Dr. WEWETZER : D-Day fürs Immunsystem

Vor Kurzem habe ich an dieser Stelle über den Nutzen des „Sonnenvitamins“ D für die Gesundheit geschrieben. Es mehren sich die Studien, nach denen Vitamin D die Immunabwehr stärkt und das Risiko von Krebskrankheiten, Herzleiden, Knochenbrüchen und Diabetes verringert. So weit, so gut. Aber um die Frage, wie viel Vitamin D empfehlenswert ist, habe ich mich ein wenig herumgedrückt und prompt Kritik geerntet.

Ja, wie viel vom „D“? Die Antwort ist widersprüchlich. Denn die Untersuchungen, die Vitamin D in so positives Licht tauchen, haben bei der hierzulande maßgeblichen Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bislang wenig bewirkt. Offenbar wartet man dort ab, bis eine Studie absolut wasserdichte Ergebnisse bringt, und ändert erst dann seine Empfehlungen. Bisher sind diese sehr zurückhaltend. Manche nennen sie veraltet.

Am Tag genügen den meisten Menschen laut DGE fünf Mikrogramm Vitamin D, mit Ausnahme von Kindern bis zu einem Jahr und Menschen jenseits der 65, die jeweils laut DGE zehn Mikrogramm benötigen. Fünf Mikrogramm entsprechen 200 Internationalen Einheiten, IE. So viel D-Vitamin ist auch in Multivitamintabletten enthalten. Die DGE empfiehlt Spazierengehen – Sonnenlicht fördert die Vitaminbildung in der Haut – und fischreiche Ernährung als Quelle. 200 IE, das ist aus Sicht der Fachleute, mit denen ich gesprochen habe, jedoch zu wenig, ja „glasklar unterdosiert“.

Sie weisen darauf hin, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung zu wenig Vitamin D im Blut hat, im Alter 75 Prozent. Statt zu 200 IE (fünf Mikrogramm) raten manche Experten zu 1000 IE (25 Mikrogramm), also die fünffache Menge. Horst Lübbert, Gynäkologe an der Berliner Charité, empfiehlt diese Dosis jenseits des 50. Lebensjahres Frauen wie Männern. In den Monaten mit reichlich Sonne kann man auch aussetzen. Ähnlich sieht das der Charité-Ernährungsexperte Andreas Pfeiffer. Eine prinzipielle Grenze nach unten gibt es übrigens nicht. „Die meisten Menschen würden von 1000 IE profitieren“, sagt Pfeiffer.

Wer wissen will, wie es um seinen persönlichen Vitamin-D-Serumspiegel bestellt ist, kann mit einem Bluttest für etwa 20 Euro Gewissheit erlangen. Zwischen 30 und 50 Nanogramm pro Milliliter sind wünschenswert. Verlangt man in der Apotheke „hoch“ dosierte Vitamin-D-Präparate, sollte man sich übrigens nicht wundern, wenn der Mann oder die Frau hinter dem Tresen zusammenzuckt. Der Charité-Experte Lübbert rät dennoch zur Gelassenheit. „Fragen Sie in diesem Fall nicht Ihren Apotheker.“ Das Risiko einer Überdosierung ist gering.

Die Nationalen Gesundheitsinstitute der USA raten, am Tag nicht mehr als 2000 IE aufzunehmen, andere sind der Ansicht, dass Gesunde selbst 10 000 IE ohne Probleme verkraften. Das ist in etwa die Menge an Vitamin D, die ein halbstündiges Sonnenbad am Meer in der Haut erzeugt. Vorausgesetzt, man hat sich nicht mit Sonnenschutzcreme eingeölt. Die blockiert leider nicht nur UV-Strahlen, sondern auch die Vitamin-D-Bildung. Alles hat seinen Preis.

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