Dr. Wewetzer : Der 40-jährige Krieg

Unser Gesundheitsexperte fahndet nach guten Nachrichten aus der Medizin. Heute: Wie die Genetik der Krebsmedizin hilft

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Rund 40 Jahre ist es her, da wurde dem Krebs der Krieg erklärt. Natürlich nur metaphorisch. Der amerikanische Präsident Richard Nixon unterschrieb im Dezember 1971 das Nationale Krebsgesetz und machte damit die Bekämpfung der Krankheit zur staatlichen Aufgabe. Der Sieg über den Tumor war der Auftrag, eine Mondlandung der Medizin gefordert. Seitdem hat allein das Nationale Krebsinstitut der USA 90 Milliarden Dollar in Forschung, Behandlung und Vorbeugung investiert. Aber noch immer erkrankt jeder zweite Mann, jede dritte Frau an einem bösartigen Tumor. Ist der Krieg verloren, wie Skeptiker seit langem argwöhnen?

Zugegeben, der große Durchbruch ist ausgeblieben. Manche Krebsarten (Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse) haben kaum etwas von ihrer Gefährlichkeit eingebüßt. Aber in Ländern wie Deutschland und den USA sterben weniger Menschen an ihrem Krebs. Und es gibt Fortschritte an vielen Fronten, militärisch gesprochen. Fortschritte in der Erkennung und Behandlung, Fortschritte auch beim Lindern von Leiden, wenn keine Heilung mehr möglich ist. Und da sind neue Ansätze, wie die Impfung gegen Krebs. Den größten wissenschaftlichen Sprung nach vorn hat die Genforschung gemacht. Denn Krebs entsteht zu einem wesentlichen Teil in den Erbanlagen. Neue Methoden ermöglichen es, das Erbgut der Krebszelle zu „durchleuchten“. Noch tun sich die Mediziner schwer damit, die dabei erhaltenen genetischen Muster richtig zu deuten. Aber auch da geht es voran. Zwei Beispiele aus dem Fachblatt „Jama“:

Eine 39-jährige Patientin mit Blutkrebs stellte John Welch von der Washington-Universität in St. Louis vor ein Rätsel, weil die Patientin sich dem üblichen Schema für ihre Krankheit entzog und damit auch die Behandlung unklar war. Die Ärzte entschlossen sich, das komplette Erbgut der Frau zu entziffern. Dabei stießen sie auf ein zuvor verborgenes krebserzeugendes Gen und konnten die Behandlung erfolgreich darauf einstellen.

Tragischer ist der zweite Fall einer schwerkranken Frau, die mit 37 an Brustkrebs und mit 39 Jahren an Eierstockkrebs erkrankte. Auch bei ihr gab eine komplette Erbgutanalyse in der gleichen Klinik Aufschluss über die Ursache: eine desaströse Veränderung im p53-Gen, das in intakter Form ein vor Krebs schützender „Wächter des Erbguts“ ist. Die zufällige Mutation, die schon früh im Mutterleib erfolgt sein muss, hat die Frau mit einer schweren Hypothek auf die Welt kommen lassen. Sie starb mit 42 Jahren, aber zumindest ihre drei Kinder können sich nun testen lassen. Falls sie das Gen geerbt haben, werden regelmäßige Untersuchungen helfen, das Risiko zu verringern.

Die Beispiele zeigen, wie verschieden, ja individuell die Ursachen eines Tumors sind. Und wie ein Glas, das auf den Boden gefallen ist, zersplittert die Diagnose Krebs im Zeitalter der Genetik: in viele tausend Einzelfälle. Wenn es gelingt, diese Splitter wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen, wird auch der Krieg gegen den Krebs gewonnen werden.

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