Dr. WEWETZER : Aus dem Schatten

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Tai-Chi für Zuckerkranke

Hartmut Wewetzer

Auf gewisse Weise steckt in jedem von uns ein kleiner Chinese. Anders kann man sich kaum erklären, dass sich die traditionelle chinesische Medizin hierzulande inzwischen so großer Beliebtheit erfreut. Vor allem die Akupunktur hat es den Deutschen angetan. Wie aber steht es mit Tai-Chi, dem traditionellen chinesischen Schattenboxen? Auch diese alte Sportart könnte bald, wenn der Kalauer erlaubt ist, aus dem Schatten heraustreten. Zwei neue, allerdings nicht sehr umfangreiche Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Tai-Chi helfen kann, Typ-2-Diabetes („Alterszucker“) besser in den Griff zu bekommen, und zudem das Immunsystem kräftigt. Vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb dieser Sport bei älteren Leuten in China so beliebt ist!

Tai-Chi ist eigentlich ein Kampfsport, auch wenn die Kämpfer sich wie in Zeitlupe und scheinbar schwerelos bewegen. Aber es geht nicht um Treten, Schlagen oder Körperkontakt. Die langsamen, rhythmischen und meditativen Körperbewegungen sollen helfen, Entspannung, innere Ruhe und Frieden zu finden. Was so schwerelos erscheint, verlangt durchaus Muskeltraining. Der Körper soll in der Bewegung aufrecht bleiben. So, als sei der Scheitelpunkt des Kopfes mit einem Faden am Himmel befestigt.

Für die erste Studie wurden 30 Taiwanesen mit Alterszucker über zwölf Wochen in Tai-Chi geschult. Es stellte sich heraus, dass die Übungen den Blutzucker senkten. Das ermittelten die Mediziner um Kuender Yang vom Chang-Gung-Memorial-Hospital in Kaohsi anhand des glykosylierten Hämoglobins. Dieser Wert ist ein Maß für die „Überzuckerung“ des Blutes. Er sank von 7,59 auf 7,16 Prozent. Dagegen verdoppelte sich die Menge des im Blut kreisenden Interleukin 12. Das ist ein Eiweiß, das die Immunabwehr stärkt. Zugleich ging Interleukin 4 zurück – dieses Eiweiß dimmt die Körperabwehr herunter.

In der zweiten Untersuchung wurden elf Personen mit erhöhten Blutzuckerwerten ebenfalls zwölf Wochen im Schattenboxen geschult. Wie die Forscher um Xin Liu von der Universität von Queensland in St. Lucia/Australien berichten, sank bei den Probanden Blutzucker und Blutdruck, sie verloren drei Kilogramm überflüssiges Körpergewicht und der Bauchumfang nahm um drei Zentimeter ab.

Anhänger des Tai-Chi werden günstige Effekte vielleicht auf den ungestörten Fluss der „Lebensenergie“ Qi (sprich: Tschi) zurückführen. Die Forscher haben in ihren im Fachblatt „British Journal of Sports Medicine“ veröffentlichten Untersuchungen eine andere Erklärung parat. Tai-Chi ist eine Form leichten körperlichen Trainings, und wie aus anderen Studien bekannt ist, hilft die nun einmal, wenn der Blutzucker zu hoch ist.

Das Gleiche gilt für das Immunsystem. Während Extremsport unsere Körperabwehr schwächt und anfälliger macht, ist ein gewisses Maß an regelmäßiger Bewegung gut für die Abwehr von Infektionen. Wem Schattenboxen doch ein bisschen fremd ist, der kann sich auch aufs Fahrrad schwingen oder seine Laufschuhe anziehen. Auch dann fließt Qi.

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