christof Müller-Busch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin.

Eine große Hilfe ist, wenn Arzt und Patient in der letzten Lebensphase über das sprechen, was medizinisch noch getan und was unterlassen werden sollte. Das setzt voraus, dass die Patienten bereit sind, den herannahenden Tod als Realität anzuerkennen. Für die Medizin bedeutet es das Eingeständnis einer Niederlage: Es geht darum, nicht alles zu machen, was möglich ist, sondern das, was noch sinnvoll ist.

Wie wichtig das Gespräch für Schwerkranke und ihre Betreuer ist, zeigt auch eine Studie von Alexi Wright, einer jungen Medizinerin am Dana-Farber-Krebsinstitut in Boston. Sie verglich zwei Gruppen von Krebspatienten, bei denen die Krankheit weit fortgeschritten war. Die eine hatte mit Ärzten über das bevorstehende Lebensende gesprochen und die noch bestehenden medizinischen Möglichkeiten diskutiert, die andere nicht. Es stellte sich heraus, dass Patienten, die zuvor mit ihrem Arzt gesprochen hatten, eine bessere Lebensqualität in ihrer letzten Woche hatten. Sie wurden weniger mit fragwürdig gewordenen medizinischen Eingriffen wie Beatmung, Wiederbelebung oder der Verlegung auf eine Intensivstation traktiert.

„Wenn man zugibt, dass der Tod nahe ist, können sich Patienten, Pflegende und Ärzte darauf konzentrieren, sich um die wirklichen Prioritäten des Patienten zu kümmern und Schmerzen und andere Symptome in den Griff zu bekommen“, schreibt Alexi Wright im Fachblatt „Jama“. Auch die Angehörigen werden besser mit der schweren Situation fertig.

„Diese Studie zeigt, dass man den Mut zum Reden und zur Wahrheit haben sollte“, kommentiert Eugen Brysch, Geschäftsführer der Deutschen Hospiz-Stiftung. Vielleicht das wichtigste Ergebnis: Menschen, die offen mit ihrem Arzt sprachen, hatten weniger Angst. Das Gespräch kann nicht heilen. Aber es kann helfen, am Ende eines Lebens inneren Frieden zu finden.

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