Dr. WEWETZER : Ansteckendes Glück

Hartmut Wewetzer

Wenn es einen Menschen in Ihrer Nähe gibt, der viel lacht und gute Laune verbreitet, der Optimismus ausstrahlt – schicken Sie ihn nicht weg! Denn Freude ist ansteckend. Bald also könnte es auch Ihnen besser gehen. Diese eigentlich altbekannte Tatsache hat nun eine US-Studie wissenschaftlich untermauert. Die Forscher untersuchten, wie sich Glück in einem sozialen Netzwerk ausbreitete, in einem Gewebe aus Kollegen, Freunden, Verwandten und Nachbarn. Ihr Ergebnis, veröffentlicht im „British Medical Journal“, stützt sich auf Daten von rund 4700 Versuchspersonen. Die Teilnehmer mussten sagen, wie oft in der vergangenen Woche Aussagen wie „Ich hoffte auf die Zukunft“, „Ich war glücklich“, „Ich genoss das Leben“ auf sie zutraf.

„Glück kann sich von Person zu Person zu Person ausbreiten – eine Art Kettenreaktion“, sagt James Fowler von der Universität von Kalifornien in San Diego, einer der beteiligten Forscher. Glückliche Menschen ballen sich in einem sozialen Netz zu regelrechten Knoten zusammen. Wenn Sie mit einem glücklichen Menschen befreundet sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es Ihnen gut geht, um 15 Prozent; um zehn Prozent, wenn der Freund eines Freundes glücklich ist; und immerhin noch um sechs Prozent, wenn es der Freund eines Freundes eines Freundes ist.

„Glück verbreitet sich stärker als Unglück", stellt Fowler fest – tröstlich in Krisenzeiten. Und die Erfüllung, die von einem auf den anderen übergeht, wirkt viel stärker als Geld. Die Untersuchung belegt, dass wir keine isolierten Atome sind, sondern soziale Wesen, Teil einer Gemeinschaft. In die gleiche Richtung weisen frühere Studien der Forscher, in denen sie zeigten, wie sich Übergewicht und Nichtrauchen in einem sozialen Netzwerk ausbreiten.

Nicht selten sind es Politiker, die sich die kollektive Sehnsucht nach dem Glück zunutze machen. Zum Beispiel der charismatische neue US-Präsident Barack Obama. „Er hatte zu einem wesentlichen Teil die gleiche Botschaft wie sein Konkurrent“, erläutert Isabella Heuser, Psychiaterin an der Berliner Uniklinik Charité. „Aber er verbreitete Optimismus, vermittelte große, ansteckende Gefühle und einen zupackenden Eindruck nach dem Motto: Wir können es schaffen!“

Manch einem ist kollektive Euphorie trotzdem verdächtig. Und manch einem gehen die Leute, die immer gut drauf sind, die immer mit Konfetti um sich zu werfen scheinen, auf den Keks. Wer gegen die Botschaften der Spaßgesellschaft immun ist, muss deshalb aber nicht unheilbar traurig sein. Wenn es ihm schlecht geht, kann er sich auch selber helfen, sagt die Psychiaterin Heuser. „Stellen Sie sich negativen Emotionen und Gedanken entgegen, sprechen Sie sich selber Mut zu“, rät sie. „Sagen Sie zu sich selbst: Bisher ist mir vieles gelungen, es wird mir auch jetzt wieder gelingen!“ Mit anderen Worten: Manchmal gelingt es, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Ganz ohne Netzwerk.

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