Dr. WEWETZER : Die Wurmkur

Als ich mitten im Prüfungsstress steckte, erwischte es mich. Zwei Tage lang hatte ich heftige Bauchschmerzen und krümmte mich vor Pein. Ohne Frage der Blinddarm, wie ich an mir selbst diagnostizierte. .

Wewetzer
Hartmut Wewetzer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ich hielt die Qualen aus (bitte nicht nachmachen!), absolvierte nach dem Abklingen der Beschwerden meine Klausuren und musste mich seitdem nicht mehr über meinen Blinddarm beklagen.

Sagte ich Blinddarm? Gemeint ist natürlich der Appendix, zu Deutsch Wurmfortsatz. Dieser Ausdruck ist ziemlich treffend, denn wie ein kleinfingerdicker und -langer Wurm sieht das Gebilde auch aus, das aus dem Ende des „echten“ Blinddarms, einem Teil des Dickdarms, herauswächst. Das Entfernen des „Wurms“ war lange Zeit bei uns so etwas wie ein chirurgischer Volkssport. Auch ich wäre meinen womöglich losgeworden, gilt doch der Appendix ohnehin als eher nutzloses Anhängsel und Irrläufer der Evolution. Also raus damit!

Nicht so hastig, sagt dagegen der Chirurg Bill Parker von der Duke-Universität in Durham im US-Bundesstaat North Carolina. Parker ist aufgefallen, dass auch Primaten, Hasen, Beutelratten und manch andere Säugetiere einen Appendix haben. Der Arzt glaubt, den Grund dafür gefunden zu haben. Der Wurmfortsatz dient als Reservoir nützlicher Bakterien, sozusagen als körpereigene Fabrik „probiotischer“ Bakterien, sagt Parker. In der Wand des Appendix sitzen übrigens jede Menge körpereigene Abwehrzellen, die eine innige Beziehung zu den netten Mikroorganismen von nebenan pflegen. Sie sondern Substanzen ab, die die Bakterien gedeihen lassen. Und die revanchieren sich: Immer wenn ein bösartiger Bazillus oder Virus dem Darm zugesetzt hat, schlägt die Stunde der gutartigen Wurm-Mikroben. Sie besiedeln die von Durchfall entleerten Weiten des Verdauungstrakts von Neuem.

James Grendell von der Winthrop-Universitätsklinik auf Long Island/New York konnte nun Parkers These belegen. Grendell beschäftigte sich mit Patienten, deren Darm von dem Bakterium Clostridium difficile befallen war. Das ist ein übler Zeitgenosse, der sich gerne im Darm breitmacht, wenn die ansässige „nützliche“ Bakterienflora durch Behandlung mit Antibiotika geschwächt ist. Die Folge sind schwere, mitunter hochgefährliche Durchfälle und Darmentzündungen.

Ein besonderes Problem sind wiederkehrende Infektionen mit C. difficile. An dieser Stelle kommt der Wurmfortsatz ins Spiel. Denn er kann ganz offensichtlich dieses Risiko verringern, wie Grendell feststellte. Von rund 250 Patienten mit einer C.-difficile-Infektion hatte jeder vierte über wiederkehrenden Befall zu klagen. Als Grendell sich diese Kranken genauer ansah, stellte er fest, dass sie häufig keinen „Wurm“ mehr hatten. Er rechnete aus, dass das Risiko einer Wiederkehr des Erregers um 60 Prozent geringer war, wenn die Betroffenen noch im Besitz ihres Appendix waren. Es kann also durchaus sein, dass das ungeliebte Anhängsel Ihr Leben retten kann. Vorausgesetzt, es wurde nicht schon vorher entfernt. Natürlich aus guten Gründen.

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