Dr. Wewetzer : Brustkrebs früh erkennen

Etwa jede achte bis zehnte Frau erkrankt irgendwann in ihrem Leben an Brustkrebs, wobei das mittlere Erkrankungsalter bei 65 Jahren liegt.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Überall in Europa wurden in den letzten zehn, zwölf Jahren daher Früherkennungs-Reihenuntersuchungen (Mammografie-Screenings) eingeführt, um die Gefahr zu senken, an Brustkrebs zu sterben. Das Prinzip des Screenings besteht darin, Menschen zu untersuchen, die keine einschlägigen Beschwerden oder Symptome haben – also (hoffentlich) Gesunde. Bei ihnen möchte man den Krebs entdecken, bevor er Probleme macht. In Deutschland werden Frauen zwischen 50 und 69 alle zwei Jahre eingeladen, am Screening teilzunehmen. Über Sinn und Unsinn der Früherkennung wird jedoch bis heute heftig gestritten. Jetzt haben Forscher die Brustkrebs-Früherkennung in Europa zum ersten Mal umfassend bewertet – und ihre Ergebnisse, veröffentlicht im „Journal of Medical Screening“, sind durchaus ermutigend.

Die Wissenschaftler der Screening-Organisationen „Euroscreen“ und „Eunice“ haben auf der Basis von Studien und Erhebungen im Rahmen der europäischen Früherkennungsprogramme abgeschätzt, wie groß der Nutzen und der mögliche Schaden des Screenings ist. Das Wichtigste zuerst: Von 1000 Frauen, die 20 Jahre regelmäßig zur Früherkennung gehen, werden sieben bis neun vor dem Tod durch Brustkrebs gerettet. In dieser Gruppe sterben 21 bis 23 Frauen an dem Leiden, bei 1000 Nicht-Teilnehmerinnen sind es 30.

So viel zum Nutzen. Ein Nachteil der Früherkennung ist die Überdiagnose. So bezeichnet man Krebsfälle, die der Frau zu Lebzeiten niemals gefährlich geworden wären. Etwa, weil sie nur langsam wachsen. Solche Brusttumoren wären nie entdeckt worden, wenn die Frau nicht zur Früherkennung gegangen wäre. Die Forscher vermuten, dass unter den 71 Krebsfällen, die bei 1000 Teilnehmerinnen am Screening auftreten, vier Überdiagnosen sind. Vier der 1000 Frauen werden also überflüssigerweise behandelt.

Das zweite große Problem des Screenings ist falscher Alarm. Das bedeutet, dass es in der Röntgenuntersuchung Hinweise auf Krebs gibt, die sich nicht bewahrheiten. Von besagten 1000 Teilnehmerinnen trifft es in 20 Jahren insgesamt immerhin jede fünfte. Allerdings nur bei 30 von ihnen sind eingreifende Untersuchungen wie Gewebeentnahmen nötig.

Entschuldigung, das waren jetzt eine Menge Zahlen – aber sie sind nun einmal die Grundlage, um sich für oder gegen eine Teilnahme am Screening zu entscheiden. Stephen Duffy von der Londoner Queen-Mary-Universität, einer der leitenden Wissenschaftler der Auswertung, hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Der Bericht bestätige, dass die Reihenuntersuchungen den Nutzen erbringen würden, den die vorausgegangenen Forschungsstudien hätten erwarten lassen. „Es ist eine besonders gute Nachricht, dass die Zahl der durch das Screening geretteten Leben die der Überdiagnosen um den Faktor zwei übertrifft“, sagt Duffy. Natürlich muss jede Frau selber wissen, ob ihr das genügt.

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