Dr. WEWETZER : Die Klugheit der Jahre

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Warum das Alter weise macht

Hartmut Wewetzer

Alt und weise – wer glaubt noch daran? Das Wachsen der Jahresringe wird heute eher mit Schwund als mit Gewinn in Verbindung gebracht. Mit dem Verlust an Gesundheit, an geistiger Spannkraft, an Freunden, an Lebenszeit. Das stimmt leider nur zu oft. Und zu allem Überfluss beißt sich die Wissenschaft seit Jahren die Zähne an der Frage aus, was Weisheit eigentlich ist. Wenn etwas so schwer zu fassen ist, existiert es dann überhaupt? Jetzt sind amerikanische Forscher auf eine interessante Spur gestoßen. Vielleicht, sagen sie, ist das alternde Gehirn wirklich ein weises Organ. Vorausgesetzt, es ist noch gesund.

Die Wissenschaftler setzen ausgerechnet bei der „gutartigen“ Vergesslichkeit an, die mit den Jahren zunimmt. Wer älter ist, ist auch schussliger. Namen, Telefonnummern und Ähnliches entfallen mitunter dem Gedächtnis. Nicht schlimm, aber lästig. Die Probleme mit dem Faktenwissen haben aber auch eine positive Seite. Denn auf der Habenseite steht eine weiter gespannte Aufmerksamkeit.

Während das jüngere Gehirn eher wie ein Teleobjektiv arbeitet und nah an eine Sache „heranzoomt“, ist ein älteres Denkorgan mit einem Weitwinkelobjektiv vergleichbar. Es erfasst auch Dinge, die abseits des Brennpunkts liegen. Es bietet ein größeres Bild. Das kann manchmal ein entscheidender Vorteil sein.

„Es könnte sein, dass Ablenkbarkeit gar nicht so schlecht ist“, zitiert die „New York Times“ die Psychologin Shelley Carson von der Harvard-Universität.Sie hat festgestellt, dass kreative Persönlichkeiten nicht selten Probleme mit der Konzentration haben. Sie sind leichter ablenkbar, weil sie weniger Dinge aus ihrer Wahrnehmung herausfiltern als Menschen, die nicht so chaotisch sind – aber dafür auch weniger schöpferisch und originell.

Etwas Ähnliches trägt sich möglicherweise im alternden Gehirn zu. Auch hier gibt es eine Art Aufmerksamkeitsstörung, wie Studien belegen. So wurden Menschen jenseits der 60 und Studenten aufgefordert, Texte zu lesen, in denen unerwartete Wörter oder Redewendungen als „Störer“ eingestreut waren.

Die Studenten lasen schneller, die Älteren langsamer. Dafür nahmen sie genauer wahr, woraus die eingestreuten Formulierungen bestanden. Das entpuppte sich im darauffolgenden Test als Vorteil gegenüber den Jungen. Denn Antworten auf die gestellten Fragen fanden sich in den vermeintlich überflüssigen Wendungen. Wer sich durch sie hatte „stören“ lassen, war nun im Vorteil.

Im wirklichen Leben können solche zusätzlichen Informationen große Bedeutung haben. Etwa wenn es darum geht, eine Situation einzuschätzen oder die richtige Entscheidung zu fällen. „Diese Ergebnisse passen gut zu unserer Vorstellung von Weisheit“, sagt die Psychologin Jacqui Smith von der Universität Michigan. „Falls ältere Menschen in einer bestimmten Situation mehr Informationen aufnehmen und sie mit ihrem größeren Schatz an Allgemeinwissen und Erfahrung kombinieren, haben sie einen nicht zu unterschätzenden hübschen Vorteil.“ Ganz schön schlau.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben