Dr. WEWETZER : Die Supernasen sind zurück

Unser Autor fahndet nach guten Nachrichten aus der Medizin. Dieses Mal: Krebs erschnüffeln.

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

"Der Doktor wird jetzt an Ihnen schnüffeln“ – eine gewöhnungsbedürftige Vorstellung. Schnuppernde Ärzte hat es früher gegeben, als die Segnungen der Labormedizin noch unbekannt waren und den Heilkundigen bei der Erkennung von Krankheiten nicht viel mehr als ihre fünf Sinne zur Verfügung standen. Aber die Supernasen-Idee hat Zukunft, wie eine japanische Studie zeigt. Forscher in Fukuoka im Süden Japans haben einen weiblichen Labrador Retriever darauf abgerichtet, Darmkrebs aufzuspüren. Und das tut die achtjährige Hündin mit großer Treffsicherheit.

Labrador Retriever seien „sehr gutmütige“ Hunde, urteilt das Online-Lexikon Wikipedia, ausgestattet „mit einer vorzüglichen Nase“. Wie vorzüglich, das bewies die Hündin in Dutzenden von Riechtests. Sie beruhen auf der Tatsache, dass sich eine Krankheit wie Krebs durch die Atemluft verrät. Der Tumor bildet eine Reihe von Substanzen, die ausgeatmet werden und sich zu einem charakteristischen Geruchsmuster zusammensetzen – zumindest für den Hund. Bevor das Tier nun sein Meisterstück ablieferte, war es bereits imstande, ein ganzes Dutzend Krebsarten am „Duft“ zu erkennen.

48 Patienten mit Darmkrebs und 258 Freiwillige, die nicht an dem Tumor erkrankt waren, nahmen an dem Test teil. Sie atmeten in einen Beutel hinein oder lieferten Stuhlproben ab. Der Retriever wurde dann mit jeweils fünf Proben konfrontiert, von denen je eine von einem Krebspatienten stammte. Er fand 33 von 36 „krebshaltigen“ Atemproben und 37 von 38 Stuhlproben korrekt heraus, berichten Hideto Sonoda und seine Kollegen im Fachblatt „Gut“ („Darm“). Je früher das Stadium, umso besser die Resultate. Weder andere Darmkrankheiten noch Atemproben von Rauchern waren ein Hindernis.

Fazit: Wenn wir so riechen könnten wie die Hunde, könnte uns der Krebs kaum etwas anhaben. Wir hätten die Krankheit gerochen, bevor sie uns gefährlich werden könnte. Aber das klappt leider nicht. Und genauso unrealistisch ist es, dass Hunde uns künftig bitten werden, sie „doch einmal anzuhauchen“. Dr. Bello macht vorerst keine Praxis auf.

Aber es gibt eine Alternative – künstliche Nasen. An ihnen wird weltweit geforscht, sogar von der US-Weltraumbehörde Nasa (sorry, das musste jetzt sein). Im Prinzip müsste es möglich sein, mit ihnen nicht nur Krebs, sondern auch Tuberkulose, Asthma und andere Leiden aufzuspüren. Allerdings sind die technischen Probleme noch immens, wie der Lungenarzt Hubert Wirtz von der Leipziger Uniklinik berichtet.

Wirtz erforscht das „Atemprofil“ von Lungenkrebs. Dabei geht es nicht nur darum, eine Methode zu finden, um die vielfältigen Bestandteile der (Aus-)Atemluft zu erkennen. Sondern auch darum, die Bedeutung feiner Schwankungen in der Zusammensetzung des „Atemabdrucks“ mithilfe guter Software richtig zu deuten. Immerhin: „In zehn Jahren kann die ,elektronische Nase’ in der Arztpraxis stehen“, hofft Wirtz. Eine eher einfache Variante gibt es schon: künstliche Sprengstoff-Spürnasen für Flughäfen.

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